Editorial über die Grenzen der Schwarzmalerei
«Öööh …»

Die Lust am Abgrund prägt das Denken unserer Tage. Doch verstellt sie den Blick für Entwicklungen auf der Welt, die Grund zur Hoffnung geben.
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Reza Rafi, Chefredaktor Sonntagsblick.
Foto: Philippe Rossier
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Reza RafiChefredaktor SonntagsBlick

Draussen erwärmte die Märzsonne den Monte Verità, den legendenumwobenen Hügel oberhalb von Ascona. Drinnen ging ein Raunen durchs Publikum, als einer endlich die Bühne betrat. Michel Houellebecq war der glanzvolle Name am Literaturfestival Eventi letterari.

Wie ironisch von Kurator Stefan Zweifel, so kurz vor Ostern, dem christlichen Fest der Auferstehung und der Hoffnung, den vielleicht grössten Pessimisten der Gegenwart aufzubieten. In den Büchern des französischen Superstars gehts um das Ende der Liebe, das Ende des Abendlandes, das Ende des Menschen.

Houellebecq liegt damit ganz im Einklang mit dem aktuellen Zeitgeist, der mit allerlei Hiobsbotschaften um sich wirft: Die künstliche Intelligenz fegt unsere Jobs weg. Die Umwelt geht zugrunde, in Amerika führt uns ein Irrer in den Abgrund. Die Schweiz geht den Bach runter – und stehen wir nicht sowieso täglich an der Schwelle zum dritten Weltkrieg?

Die Wahrnehmung mit der Moll-Tonlage schützt vor Naivität und Nachlässigkeit. Das gilt in der Sicherheitspolitik genauso wie im Schulwesen oder in der Forschung. Gleichzeitig aber verstellt das Bild einer «Welt aus den Fugen» den Blick für erstaunliche Entwicklungen: Unsere Volkswirtschaft und unsere Demokratie sind resistenter gegen Krisen als befürchtet. Die Ukraine behauptet sich dank ihrer Drohnentechnologie standhaft gegen Russland. Die gewachsene Distanz über den Atlantik könnte sich als Chance für ein selbstbewusstes Europa erweisen. Und vielleicht sind die gegenwärtigen Kriege in Nahost ein schmerzhaftes, aber reinigendes Gewitter, das den Boden für eine bessere Weltordnung bereiten wird.

Bei seinem Auftritt in Ascona antwortete Houellebecq auf die schöngeistigen Fragen seiner verdutzten Gastgeber jeweils mit einem langen «Ööööh …». Dem Sprachkünstler fehlten manchmal die Worte. Was gewiss zur Attitüde des Kultautors gehört.

Womöglich aber markierte er am Sonntag vor einer Woche ungewollt einen Wendepunkt, der ganz zur österlichen Botschaft passen würde: Vielleicht löst die Zeit der Hoffnung die Zeit der Schwarzmalerei ab. Und vielleicht gäbe es Grund dafür

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