Es ist eines der grössten Rätsel der Luftfahrtgeschichte: Was geschah mit Amelia Earhart, als sie 1937 bei ihrem Versuch verschwand, als erste Frau die Welt mit dem Flugzeug zu umrunden? Seit fast 90 Jahren wird nach der legendären Pilotin und ihrer Maschine gesucht. Jetzt schöpfen Forscher neue Hoffnung.
Ein amerikanisches Team von Unterwasserarchäologen reist heute, am 13. Oktober auf das abgelegene Atoll Nikumaroro im Pazifik. Dort wollen die Wissenschaftler einem rätselhaften Objekt auf den Grund gehen, das auf Satellitenbildern einer Lagune zu erkennen ist. Ihre Vermutung: Es könnte sich um das Wrack von Earharts zweimotorigem Flugzeug vom Typ Lockheed Electra 10-E handeln.
Unterstützt wird das Projekt von der Purdue University im US-Bundesstaat Indiana. Ob sich hinter den auffälligen Konturen tatsächlich ein Flugzeug verbirgt, muss sich allerdings erst noch zeigen.
Ein Schatten im Wasser könnte alles verändern
Die Hoffnung der Forscher stützt sich auf Satellitenaufnahmen aus dem Jahr 2020. Darauf wollen sie Umrisse erkannt haben, die an einen Flugzeugrumpf und Tragflächen erinnern. Auch auf historischen Aufnahmen aus dem Jahr 1938 seien ähnliche Formen zu sehen.
Richard Pettigrew vom Archaeological Legacy Institute im US-Bundesstaat Oregon leitet die Expedition. Für ihn wäre der Fund eine Sensation. «Der Fund von Amelia Earharts Electra wäre eine Entdeckung meines Lebens», wird er zitiert.
Sollte sich die Vermutung bestätigen, könnte das die Theorie stützen, dass Earhart und ihr Navigator Fred Noonan in der Nähe von Nikumaroro notlanden mussten. Das Atoll liegt Hunderte Kilometer von ihrem ursprünglich geplanten Ziel entfernt.
Doch bislang ist das Objekt nicht eindeutig identifiziert. Die Satellitenbilder allein liefern keinen Beweis dafür, dass es sich tatsächlich um das verschollene Flugzeug handelt.
Nicht alle glauben an den grossen Fund
Die neue Expedition ist nicht unumstritten. Rick Gillespie, Gründer der Forschungsorganisation Tighar, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Verschwinden Earharts und hat bereits zahlreiche Expeditionen nach Nikumaroro geleitet. Er bezweifelt, dass das neue Team das Wrack finden wird.
Gillespie hält es zwar ebenfalls für möglich, dass Earhart auf dem Atoll landete. Seiner Theorie zufolge könnte das Flugzeug später vom Meer über das Korallenriff gezogen, versenkt und in Einzelteile zerbrochen worden sein. In diesem Fall wäre es heute deutlich schwieriger, die Überreste aufzuspüren.
Auch frühere Suchaktionen in den Gewässern rund um die Insel blieben erfolglos. Dazu gehörte eine Expedition im Jahr 2019 unter der Leitung des bekannten Tiefseeforschers Robert Ballard, der unter anderem durch die Suche nach der «Titanic» berühmt wurde.
Gillespie hält die vermeintlichen Flugzeugkonturen auf den Satellitenbildern zudem für eine mögliche natürliche Erklärung: Seiner Einschätzung nach könnte es sich schlicht um einen ins Wasser gespülten Baumstamm handeln.
Eine letzte Nachricht über dem Pazifik
Die offizielle Erklärung der US-Regierung lautet weiterhin, dass Earharts Flugzeug der Treibstoff ausging und es nahe der Howlandinsel im Pazifik abstürzte. Die Insel liegt rund 640 Kilometer nordwestlich von Nikumaroro.
Earhart war am 2. Juli 1937 von Papua-Neuguinea aus gestartet. Die damals 39-Jährige wollte mit ihrem Navigator Fred Noonan die Welt umrunden. Die Reise sollte sie in die Geschichte der Luftfahrt eingehen lassen.
Doch am folgenden Tag brach der Funkkontakt ab. In ihren letzten überlieferten Funksprüchen berichtete Earhart von Treibstoffproblemen und übermittelte Positionsangaben. Anschliessend verschwand das Flugzeug spurlos.
Eine Frau, die ihrer Zeit voraus war
Amelia Earhart war weit mehr als eine Pilotin, die spurlos verschwand. In einer Zeit, in der die Fliegerei fast ausschliesslich Männern vorbehalten war, wagte sie sich in unbekannte Höhen und stellte gesellschaftliche Grenzen infrage. 1932 überquerte sie als erste Frau allein im Flugzeug den Atlantik. Mit ihrem Mut, ihrem Ehrgeiz und ihrem Pioniergeist wurde sie zum Vorbild für Generationen von Frauen. Ihr Schicksal ist bis heute ungeklärt. Doch ihr Vermächtnis lebt weiter: als Geschichte einer Frau, die sich nicht damit zufriedengab, dass andere ihr sagten, was möglich war.
Grösste Suche in der Geschichte der US-Regierung
Die Suche nach der Pilotin gehörte zu den grössten Suchaktionen nach einem Flugzeug in der Geschichte der US-Regierung. Trotz jahrzehntelanger Untersuchungen wurden weder Earhart noch Noonan oder das Flugzeug zweifelsfrei gefunden.
Ob die neuen Hinweise tatsächlich zum Wrack führen, ist offen. Die Expedition könnte eine weitere Spur liefern. Bis das Objekt eindeutig identifiziert ist, bleibt das Schicksal der berühmten Flugpionierin eines der faszinierendsten ungelösten Rätsel der Luftfahrtgeschichte.
Dieser Artikel erschien zuerst auf blic.rs. Das serbische Newsportal gehört wie Blick zu Ringier.