Darum gehts
- Ruth Stöckli lebt seit 2018 in einer renovierten Villa in Burgund
- Die Schweizerin investierte 180'000 Franken für das Anwesen mit 12 Hektaren
- Ihr Bed and Breakfast Le Relais du Doubs bietet fünf Gästezimmer an
«Alte Häuser und Gärten waren schon immer meine Leidenschaft», sagt die Bernerin Ruth Stöckli. Seit 2018 lebt sie in einer ehemaligen Fabrikantenvilla ausserhalb des kleinen Dorfs Ciel im Burgund. Seit dem Zusammenschluss der Gemeinden Ciel und Verdun-sur-le Doubs 2025 zählt die Bevölkerung rund 1800 Einwohner und liegt am Zusammenfluss der Flüsse Saône und Doubs, rund drei Stunden von der Schweizer Grenze.
Autopanne wurde zum Glücksfall
Ruth Stöckli lebte zuletzt in der Schweiz mit ihrem Ehemann in Rüeggisberg BE in einem ehemaligen Dorfladen, den sie zu einem kleinen Gästehaus mit Schaugarten umbaute und Einrichtungs- und Gartendekoration verkaufte. Inspirationen für ihre besonderen Einrichtungs- und Gestaltungsideen fand sie oft in Frankreich. «Bei einer Reise hatte ich mit dem Auto eine Panne und musste darum länger bei meiner Freundin in Frankreich bleiben, bis die Ersatzteile da waren und der Wagen repariert war», sagt Ruth Stöckli. Die Wartezeit nutzten die beiden Frauen und besichtigten Liegenschaften und Gärten. So ist Ruth Stöckli durch einen Immobilienmakler zufällig auf die Fabrikantenvilla gestossen. «Es war eine triste Jahreszeit, und die verwahrloste Liegenschaft wirkte dadurch traurig und trostlos, aber ich sah das Potenzial», sagt die Bernerin. Das schlossartige Gebäude mit 12 Hektaren Land am Fluss mit Wald und Wiesen haben es der Schweizerin auf Anhieb angetan. «Auswandern war eigentlich nicht mein Plan, aber wir haben in der Schweiz schon länger vergeblich etwas gesucht. So etwas wie hier wäre unbezahlbar in der Schweiz», sagt sie.
Tiefer Kaufpreis – hohe Investitionen für Neustart allein
Für rund 180’000 Franken konnte sich Ruth Stöckli mit dem Kauf der Liegenschaft 2014 ihren langgehegten Traum in Frankreich verwirklichen. Im Dezember 2017 ist sie allein in das alte Haus in Frankreich gezogen. Ruth Stöckli: «Der Umzug in meine neue Heimat Frankreich war gleichzeitig der Neustart in mein neues Leben nach der Trennung.» Wie viel sie in die Renovierung die verlotterte Villa investiert hat, kann sie nicht genau beziffern. Es sei vielleicht besser, wenn man das gar nicht so genau wisse, wenn man ein solches Umbauprojekt in Angriff nehmen möchte, sonst würde man das kaum wagen, meint sie. Nur so viel verrät sie: «Ich habe alles, was ich konnte, in dieses Haus investiert. Vor allem ganz viel Zeit und Herzblut.» Das war auch nötig.
Villa mit Geschichte und längst verblasstem Glanz
Zuletzt lebte nur noch die 93-jährige Madame Gabin der ursprünglichen Fabrikbesitzerfamilie allein in einem Zimmer der über 100-jährigen Villa, bis sie ins Altersheim kam. 20 Jahre stand die Liegenschaft leer. Die 1920 erbaute Villa mit zwei spiegelverkehrten Hausteilen gehörte einst einem Brüderpaar. Ihnen gehörte auch die ehemalige Ziegelfabrik auf dem Grundstück von Stöckli. Der Glanz von Reichtum war längst verblasst, als Ruth Stöckli in die alte Villa zog. «Da habe ich erstmals den Wert von Taschenlampen kennengelernt», erinnert sich die Schweizerin lachend an ihren Einzug in die verwahrloste Villa mit insgesamt 16 Zimmern in beiden Hausteilen. Vieles aus ihrer Anfangszeit allein im Haus hat sie verdrängt. «Ich weiss nicht mehr genau, wie ich die erste Zeit geschafft habe.»
