Editorial über das politische Beben in Berlin
Erst kommt die Leihmutter, dann die Moral

Was der Fall des deutschen Politstars Jens Spahn über den Zustand der Bundesrepublik aussagt – und weshalb er Grund zur Hoffnung gibt.
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Jens Spahn tritt als CDU-Fraktionschef zurück.
Foto: keystone-sda.ch
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Reza RafiChefredaktor SonntagsBlick

Ein politisches Beben erschütterte am Samstag Berlin – Jens Spahn, Fraktionschef der CDU im deutschen Parlament, gab seinen Rücktritt bekannt.

Anlass war eine Nachricht, die im Grunde nicht einmal eine Meldung wert wäre. Denn sie ist für die Öffentlichkeit so wenig relevant wie das Glück, das Spahn gerade als frischgebackener Vater erlebt: «Ein tolles Gefühl», verriet der 46-Jährige der «Bild»-Zeitung. Spahn ist mit einem Mann verheiratet. Das Paar hatte seinen Sohn von einer Leihmutter in den USA austragen lassen. So weit, so privat.

Bloss gab es dazu eine pikante Vorgeschichte: Derselbe Jens Spahn hatte sich noch vor wenigen Jahren im Bundestag einer Legalisierung exakt jener Praxis entgegengestellt, von der er nun in Amerika Gebrauch machte. Ein Spitzenpolitiker weicht für viel Geld ins Ausland aus, um ein Gesetz zu umgehen, das er selbst mitverantwortet. Spahn lieferte einen Klassiker aus der Kategorie Wasser predigen und Wein trinken. Gerade weil es um einen der intimsten Lebensbereiche geht, wiegt dieser Widerspruch besonders schwer.

Nun hat Bundeskanzler Friedrich Merz durchgegriffen und seinen Parteifreund zum Rücktritt gedrängt. Der angeschlagene Regierungschef zog damit die Notbremse. Denn der Fall Spahn steht exemplarisch für eine Entwicklung, die viele Bürger umtreibt: Sie haben den Eindruck, dass für politische Eliten andere Regeln gelten als für sie selbst. Während in der Autoindustrie Massenentlassungen drohen, Energie- und Lohnkosten den Mittelstand unter Druck setzen und die Bürokratie die Wirtschaftslokomotive Europas bremst, zeigt eine Schlüsselfigur der Kanzlerpartei Anflüge von Marie-Antoinette-Attitüden. Und dies zur Freude der AfD – es sind fatale Signale vom wichtigsten Handelspartner der Schweiz.

Im besagten «Bild»-Interview beschrieb Spahn, wie er als Christ mit sich gerungen habe, zumal er wisse, «dass das eine die reine Lehre ist und das andere das echte Leben». Sein Rücktritt ist die überfällige Schadensbegrenzung einer kriselnden Bundesregierung – und führt zu einem aussergewöhnlich seltenen Ereignis: Ein Mann muss sich zwischen Kind und Karriere entscheiden.

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