Editorial über die Lohnwünsche der Zürcher Exekutive
Züri brännt

Die Regierungsmitglieder der grössten Schweizer Stadt wollen 40’000 Franken mehr Jahressalär. Wie aus Rebellen das Establishment wird – ein Lehrstück.
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Der neue Stadtpräsident Raphael Golta (SP) am Sechseläuten.
Foto: Keystone
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Reza RafiChefredaktor SonntagsBlick

Zürich ist der Durchlauferhitzer Helvetiens. Von hier aus schwappen politische Bewegungen und Wirtschaftstrends auf die ganze Nation über. Auch die Jugendunruhen der Achtziger hatten ihr Epizentrum in der grössten Stadt der Schweiz. Die Heranwachsenden protestierten für mehr Mitwirkung und mehr Freiheit. Der Film «Züri brännt» setzte ihnen 1981 ein Denkmal.

Mittlerweile haben die politischen Erben der Achtzigerjahre-Rebellen die Städte des Landes erobert. Basel, Lausanne, Bern und Genf befinden sich fest in rot-grüner Hand. Sie sind zu wohn-, verkehrs- sowie sozialpolitischen Trutzburgen geworden. Die Aufmüpfigen von einst stellen die Elite von heute – was sich diese Woche in Zürich besonders deutlich zeigte: Die Stadtregierung ist zu der Überzeugung gelangt, dass ihre acht Mitglieder pro Jahr je 40’000 Franken mehr Lohn verdient haben; ihr Salär soll von 257’000 auf 296’000 Franken steigen. Eingereicht wurde der Antrag wenige Wochen nach dem Ausscheiden des freisinnigen Störenfrieds Filippo Leutenegger – was für ein Zufall.

Die Verbürgerlichung der geistigen Nachfahren von «Züri brännt» verrät sich in ihrer Begründung: Man verzichte im Gegenzug auf andere finanzielle Privilegien, vor allem aber müsse die Stadt «mit dem harten Wettbewerb um Spitzenkräfte» mithalten können. Das ist exakt das Argument, mit dem die von links gegeisselten Konzernchefs und Topmanager ihre Lohnexzesse zu begründen pflegen. Der Bürger soll begreifen, dass politische Schwergewichte vom Kaliber einer Simone Brander, eines Andreas Hauri oder einer Karin Rykart mit einem schäbigen Jahresgehalt von 257’000 Franken nicht länger für ihre aufreibende Regierungstätigkeit zu gewinnen wären.

An den urbanen Schalthebeln angelangt, beweisen die einst Bewegten eine amtlich-etatistische Geisteshaltung. Mit der Folge etwa, dass das beliebte Zürcher Freibad Dolder wegen fünf Zentimetern zu wenig Tiefe nach Jahrzehnten sein Sprungbrett verliert.

Der Marsch durch die Institutionen endet nicht einfach nur in der Bürokratisierung. Er endet auch in der finanziellen Selbstoptimierung des Establishments.

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