An Ostern bewegt das Christentum die Massen
Pilgern boomt, Bibelverkäufe sind so hoch wie nie

Trotz steigender Zahl von Kirchenaustritten bleibt das Interesse an der Religion lebendig. Die Pilgerorte in Jerusalem ziehen 2018 so viele Menschen an wie lange nicht.
Publiziert: 31.03.2018 um 23:48 Uhr
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Aktualisiert: 13.09.2018 um 05:02 Uhr
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Karfreitag: Christen erinnern an Jesu Leid und Tod(01:18)
Daniel Arnet

Zum Zeichen des Friedens steht heute auf vielen Tischen eine frisch gebackene Colomba Pasquale, die traditionelle Ostertaube. Doch inmitten der Idylle brennt bereits die Lunte – zumindest auf dem Schutzumschlag des neuen Bestsellers «Der Skandal der Skandale». Der deutsche Theologe und Psychiater Manfred Lütz (64) erzählt darin «Die geheime Geschichte des Christentums», wie es im Untertitel drohend heisst.

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Der Leidensweg Jesu Christu ist dieser Tage das grosse Thema.

Auch wenn Lütz in seinem Buch fragwürdige Argumente anführt: Seine Bombe hat in jedem Fall eingeschlagen. Erst Ende Februar veröffentlicht, ist es binnen kurzem auf Platz zwei der «Spiegel»-Sachbuchbestsellerliste hochgeschossen. Nun liegt es stapelweise auch in Schweizer Buchhandlungen.

Die Menschen suchen heute offensichtlich nicht nur nach Schoggihasen und Eiern, sondern auch nach christlichen Werten. Zehntausende im deutschen Sprachraum lesen Lütz, Hunderttausende europaweit strömen ins Kino, um Rooney Mara als «Maria Magdalena» zu sehen, Millionen auf der ganzen Welt wollen – wenigstens am Bildschirm – den Segensspruch «Urbi et orbi» von Papst Franziskus vernehmen.

«Alle Jahre wieder», mag man da sagen. Doch 2018 ist das Interesse am Christentum geradezu explodiert. Das zeigt sich an christlichen Pilgern aus aller Herren Länder, die in Jerusalem auf den Spuren Jesu Christi wandeln – mit dem Kreuz die Via Dolorosa entlang zur unlängst restaurierten Grabeskirche. Für die heilige Woche rechnet man mit weit über 80'000 Reli­gionstouristen.

Gesicherte Angaben gibt es für Januar, und schon diese zeigen stark nach oben: Buchten vor zwei Jahren 11'000 Pilger über das Chris­tian Information Center in Jerusalem einen Gottesdienst an heiligen Stätten, sind es in diesem Jahr mit 26'000 mehr als doppelt so viele.

Das meistverkaufte Buch der Welt

Nicht nur die Zahl der Pilgernden steigt markant an, auch die Bibel – mit zwei bis drei Milliarden Exemplaren ohnehin das meistverkaufte Buch der Welt – findet neuerdings wieder reissenden Absatz.

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So berichtet die Deutsche Bibelgesellschaft, dass sie 2016 über eine halbe Million der Bücher absetzen konnte – mehr als doppelt so viele wie im Jahr zuvor. 2017 sind nochmals über 300'000 hinzugekommen. Die Neuübersetzung der Lutherbibel mag stark zu diesem Boom beigetragen haben.

«Im vergangenen Jahr feierten die evangelischen Kirchen das 500. Jubiläum der Reformation», sagt Katharina Dunigan, Leiterin Kommunikation des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK). «Wir haben ein starkes Interesse seitens Politik, Zivilgesellschaft und Medien gespürt.»

Die Reformation habe die Schweiz stark geformt – und zu dem werden lassen, was sie heute sei. Dunigan: «Die Welt wird anonymer, deswegen möchten Schweizerinnen und Schweizer erfahren, was sie ausmacht.»

Trotz weiter steigender Zahl von Kirchenaustritten ist das Interesse am Christentum in der Schweiz nach wie vor gross. So zählen sich hierzulande bloss zwei Prozent zum harten Kern der Atheisten, bestreiten also die Existenz eines Gottes, auch wenn ihnen dann und wann ein «Gopfver­tami!» über die Lippen kommen mag.

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Schweizerinnen und Schweizer werden durch die Abkehr von den Landeskirchen offenbar nicht areligiös. Vielmehr lehnen sie die rigiden Dogmen ab – und wollen wohl vor allem Steuern sparen.

2000 Jahre Skandale

Dass das Interesse am Christentum bleibt, darin sieht Manfred Lütz einen Grund für den Erfolg seines Buches auch in der Schweiz. «Es gibt ein grosses Bedürfnis nach vernünftiger, unideologischer Aufklärung», sagt er. Sein Buch bringe alle sogenannten Skandale der 2000-jährigen Geschichte des Christentums auf den heutigen Stand der Wissenschaft. Lütz: «Es wurde von führenden Historikern korrekturgelesen, damit alles stimmt, aber auch von meinem Coiffeur, damit es locker geschrieben bleibt.»

