Martin Suter mag nicht, wenn man ihn duzt. Gegenüber der deutschen Agentur DPA erklärte der Schweizer Bestsellerautor: «Das allgemeine Duzen beraubt einen der Möglichkeit, sich einen Schritt näherzukommen – also wenn man erst Sie und dann nachher Du sagt.»
Wie altmodisch, könnte man ausrufen. Oder: Wie kapriziös! Was noch zu ergänzen wäre mit dem Hinweis, dass der international bekannte und vielfach verfilmte Schriftsteller stets ein Pochettli trägt und das Einstecktuch selbstverständlich mit Krawatte und Anzug kombiniert.
Wo lebt Martin Suter eigentlich? In welcher Zeit?
In unserer, der digitalen Epoche, die keine Geschichte kennt, nur das Jetzt, wirkt der stets distinguiert gekleidete 78-Jährige wie aus einer anderen Wirklichkeit. Aus welcher Wirklichkeit?
Der Historiker und Journalist Joachim Fest (1926–2006), mit seiner legendären Hitler-Biografie ebenfalls Bestsellerautor, erläuterte einst anekdotisch, wie es um den männlichen Kleider-Komment bestellt ist: Am Mittag sei auf dem Ku’damm, der bürgerlichen Prachtstrasse Berlins, «kein Mann mehr mit Krawatte anzutreffen» – worin der Herausgeber der konservativen «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» ein untrügliches Zeichen für den Niedergang des Bürgertums erkannte.
Martin Suters Beharren auf dem Unterschied zwischen Sie und Du, sein weisses Einstecktuch, seine geschmackssicher gewählte Krawatte, sein erlesener Anzug, sein klassisches Schuhwerk: Bürgerlichkeit von Kopf bis Fuss.
Beharren auf Bürgerlichkeit!
Ist die derart ostentative Zurschaustellung bürgerlichen Selbstgefühls in der Smartphone-Gesellschaft – ästhetisch definiert von Sneakers und T-Shirts und Hoodies und Baggy Jeans – mehr als eine Kaprize? Martin Suter demonstriert, was heute dringlich vermisst wird: bürgerliche Kultur im Alltag.
Sie findet ihre alltägliche Ästhetik im Selbstausdruck des Bürgers: in seinem Auftritt, in Manieren, im Wissen davon, wie mit Messer und Gabel umzugehen ist, im Gefühl für das Gegenüber, mit dem man gerade spricht – ganz besonders dann, wenn inhaltliche Gegensätze zu verhandeln sind, beispielsweise in der Politik.
Das bürgerliche Äussere ist Ausdruck bürgerlicher Gleichheit – von einem Grundprinzip des Bürgertums, historisch besonders nachdrücklich verwirklicht mit der Emanzipation der Arbeiterschaft vom Objekt zum Subjekt: vom Proleten zum Citoyen, zum Politik bestimmenden Bürger.
Bürgerschaft ist die Quintessenz unserer Gesellschaft von Demokratie und Rechtsstaat.
Dennoch scheint derzeit eine allgemeine Abwicklung von Bürgerschaft und Bürger im Schwange zu sein: auf Tiktok und X und Instagram und all den anderen Plattformen der Verkürzung. Statt des neugierigen Blicks in die kulturelle Weite und Tiefe der Gesellschaft herrscht – ja: herrscht – der verengte Blick auf den Smartphone-Bildschirm, von morgens bis abends, auf der Strasse, im Bus, im Café, in jeder Lebenslage.
Von der zivilisierten Selbstbeschränkung zur unzivilisierten Beschränktheit der Gesellschaft.
Die Sichtbarkeit des Bürgerlichen zerfällt im gleichen Mass wie die Gleichheit im Habitus als Rahmen für inhaltliche Ungleichheit. Der Zerfall der Form ist Folge der Kapitulation bürgerlicher politischer Kultur.
Jeder ist Du.