Bei Schattenhalb oberhalb von Meiringen BE führte die beim Ehepaar Künzi beliebte Veloroute jahrelang vorbei am verwaisten Hotel Schwendi. Mit einem Verkaufsschild wurden trotz der traumhaften Lage seit 2010 vergeblich Käufer für die Liegenschaft aus dem Jahr 1899 gesucht. «Wir sind immer wieder mit unserem Tandem hingefahren, haben Halt an diesem wunderbaren Ort gemacht und nach dem Haus geschaut», erzählt Martin Künzi (53), der selbständig im Marketingbereich tätig ist. Ehefrau Barbara Künzi (53) ist als Logopädin für Kinder im Vorschulbereich tätig. «Eigene Kinder haben wir nicht. Unsere Projekte sind unsere Kinder», sagt sie lachend. Das jüngste Projekt des Thuner Ehepaars war der Kauf und Umbau des Hotels Schwendi.
Der Ort mit dem verwaisten Haus liess das Ehepaar aus Thun nicht mehr los. «In unseren Ferien sinnierten wir erneut, was man daraus machen könnte», sagt Martin Künzi. Als das Ehepaar dann einen Besichtigungstermin für das Kaufobjekt vereinbarte, ist es dem Charme und dem Zauber vollends erlegen. «Es war bezugsbereit hergerichtet. Einfach und gemütlich und hatte noch diesen Zauber längst vergangener Zeit», schwärmt Barbara Künzi. «Es war wie für uns gemacht», ergänzt der Ehemann. Ohne konkrete Pläne, aber mit Ideen kaufte das Ehepaar 2022 das Hotel mit den zwölf Zimmern für 720’000 Franken. Liebevoll und scherzhaft bezeichnet Martin Künzi den Kauf und das Projekt als «Villa Übermut». Leichtsinnig sei der Kauf aber nicht gewesen, eher abenteuerlich, ohne Berücksichtigung aller möglichen Herausforderungen und Eventualitäten. Barbara Künzi: «Wir sind Abenteurer. Der Hauskauf war Intuition.»
Inspiration während Zwischennutzung
Zwei Sommer lang nutzte das Ehepaar das alte Haus mehr oder weniger, wie es war, als Rückzugsort für sich oder mit Bekannten für Ferien oder Feiern. So hauchten Künzis dem Haus, das 20 Jahre leer stand, wieder etwas Leben ein. Schritt für Schritt ist in dieser Zeit der Zwischennutzung das Umbauprojekt für das ehemalige Hotel Schwendi mit seinen zwölf Zimmern entstanden. Ein Weg der Entwicklung und Inspiration von Sinnhaftigkeit. Für Künzis vergleichbar mit einer Pilgerreise. Die eigene Wortschöpfung «Zwischensinn» entstammt dieser Phase. Das Ergebnis ist das komplett sanierte und seit Dezember 2025 neu eröffnete «Pilgerhaus Schwendi» mit sechs Appartements. Barbara Künzi: «Es ist noch immer gemütlich und charmant, aber modern und komfortabel.»
Der Weg ist das Ziel – das trifft es beim Umbauprojekt des Ehepaars Künzi ziemlich gut. In den ersten beiden Jahren der Zwischennutzung wurde entrümpelt und geplant. Was möglich war, haben Künzis selber rausgerissen – stets darauf bedacht, möglichst viel der vorhandenen Substanz zu erhalten. Unterstützt wurde das Ehepaar dabei von Bekannten – ideell und finanziell. Die Finanzierung für das Umbauprojekt gestaltete sich schwierig. «Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und einen Businessplan erstellt. Eine Bank für die Finanzierung zu finden, hat aber gedauert. Gute Bekannte, die uns vertrauten und unser Konzept verstanden haben, unterstützten mit privaten Darlehen das aussergewöhnliche Projekt teilweise», sagt Martin Künzi. Zudem leistete die Berghilfe einen finanziellen Unterstützungsbeitrag, so dass im März 2025 die Umbauarbeiten mit regionalen Handwerkern gestartet werden konnten.
Wie Probleme zu Chancen werden
Auch den passenden Architekten für das aussergewöhnliche Vorhaben zu finden, gelang erst im zweiten Anlauf. «Wir wollten den Charme erhalten und so viel als möglich wiederverwenden», sagt Martin Künzi. Die Fenster mit Doppelverglasung sind verblieben, das Dach aber wurde erneuert und die Fassade isoliert. Geheizt wird neu mit Pellets. Die Riemenböden aus Holz, die unter den alten Teppichen zum Vorschein kamen, wurden aufgefrischt, genauso die Kassettentäfer aus Holz und das Treppengeländer. Die sechs Appartements verfügen neu alle über eine eigene Dusche und WC sowie Kochmöglichkeiten und Essbereich. In der ehemaligen Gaststube im Erdgeschoss steht ein grosser Esstisch für gemeinsame Essen, Austausch oder Wirken. Nicht alles lief bei den Umbauarbeiten ganz genau nach den Vorstellungen des Ehepaars, was etwas Flexibilität und Anpassungen erforderte. So wurde beispielsweise in einem Appartement ein Radiator an falscher Stelle montiert. «Da haben wir gemeinsam nach Lösungen gesucht und das Raumkonzept etwas angepasst. Das Resultat wurde besser als ursprünglich geplant. Probleme können auch Chancen sein», sagt die Ehefrau.
Ein Traumhaus zum Teilen
Grundsätzlich ist das Ehepaar sich einig, dass ihr Hausumbau kein Stress war. Künzis empfanden das Projekt und die Prozesse als lehrreich, und die gemeinsame Suche und Auswahl von Produkten und Materialien diente rückblickend gesehen auch der Beziehungspflege. Sie bereuen ihr «Abenteuer» nicht, freuen sich über das Resultat und ihr geschaffenes Traumhaus, das sie mit Gästen teilen, die eine Auszeit oder Inspiration im Pilgerhaus suchen.
«Uns war von Anfang an klar, dass wir neben unseren Jobs nicht Gastgeber im klassischen Sinn sein können», sagt Martin Künzi. Da hat sich ungeplant früh in der Planungsphase eine Lösung abgezeichnet: Eine Nachbarin mit Kindern, die ihren beruflichen Wiedereinstieg plante, ist Gastgeberin und Ansprechperson, wenn Künzis nicht vor Ort sein können. Das Ehepaar möchte das Pilgerhaus und den inspirierenden Ort weiterhin selber nutzen und den Zauber geniessen: Abschalten, auftanken – Ruhe, Zeit und Raum für sich haben. Barbara Künzi: «Die Stadt Thun ist schön, aber hier oben taucht man in eine andere Welt ein.» Das soll auch so bleiben. Darum inserieren Künzis ihre Appartements nicht auf Buchungsportalen. Sie bleiben ihrem Weg und ihrem Konzept treu. «Unser Haus ist nicht als Renditeobjekt gedacht, und der Ort soll vom Massentourismus verschont bleiben. Wer sucht, findet das Pilgerhaus auf seinem eigenen Weg.»