Editorial über 25 Jahre Swissair-Grounding
Die Geister von 2001

Vor einem Vierteljahrhundert ging in der Schweiz mehr unter als eine Airline, nämlich auch eine alte Gewissheit: Dass die Wirtschaft dem Land verpflichtet ist; dass es von den nationalen Eliten geführt wird; und dass es seinen Platz in der Welt kennt.
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Das Ende der Swissair läutete eine Zeitenwende ein.
Foto: Keystone
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Reza RafiChefredaktor SonntagsBlick

Jubiläumsjournalismus gilt unter Medienleuten als lauwarm: billig, planbar, vorhersehbar. Eine Ausnahme bilden die Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York, also vor einem Vierteljahrhundert. In der Schweiz läuteten sie, Totenglocken gleich, den Beginn eines schwarzen Herbstes ein: Es folgten das Attentat von Zug am 27. September 2001, die Brandkatastrophe im Gotthard-Strassentunnel am 24. Oktober 2001 und, zur gleichen Zeit, das Grounding der Swissair.

Das Bild der Flieger mit dem Schweizerkreuz, die weltweit am Boden blieben, war das Menetekel einer innenpolitischen und wirtschaftlichen Umwälzung des Landes, die bis heute anhält. Dazu gehört der Abstieg des Freisinns, dessen Zürcher Wirtschaftsflügel eng mit dem Swissair-Management verflochten war. Die Partei sackte von damals knapp 20 Prozent Wähleranteil auf heute 14 ab, während die SVP von ähnlicher Grösse auf knapp 28 Prozent aufstieg.

Der Swissair-Schock wirbelte die alte bürgerliche Führungsstruktur des Landes durcheinander, die einst mit der Abkürzung «UNO» beschrieben wurde: Unternehmer, Nationalrat, Oberst. Heute geben zunehmend multinationale Manager den Ton an. Für die Feintöne der direkten Demokratie haben sie meist wenig Gehör, zumal der Heimmarkt für viele hiesige Konzerne noch einen Bruchteil ihres Business ausmacht. Die Musik des globalen Business spielt in Washington und Peking. Die Schweiz? Eine Art Co-Working-Space.

Das Ende der Credit Suisse 2023 war ein Echo der Zäsur von 2001. Die weltpolitische Verunsicherung sowie die Entflechtung der Eliten schreiten voran. Und die Warnsignale für die Nation sind unüberhörbar: Im neuesten «World Competitiveness Ranking» des International Institute for Management Development (IMD) in Lausanne ist die Schweiz vom ersten auf den dritten Platz abgerutscht – hinter Singapur und Hongkong.

Parallel zur innenpolitischen Verschiebung verhärtet sich der internationale Wettbewerb. Die «UNO» ist Geschichte, die Swissair ist Geschichte, der Freisinn ist auf dem Rückzug. Was bleibt, sind die Geister von 2001.

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