Die grossen Umbauarbeiten hat die Schweizerin im März 2018 vorwiegend mit Freunden und Verwandten gestartet, und im Juli 2018 konnte sie tatsächlich im frisch renovierten Teil der Villa ihre fünf liebevoll und geschmackvoll gestalteten Gästezimmer im Landhausstil wie geplant vermieten und ihr eigenes kleines Bed and Breakfast Le Relais du Doubs eröffnen. Fernseher gibt es in der Villa nicht. Braucht es auch nicht, findet Stöckli: «Hier gibt es so viel in der Natur zu entdecken und Ausflugsmöglichkeiten in die Weingebiete oder Städte wie Dijon, authentische kleine Dörfer und Wochenmärkte.»
Helfende Mitbewohner und Gäste
Mit den Behörden in ihrer neuen Heimat lief alles problemlos – auch in Bezug auf ihre Baupläne: «Das lag auch daran, dass ich so viel wie möglich an der Villa unverändert liess und keine Anbauten oder Ähnliches plante. Ich wollte bewusst Charme und Charakter der Liegenschaft erhalten», sagt die Besitzerin und Gastgeberin. Im anderen Hausteil der Villa lebt Ruth Stöckli. Zwei Zimmer stellt sie in ihrem Hausteil für freiwillig helfende Feriengäste gegen Kost und Logie in ihrem Paradies kostenlos zur Verfügung. «Das Konzept Ferien gegen Hand ist toll. Da profitieren beide Seiten», sagt die Schweizerin. So fand sie auch einen Mitbewohner aus Deutschland, der nach einiger Zeit freiwilliger Mithilfe und Ferien fix in der Villa eingezogen ist und Stöckli bei Arbeiten in Haus und Garten unterstützt. «Er gehört inzwischen zum Kernteam. Wir freuen uns aber immer, wenn andere mit handwerklichem Geschick und Freude an der Natur einige Zeit in unserer Gemeinschaft bleiben und mithelfen», sagt Stöckli.
Platz und Herz für Tiere im eigenen Park
An Arbeit fehlt es Stöckli auch in der neuen Heimat nie. «In einem alten Haus gibt es immer etwas zu tun.» Zuletzt wurden sämtliche Fenster restauriert. Zudem hat sie einen grossen Garten mit Gemüse, Früchten, Beeren und Blumen sowie ihre tierischen Mitbewohner wie Hunde, Gänse, Enten, Pfauen und Hühner. Für Hühner hat sie eine besondere Leidenschaft entwickelt – nicht nur als Eierlieferanten. «Ich wusste lange gar nicht, wie viele verschiedene und exotische Rassen es gibt und finde Hühner toll», sagt die Tierliebhaberin, die auch schon Tiere aufgenommen hat, weil sich die Besitzer nicht mehr um sie kümmern konnten. Platz hat sie auf ihrem Anwesen mit Park genug. «Meine Tiere leben hier tagsüber alle frei.»
Stöbern auf Märkten in kleinen Dörfern in beliebter Weinregion
Wenn Ruth Stöckli nicht mit ihren Feriengästen beschäftigt ist oder sich um Haus und Garten kümmert, ist sie viel unterwegs und stöbert nach Trouvaillen. Dafür muss sie jetzt nicht mehr weit reisen. «Um Ciel herum finden immer wieder kleinere und grössere Brocantes unter freiem Himmel statt. Da bin ich oft an Sonntagen am Stöbern», sagt Stöckli. Allein oder auch mit Gästen. «Viele meiner früheren Kunden aus der Schweiz sind Gäste bei mir in Frankreich.»
Der Start mit dem B&B sei harzig gewesen, auch weil die Corona-Pandemie dazukam. Inzwischen hat sie sich mit ihrem Le Relais du Doubs einen Namen gemacht. «Besonders ruhesuchende Natur- oder Weinliebhaber sind gern hier und schätzen die Weite und die unkomplizierte Atmosphäre», so Stöckli, die auch immer wieder kreative Workshops organisiert oder spontane Musiksessions im Sommer.
Visionen und Zukunftspläne in der neuen Heimat
Die Schweizerin sprüht förmlich vor Ideen und Projekten an ihrem neuen Wohnort. So hat sie zuletzt noch einen ausrangierten Camion zum Tiny House ausgebaut: Die Camionette Enchantée mit eigener Küche, WC, Dusche und Terrasse steht neu zur Vermietung auf ihrem Grundstück.
In ihrer neuen Heimat kann Ruth Stöckli ihre Ideen und Träume verwirklichen. Sie denkt nicht an eine Rückkehr. Vielmehr hat sie die Vision, irgendwann eine WG mit Freigeistern in ihrer Villa zu gründen. «Ich habe viel investiert in meinen Traum hier, aber ich bereue nichts. Ich habe hier in Ciel eine neue Heimat gefunden.»