Editorial über die Schweiz, die Macht und das Misstrauen
Trump und Infantino. Eine Nachlese

Sie könnten kaum unterschiedlicher sein – und lösen in der Schweiz dieselbe Reaktion aus. An diesen beiden Männern zeigt sich ein Charakteristikum dieses Landes: das tief sitzende Misstrauen gegenüber der Macht.
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Bromance: Gianni Infantino und Donald Trump (r.).
Foto: imago/Bildbyran
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Reza RafiChefredaktor SonntagsBlick

Hundstage: Schwitzend gleitet die Nation durch die Raumzeit. Und es wird klar, dass die prägenden Figuren dieses heissen Sommers aus Schweizer Sicht Gianni Infantino und Donald Trump heissen. An ihnen erweist sich eine helvetische Eigenart: das tief sitzende Misstrauen gegenüber jeglicher Macht. Was im Fall des Fifa-Präsidenten zeitweise abenteuerliche Züge annahm.

So ist im Land ein Wettbewerb ausgebrochen, wer Infantino den Schierlingsbecher überreichen darf. Ganz nach vorne drängte sich alt Bundesrat Alain Berset, der in seiner Rolle als Generalsekretär des Europarats den Walliser moralisch zurechtweist. Zwar haben die Fifa und der Europarat so viel miteinander zu tun wie Max Bruchs erstes Violinkonzert mit DJ Bobos «Chihuahua». Dennoch hielt sich Berset für berufen, den Fifa-Chef öffentlich zu tadeln.

So irritierend Infantinos Liaison mit Trump und die Affäre um eine zurückgezogene Rot-Sperre auch sein mögen – der italienische Einwanderersohn aus Brig hat letztlich vor allem eine Sünde begangen: den Weltfussballverband auf den Schultern seines Vorgängers Sepp Blatter noch kommerzieller, noch gigantischer zu machen. Ist das verboten? Nein. Unheimlich? Gewiss. Unschweizerisch? Vielleicht.

Doch niemand sorgt zuverlässiger für eidgenössisches Misstrauen als Donald Trump. Das erklärt auch die verhaltene Reaktion auf den 12,5-Prozent-Zoll, den der US-Präsident mit dem fadenscheinigen Argument der Zwangsarbeit gegen unser Land verhängt – und mit dem er in Wirklichkeit auf China zielt. Erst allmählich wird klar, dass der Bundesrat, seine Unterhändler und das «Team Switzerland» durchaus Grund zur Zufriedenheit haben. Mithilfe aller Sonderausnahmen kommen die hiesigen Exporteure vergleichsweise glimpflich davon. Brüssel und Grossbritannien zahlen nun zwar tiefere Zollsätze, mussten Washington dafür aber grössere Zugeständnisse machen. Trumps Schweiz-Freund Jamieson Greer wiederum kann den USA das neue Handelsdefizit der Eidgenossenschaft als Erfolg verkaufen. Lauter Gewinner.

Und doch bleibt der Schweizer misstrauisch. Was in diesen Sommertagen vielleicht gar keine so schlechte Eigenschaft ist.

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