Editorial über die Krise im nördlichen Nachbarland
Deutschland, was ist los mit dir?

China setzt die deutsche Autoindustrie unter Druck, die AfD umgarnt Putin, die Schulden wachsen. Europas Wirtschaftsmacht muss dringend etwas zurückgewinnen: den Glauben an die eigene Stärke.
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Reza Rafi, Chefredaktor SonntagsBlick.
Foto: Philippe Rossier
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Reza RafiChefredaktor SonntagsBlick

Vor einer Weile kursierte der folgende Witz: Wofür steht die japanische Marke Mazda? – «Mein Auto zerstört deutsche Arbeitsplätze.» Man lachte noch über die ersten Neuwagen, die aus Fernost heranrollten.

Heute ist das Lachen verstummt. Der chinesische Konzern BYD flutet den Markt mit Elektroautos und wird Elon Musks Tesla gefährlich. Die deutschen Platzhirsche Volkswagen, Mercedes und BMW taumeln – bedroht sind Hunderttausende Jobs in Deutschland, aber auch Schweizer Zulieferer.

Als politische Schaumkrone dieser Misere trumpft die Rechtsaussenpartei AfD auf, die heute in Sachsen-Anhalt die Wahlen gewinnen könnte. Der «Spiegel» porträtierte in einer schrillen Titelstory den AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund als «gefährlichsten Mann Deutschlands», gespickt mit Klischees über die braunen Ossis, wobei das unheimlichste Kapitel unerwähnt blieb: Die AfD ist eine der Putin-freundlichsten Parteien Europas, und vielleicht stellt sie in Sachsen-Anhalt bald die erste deutsche Landesregierung, auf die der Kreml direkten Zugriff haben könnte. Im Parteiprogramm wird der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine als «militärische Auseinandersetzung» verniedlicht. Gefordert wird ein Stopp der Russland-Sanktionen, die Ausrichtung auf russisches Erdöl, mehr Russischunterricht an den Schulen und eine Wiederbelebung des Schüleraustauschs mit Russland – kurzum: eine kulturelle und wirtschaftliche Unterordnung in der Einflusssphäre Wladimir Putins. Das grösste EU-Mitglied macht sich selber klein.

2010 stand Griechenland finanziell am Abgrund. «Ihr griecht nix von uns», höhnte die «Bild»-Zeitung. Heute gilt Athens Staatshaushalt als saniert, während in Deutschland nur die Schuldenberge wachsen. Reihenweise schliessen, als Ausdruck dieser Stimmung, Musikläden und Buchhandlungen in den Innenstädten. Die Trübsal einer Nation, die Richard Wagners «Tannhäuser» und Thomas Manns «Buddenbrooks» hervorbrachte, schmerzt – Deutschland sollte sich, auch im Interesse Europas und der Schweiz, wieder seiner Stärken bewusst werden. Und lachen können.

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