Editorial über die 10-Millionen-Schweiz
Die wahre Zeitbombe ist eine andere

Wenn die Schweiz über die Zuwanderung abstimmt, geht eines fast unter: Das Wirtschaftswachstum pro Kopf ist kaum noch wahrnehmbar. Zunehmend breite Schichten profitieren nicht mehr von der Prosperität. Das ist gefährlich.
Kommentieren
1/2
Reza Rafi, Chefredaktor SonntagsBlick.
Foto: Philippe Rossier
Bildschirmfoto 2024-04-02 um 08.40.24.png
Reza RafiChefredaktor SonntagsBlick

Erstes Beispiel: Im Zug kommen wir ins Gespräch mit zwei jungen Rumänen. Sie haben bei einem Schweizer Grossverteiler angeheuert, in dessen Lagerhallen sie bei Minustemperaturen Ware verladen.

Zweites Beispiel: Unser Interview mit einem Vertreter der Schweizer Wirtschaft organisieren drei Kommunikationsfachleute. Zwei davon sind Deutsche, eine ist Irin. 

Drittes Beispiel: Arbeitskollegen machen Pause in einem hippen, urbanen Kaffeeladen in der Innenstadt. Man spricht Englisch: Die Barista ist Spanierin, ihr Kollege kommt aus Polen.

Diese Episoden haben sich so zugetragen und reihen sich in eine Liste ein, die sich beliebig verlängern liesse. Sie beschreiben den Alltag einer Nation, die ihre Identität sucht – irgendwo zwischen wirtschaftlichen Zwängen, Bevölkerungswachstum und dem Drang nach Erhaltung ihres Lebensstandards.

Was die PR-Berater und die Magaziner und die Gastroangestellten tun, könnten doch auch Inländer erledigen, sagt der Bauch – während der Kopf fragt, wer von uns dann die höheren Dienstleistungskosten, Warenpreise und Restaurantausgaben auf sich nehmen will. Die SVP versucht mit ihrer Initiative «gegen die 10-Millionen-Schweiz» eine einfache Lösung für dieses Dilemma an der Urne zu finden.

Eine fundamentale Herausforderung aber wird dabei bestenfalls an der Oberfläche sichtbar: Das Bruttoinlandprodukt pro Kopf der Schweiz belegt im internationalen Vergleich zwar einen Spitzenplatz, aber es wächst nur noch parallel zur Bevölkerung. Breite Schichten merken nichts vom Wachstum, das die Eigentümer und Manager der hoch technologisierten Branchen beglückt. Die Entfremdung zwischen der Masse der Leistungsträger und ihrer Elite, die Abwanderung von innovativen Kräften zu anderen globalen Hotspots und politischer Überdruss sind Standschäden einer Volkswirtschaft – sind sie auch Standschäden einer Demokratie?

Was auch immer bei der Abstimmung am 14. Juni herauskommt: Die wahrgenommene Stagnation und das Gefühl, abgehängt zu werden, könnten sich als politische Zeitbombe erweisen.

Was sagst du dazu?
Meistgelesen