Ostern ist die hohe Zeit des Christentums, der Kreuzigung und der Auferstehung des Heilands. Diese Tage von Andacht und gläubiger Hingabe erinnern an eine andere, weitgehend verblichene Glaubensgeschichte, die aber immer noch ihren Funken in unsere politische Gegenwart wirft.
Auch die dramatische Geschichte von Ernesto Che Guevara (1928–1967), eine säkular-religiöse Parallel-Erzählung zum Osterwunder, handelt vom grossen Heilsbringer und vom ersehnten Paradies – es ist die Biografie des bärtigen Comandante und der Revolution auf Kuba.
Das gelobte Land in der Karibik, das nach Fidel Castros Revolution 1959 von Antikolonialisten, Sozialisten und Kommunisten auf der ganzen Welt als künftiges Paradies ausgerufen wurde, erlebt seine allerletzten Tage in dieser Rolle: Die Insel der Armut und des Elends von drei Generationen versinkt gerade in Müll und Schutt, Gestank und Dunkelheit, erbärmlich und erbarmenswert sogar in den Augen aller Gegner des Terrorregimes, das unzähligen freiheitsdurstigen Kubanern das Leben genommen hat.
Eine menschenwürdige Existenz war auf der «Zuckerinsel» nur zu haben für privilegierte Anhänger der Diktatur. Den Fügsamen blieb die Armut, den Widerspenstigen die Flucht in die freie Welt, vorab in die nahe gelegenen USA. Die internationale Linke indes beschönigte Kubas Elend – und Che Guevara blieb eine unberührbare Ikone der heimatlosen Welt-Revolutionäre.
So wurde er auch von seinen Feinden gesehen. Als der Anführer einer gescheiterten Guerillatruppe am 9. Oktober 1967 um 1.10 Uhr in der Schule des winzigen bolivianischen Dorfs La Higuera getötet wurde, soll er dem Soldaten, der ihn erschiessen musste, zugerufen haben: «Ich weiss, du bist gekommen, um mich zu töten. Schiess, Feigling, du wirst nur einen Mann töten.»
Che Guevara war ein grosser Mann – ein Weltmann der Revolution. Seine Häscher liessen der Leiche durch einen Chirurgen die Hände abtrennen. Dadurch sollte der Mythos seiner Unverletzlichkeit und Unsterblichkeit zerstört werden. Doch im Bewusstsein seiner Bewunderer hat Che bis auf den heutigen Tag überlebt.
Jesus Che.
Alles, was diese jesusgleiche Figur durch ihr persönliches Handeln gesegnet hat, ist heute ein Trümmerfeld – von Kuba über Venezuela bis Nicaragua. Die durch sein Vorbild inspirierten Revolutionen hinterliessen Millionen Gefangene, Gepeinigte, Gefolterte und Tote – bis auf den heutigen Tag, in Nordkorea, in Nordvietnam, in Kambodscha oder in China. Auch in Asien galt sein Antlitz mit Bart und Béret als personifizierte Auferstehung von Gerechtigkeit und Gleichheit, auf dem Weg zum klassenlosen Paradies.
Die einfachen Gläubigen, denen die führenden Genossen eine kommunistische Erziehung angedeihen liessen, erlebten unter der geistigen Führung des unsterblichen Che Armut, Verzicht und Unfreiheit. Das Ziel war die Überwindung der Bürgerlichkeit, der bürgerlichen Gesellschaft, die als das leibhaftig Böse der Geschichte verdammt wurde, schuld an Faschismus und Nazismus, in der aktuellen linken Schmäh-Hitparade vor allem des Kolonialismus.
Che spukt heute irgendwo im «globalen Süden» herum, der linksgrünen Sehnsuchtswelt. Kuba taugt nicht mehr dazu. Die neue Sehnsuchtsnation ist noch nicht bestimmt. Was kommt?
Die Französische Revolution bahnte mit ihren Folgerevolutionen und Geschichtsbrüchen dem Laizismus eine Gasse: Statt Kirche – Vernunft! Statt Gläubigen – freie Bürger! Statt Arbeiterklasse – Bürgerschaft!
Statt Proletariern – Citoyens!
Das Ziel der linksgrünen Kreuzzügler dieser Tage hingegen ist die Erziehungsgesellschaft: postmodern in der Selbstinszenierung, klassisch-religiös im Beschwören des absehbaren Untergangs alles und aller Bösen in der Klimakatastrophe sowie deren Vorboten: Starkregen, Hitzemonate und Kälteeinbrüche zur falschen Jahreszeit.
Erlösung verspricht nur der Gehorsam: das korrekte Befolgen sämtlicher neuzeitlicher Gebote. Von der korrekten Ernährung über das korrekte Reden bis zum korrekten Reisen. Diese Litanei ist den vom Armageddon begeisterten Medien täglich zu entnehmen – zum Auswendiglernen und Nachbeten.
Gelebte Bürgerlichkeit hingegen wäre: Widerrede, Skepsis, Freude an der abweichenden Meinung, Lust am Streit in Gleichheit und Freiheit, Lust an der Anarchie der Ideen. Dies aber setzt den Kampf gegen die säkular-religiösen Romantiker voraus – gegen die Verweigerer wirklicher Demokratie.
Möge ihr tapferer, ihr bewundernswerter Kirchengründer ihnen weiterhin beistehen – möge er sein Antlitz leuchten lassen über ihnen:
Che.