Die Kolumne
Des Schweizers Schweiz

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Frank A. MeyerPublizist

Die Rechten wollen die Zuwanderung deckeln – bei zehn Millionen Einwohnern. Die Linken wollen das Bürgerrecht freigeben – für jeden, der seit fünf Jahren in der Schweiz lebt.

Welches Wollen könnte weiter auseinanderliegen?

Dabei ist die Schweiz doch der Goldtopf am Ende des globalen Regenbogens. Soll man den Deckel drauftun oder ihn überquellen lassen? Rechte wie Linke versprechen sich von ihrer Volksinitiative politischen Gewinn.

Was ist die Schweiz? Das wundersam funktionierende Alpenland im Herzen Europas? Die vor Tüchtigkeit strotzende Nation inmitten einer Welt der Krisen?

Auf jeden Fall ist die Schweiz so ungewöhnlich wie die Schweizer – die Gestalter dieses so überaus bemerkenswerten Landes. Aber gibt es diese Schweizer überhaupt? Ist nicht der Oberbipper im Mittelland ein anderer als der Niederbipper im Mittelland? Geschweige denn der Oberwalliser und der Unterwalliser und all «die Ausserschweizer» – wie die Oberwalliser den «Rest der Schweiz» zu qualifizieren belieben.

An der Weltausstellung 1992 in Sevilla provozierte der Künstler Ben Vautier im Schweizer Pavillon mit dem plakatierten Ausspruch: «La Suisse n’existe pas!» – «Die Schweiz gibt es nicht!». Seine Behauptung ist so präzis wie unpräzis – überbordende Vielfalt verbietet jede fassbare Formel für Land und Leute.

Die Bürger aber, die diesem Unikum politische, wirtschaftliche und kulturelle Gestalt geben, lassen sich sehr wohl beschreiben: als frei gesinnte Republikaner – Freisinnige! Leistungsträger: Arbeitnehmer wie Patrons wie sogar Manager! Kulturelle Provokateure: sprachkulturell wie stadtkulturell wie talkulturell! Schulter an Schulter vertraut verbunden: wie die vier Landessprachen. Heimatlich aufgehoben in Hunderten Muttersprachen: wie «jo» und «ja», Bieldeutsch und Berndeutsch!

Peter Bichsel, Weltschriftsteller aus Zuchwil, hat das «Durcheinandertal» von Friedrich Dürrenmatt, Weltschriftsteller aus Konolfingen und Neuenburg, zur schlüssigen Selbsterklärung verdichtet:

«Des Schweizers Schweiz».

Genau damit beschäftigen sich die Volksinitiativen der rechten wie der linken Schweizer: rechts zu viel Volk auf zu kleinem Raum – links zu wenig Schweizer auf zu reichem Raum.

Beide Volksbegehren zielen am Volkswohl vorbei: Für die Rechten ist der Schweizer Raum – obwohl umgeben und umworben von Europa – europafeindliches Gelände. Für die Linken ist der Schweizer Raum – bereits nach fünf Jahren persönlicher Anwesenheit – Einwanderungsraum für Krethi und Plethi.

Zuraten oder abraten?

Dies ist eine Frage von alarmierender Dringlichkeit. Weil die gerühmte und weltberühmte freisinnige Bürgerschaft sie nicht gestellt hat: Denn die möchte am liebsten nicht über Europa reden, schon gar nicht über die Einwanderung. Es könnte ja politisch werden. Die Verantwortlichen für diesen fatalen Fehler sind Freisinn und Sozialdemokraten.

Freies Feld für Populisten!

Nun muss das Volk es richten: am 14. Juni Nein schreiben auf den Stimmzettel zur SVP-Volksinitiative. Und den Linksgrünen die Unterschrift zu ihrer Initiative verweigern.

Beides verbunden mit verbindlichem Dank und versöhnlichen Grüssen:

Ihre Schweiz, Ihre Schweizer.

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