Die Kolumne
Die Macht des Nichts

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Frank A. Meyer

Sergio Ermotti hat sich an die Parlamentarier in Bern gewandt: «Einige haben die Position der UBS verstanden, andere wollen sie nicht verstehen, wieder andere sind verwirrt. (...) Die Darstellung der Behörden ist manchmal verkürzt und irreführend.» Fazit des obersten operativen Chefs der UBS: «Die Leute gehen davon aus, dass die Fakten korrekt sind, welche die Behörden nennen. Leider ist dies nicht immer der Fall.»

Die Vertreter von Volk und Ständen mitsamt Bundesrat, Finanzaufsicht und Nationalbank – ein Haufen Dilettanten? Gefährliche Dilettanten sogar, wie der CEO der Grossbank warnt: «Es geht um mehr als die UBS, es geht um die Schweiz.»

Also ist die UBS die Schweiz – die Schweiz ist die UBS. Und Sergio Ermotti Gottvater der Finanznation.

Seit dem jüngsten Interview, das der Tessiner der «Neuen Zürcher Zeitung» gewährte, herrscht Empörung über den selbstgefälligen Politikverächter auf dem UBS-Thron. Der freisinnige Ständerat Andrea Caroni tut sein Befremden höflich kund: «Das passt nicht zu meinem Grundverständnis von Demokratie.»

Inzwischen ist alles schon wieder ganz anders, die Politik folgt Bundesrätin Karin Keller-Sutter: Alle ausländischen Tochtergesellschaften der UBS müssen fürderhin mit 90 Prozent hartem Eigenkapital unterlegt sein. Der Austeiler wurde zum Einstecker. Ermotti beklagt die Folgen des Ständeratsentscheids denn auch wie das Opfer einer Schlägerei: «Zwei blaue Augen und eine gebrochene Nase.»

Eine schreckliche Vorstellung: Sergio ist ja nicht nur die Verkörperung der UBS, Sergio ist der bestaussehende Banker der Schweiz. Und die Frau, die ihm die Veilchen verpasst hat, geht auch noch allwöchentlich zum Boxtraining – zum Ausgleich für die Mühen der politischen Arbeit. Was ist mit der Schweiz geschehen?

CH und UBS im Boxring – die Bank knock-out.

Damit ist lediglich geschehen, was sich gehört: Die Politik bestimmt über Rechte und Regeln und Gesetze im Land. Oder, noch präziser: Die Demokratie bestimmt über die gesellschaftlichen Verhältnisse, auch wenn davon ein globales Abermilliarden-Unternehmen betroffen ist.

Das mag vergessen oder übersehen oder missachten, wer – wie unser Tessiner Model – auf dem Laufsteg der lukrativsten Finanzjobs allein 2025 nicht weniger als 14,9 Millionen Franken kassiert hat. Womöglich war die Lichtgestalt aus der Südschweiz auch bloss geblendet vom Scheinwerferlicht: Er oben, zu seinen Füssen das Publikum. Wer würde da nicht in Versuchung geraten, selbstgefällig irdischen Massstäben zu entschweben.

Auch mit dem unermesslich vielen Geld, in dem er sich täglich wie ein helvetischer Dagobert Duck zu bewegen hat, ist es so eine Sache: eine persönliche Sache – eine Sache ganz privater Psyche. Denn was ist Geld? Ein Versprechen: dass hundert Franken den versprochenen Gegenwert garantieren – erst recht Milliarden Franken. Die muss der Banker beackern.

Geld-Bauer Sergio!

Auf den ersten Blick klingt das gut. Auf den zweiten wird daraus nichts, nämlich nichts Vorführbares wie die Pillen einer Pharmafirma, die Schokolade eines Nahrungsmittelkonzerns oder auch das Brot eines Bäckers. Womit soll ein Mann wie Ermotti am Abend seiner Familie vorführen, was er tagsüber vollbracht hat? Bei so viel Nichts bleibt allein die Macht – die Macht des Geldes.

Der verführerische Glanz des Nichts.

Vielleicht ist Sergio Ermotti, bezirzt von den gigantischen Summen, denen er sich zugetan fühlt, seiner Geldmacht erlegen. Zugegeben: Demokratie und Politik sind bescheidene Wörter.

Begriffe der Freiheit.

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