Editorial über Putin, Blocher und die Neutralität
Die Schweiz und der Krieg

Migrantenchaos in Ceuta, ein entfesselter Trump und die Abstumpfung vor dem Krieg – die SVP erwischt mit ihrer Neutralitäts-Initiative ein schlechtes Timing.
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«Kein Krieg»: So wirbt das Blocher-Lager für seine Initiative.
Foto: keystone-sda.ch
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Reza RafiChefredaktor SonntagsBlick

Hier ist nicht der Platz für Prognosen, und doch sei an dieser Stelle eine Voraussage gewagt. Am 27. September stimmt die Bevölkerung über die Neutralitäts-Initiative ab – das Herzensprojekt von SVP-Patron Christoph Blocher, der mit 85 im Herbst seiner Karriere noch einmal einen politischen Frühling spürt. Das Land ist zugepflastert mit dem Sujet der Ja-Kampagne: «Kein Krieg» lautet ihre Losung.

Doch die Angst vor der Apokalypse befindet sich im Schlummerzustand. Der russische Überfall auf die Ukraine und der Konflikt am Persischen Golf sind bislang nicht zum viel beschworenen dritten Weltkrieg ausgewachsen, sondern zum Hintergrundrauschen unserer Gegenwart. Berichte über russische Raketen auf ukrainische Zivilisten gehören inzwischen beinahe zum täglichen Nachrichtenstrom, selbst die Meldung über eine Sprengstoffdrohne über dem Leipziger Flughafen verblasst in der Sommerhitze.

Ist im Volk ein neuer Fatalismus ausgebrochen, eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Untergang? Wahrscheinlicher ist, dass Putins festgefahrene «Spezialoperation» im fünften Jahr zu einer Abstumpfung der westlichen Öffentlichkeit geführt hat. Dazu kommen der Groll über Europas Migrationspolitik und der Eindruck einer EU, die den Schengen-Raum an der Südgrenze nicht wirksam zu schützen vermag. Der Streit zwischen Italien und Spanien nach dem Massenansturm auf Ceuta hat dieses Elend offen zutage treten lassen. Gleichzeitig verschärft US-Präsident Donald Trump seinen Ton gegenüber Bern mit immer neuen Zolldrohungen.

Inmitten dieses Wirrwarrs des Jahres 2026 steht Christoph Blocher – als Mahner und Leiermann, der seit vier Jahrzehnten seine Erzählung von bewaffneter Neutralität und unabhängiger Eidgenossenschaft wiederholt. Am 27. September wird der Souverän nicht nur über einen Verfassungsartikel entscheiden, sondern auch darüber, ob er Blochers Auffassung von Neutralität versteht – sollen wir uns wirklich Sanktionen gegen die Kriegstreiber im Kreml verbieten? Angesichts der politischen Grosswetterlage wird die SVP mit ihrem Projekt an der Urne wohl scheitern.

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