Er trägt die Haare etwas länger als auf dem Fahndungsfoto, als er vor seiner Haustür in der Ostschweiz steht: der verurteilte 200-Dollar-Agent im Dienst des Kremls. Keinen Meisterspion hat SonntagsBlick da ausfindig gemacht, sondern einen Flüchtling aus Mariupol. Über die Messenger-Plattform Telegram liess er sich als eine Art Temu-James-Bond anwerben. Die stolze Atommacht Russland setzt mittlerweile auf sogenannte Wegwerfspione.
Das Böse wirkt besonders banal, wenn es unter Druck steht: An der Front in der Ukraine scheint Wladimir Putins «Spezialoperation» zunehmend ins Stocken zu geraten. Zugleich steigt die Zahl der zivilen Opfer dieses Krieges. Mangels erkennbarer Territorialgewinne setzt Russland nun offenbar verstärkt darauf, die ukrainische Bevölkerung zu zermürben. Moskaus Strategen spielen auf Zeit. Sie beobachten die Probleme ihres Widersachers Wolodimir Selenski genau und hoffen auf eine Steigerung seiner innenpolitischen Instabilität.
Währenddessen trägt der Aggressor seine Präsenz tief in den Westen hinein. Die psychologische Kriegsführung setzt darauf, dass jede Sichtung autonomer Flugapparate in Mitteleuropa Ängste auslöst. Vorfälle mit bewaffneten Drohnen über Nato-Gebiet werfen die Frage auf: Weshalb sind die Sprengsätze nicht explodiert? Kalkül – oder glücklicher Zufall?
Die Schweiz ringt in dieser kaum überschaubaren Phase des Geschehens um ihren Platz in einer zunehmend zerfallenden internationalen Ordnung – zwischen einem hypernervösen US-Präsidenten Donald Trump, der sich mit seiner Zollpolitik und dem Irankrieg verkalkuliert hat, und dem Erstarken autoritärer Mittel- und Grossmächte.
Ob wir neutral sind, ist dabei gar nicht die entscheidende Frage. Die Türkei schoss 2015 einen russischen Kampfjet ab und gibt heute einen von Moskaus wichtigsten Vermittlern. Auch die exakte Ausgestaltung der Schweizer Neutralität ist nicht das Problem. Das Problem ist vielmehr die fehlende Neutralität Wladimir Putins.
Russland hätte dringend eine Neutralitäts-Initiative nötig. Sie wäre vermutlich lohnender als die Rekrutierung von 200-Dollar-Spionen im Thurgau.