Das gut 300-seitige Buch ist eine populärwissenschaftliche Zusammenfassung des über 800-seitigen wissenschaftlichen Wälzers «Toleranz und Gewalt – Das Christentum zwischen Bibel und Schwert» des deutschen Kirchenhistorikers Arnold Angenendt (83) aus dem Jahr 2007. Durch Lütz kommt das Fachwissen nun simplifiziert an ein breites Publikum. «Es ist ein Buch für Christen, die keine Angst vor der Wahrheit haben; und für Atheisten, damit sie wissen, woher sie kommen», sagt Lütz. In den ersten zwei Verkaufswochen ging «Der Skandal der Skandale» 40'000-mal über die Ladentische.

«Es gibt effektiv ein neues, erhöhtes Interesse am Christentum», bestätigt auch Charles Martig, Direktor des Katholischen Medienzentrums in Zürich. Dazu habe nicht zuletzt Papst Franziskus beigetragen: «Er nimmt wichtige Themen in der Gesellschaft auf, wie den Umgang mit Flüchtlingen oder mit unserer Umwelt. Sein Einsatz für die Schwachen und Benachteiligten wird in der Öffentlichkeit wahrgenommen.» Zudem sorge der Papstbesuch vom 21. Juni in Genf für ein gesteigertes Inter­esse in der Schweiz.

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Für seinen Bestseller «Sakrileg» von 2003 hatte sich US-Autor Dan Brown (53) angesichts des Mailänder Freskos «Das Abendmahl» von Leonardo da Vinci noch eine wilde Kriminalgeschichte ausgedacht, in der er eine Figur beim Abendmahl als Maria Magdalena identifizierte, sie als Jesu Ehefrau und Mutter von dessen Tochter Sarah beschrieb. Mit solchen Mythen ist nun Schluss.

Eine Religion voller Geheimnisse

So sieht es auch der Blockbuster-Osterfilm «Maria Magdalena». Er präsentiert seine Heldin unaufgeregt als Gewissen der Religion. Kennzeichnend aber, dass der Trailer «die unerzählte Geschichte» Maria Magdalenas verspricht und Lütz sein Buch mit dem Satz beginnt: «Das Christentum ist die unbekannteste Religion der westlichen Welt.» Film wie Buch versprechen, die letzten Geheimnisse der Religion aufdecken zu wollen – und das kommt an. Ob sie das wirklich tun, sei dahingestellt.

War das Buch der Bücher über Jahrhunderte ein unerschöpflicher Quell für Räuberpistolen, rückt man der Bibel nun wissenschaftlich zu Leibe. «Die aktuelle Debatte um Fake News und der Verrat von ­Facebook an seinen Nutzern zeigt gesellschaftliche Grenzen auf», sagt Martig vom Medienzentrum Kath.ch. «Jetzt werden plötzlich wieder Werte wie Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und Barmherzigkeit wichtig, die zum Kern des Christentums gehören.»

Auf Teufel komm raus – Exorzismus in Rom

Der Vatikan führt Mitte April einen einwöchigen Kurs in Exorzismus für Priester durch. Die Schulung findet im Päpstlichen Athenaeum Regina Apostolorum in Rom statt. Die Nachfrage nach Teufelsaustreibungen habe stark zugenommen, teilt die vom Vatikan unterstützte Internationale Vereinigung von Exorzisten mit. Die Zeitung «Guardian» ­zitierte gestern einen sizilianischen Priester, der die Anzahl angeblich Besessener allein in Italien auf 500'000 Menschen schätzt. Das seien dreimal mehr als noch vor ein paar Jahren. Kritiker auch innerhalb der Kirchen sagen, dass mit dem Konzept der Besessenheit ganz bewusst psychisch Kranke diskriminiert würden. Papst Franziskus unterstützt die Teufelsaustreibung grundsätzlich.

Der Vatikan führt Mitte April einen einwöchigen Kurs in Exorzismus für Priester durch. Die Schulung findet im Päpstlichen Athenaeum Regina Apostolorum in Rom statt. Die Nachfrage nach Teufelsaustreibungen habe stark zugenommen, teilt die vom Vatikan unterstützte Internationale Vereinigung von Exorzisten mit. Die Zeitung «Guardian» ­zitierte gestern einen sizilianischen Priester, der die Anzahl angeblich Besessener allein in Italien auf 500'000 Menschen schätzt. Das seien dreimal mehr als noch vor ein paar Jahren. Kritiker auch innerhalb der Kirchen sagen, dass mit dem Konzept der Besessenheit ganz bewusst psychisch Kranke diskriminiert würden. Papst Franziskus unterstützt die Teufelsaustreibung grundsätzlich.

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Kein Zweifel: Wenn die Kirchen ihre aufklärerische Arbeit ernst nehmen, dürfte das Christentum künftig auf noch mehr Zuspruch stossen.

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