Darum gehts
- Tief im Dschungel, bei den Maya-Ruinen in Calakmul, Campeche
- Nagelneuer Tren Maya verbindet Städte und Sehenswürdigkeiten auf 1500 Kilometern
- H-men Rodolfo führt traditionelle Maya-Taufzeremonie durch
Lautlos steigt der Dunst aus dem Dschungel und legt sich wie eine Decke über die Weite. Darüber schimmert ein Himmel in Pastellrosa. Vögel begrüssen den Tag, ein riesiger blauer Morphofalter tänzelt durch die Luft. Es könnte ein so friedvoller Augenblick sein – würden sich nicht die Brüllaffen aufführen wie Hooligans im Fussballstadion. Die Krawallmacher haben just jene monumentale Pyramide zu ihrem Wohnsitz auserkoren, die ich an diesem Morgen im Urwald besichtigen will. Ich stehe in den Maya-Ruinen von Calakmul – tief im Dschungel des Bundesstaats Campeche, nahe der Grenze zu Guatemala. Truthähne schnattern im Dickicht, Kolibris summen, und Affen spielen Fangen in den Wipfeln. Dazwischen schälen sich tausend Jahre alte Ruinen aus den Schatten. Vier Stunden lang streife ich fast allein durch das riesige Gebiet – hier kommen kaum Touristen vorbei. Und deswegen bin ich hier.
Mein Vater würde sagen: 20-Jahre-Score erreicht. Mein «alter Herr», der Weltenbummler, hatte eine Regel auf Reisen: Vermeide das Touristische, und suche Erlebnisse, von denen du noch in 20 Jahren erzählst. Genau so handhabe ich es auch. Deswegen bin ich ein paar Tage zuvor aus Cancún geflohen, dem Beach-Paradies, das alles bietet: Sonne, Strand, Service, Sand wie Puderzucker. Der Ferienort wurde vor etwa 50 Jahren als All-inclusive-Ziel auf dem Reissbrett entworfen – mir ist das zu künstlich. Und so habe ich mein All-inclusive-Bändchen gegen ein Tren-Maya-Ticket getauscht und mache mich auf ins Herz Yucatáns.
Entdecken Sie Mexiko mit Edelweiss und fliegen Sie ganzjährig nonstop und bis zu drei Mal wöchentlich nach Cancún. Gepäck, Sportgepäck und die Verpflegung an Bord sind im Preis inbegriffen.
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Auf Schienen durchs Hinterland
Der nagelneue Zug verbindet auf rund 1500 Kilometern die grössten Städte und die wichtigsten Sehenswürdigkeiten auf der Yucatán-Halbinsel miteinander. Die Regierung setzt grosse Hoffnungen in das milliardenschwere Infrastrukturprojekt, welches Touristen animieren soll, auch das Hinterland zu erkunden. Noch ist die Realität eine andere: Die Züge sind herrlich leer. So tuckere ich entspannt in verwaisten Abteilen durch die flache, immergrüne Landschaft, dem nächsten Travel-Schatz entgegen.
Diesen finde ich in Mérida, der Hauptstadt des Bundesstaats Yucatán. Ich steige aus, die Energie packt mich sofort. Mein liebster Ort: der Markt Lucas de Gálvez mit seinen vielen verwinkelten Gängen, wo Metzger halbe Kühe zerlegen, bemalte Käfer als Schmuck verkauft werden und wo es im Fischmarkt das frischeste Ceviche gibt. Unbedingt probieren! Sobald es Nacht wird und die schwüle Hitze zurückweicht, strömen die Menschen zu den Plätzen, in die Restaurants und Cantinas, in die traditionellen Bars. In gefühlt jedem Lokal groovt eine Band, mitreissende Rhythmen ziehen durch die kolonialen Häuser – und jeder tanzt, von der Teenagerin bis zum Opa.
Lehrstunde bei Schamane Rodolfo
Irgendwann lerne ich Rodolfo kennen, seines Zeichens ein H-men – oder ein Maya-Schamane, wie ich ihn nenne. Rodolfo widerspricht: «Das Wort Schamane greife zu kurz. Ein H-men ist ein Hüter des Wissens, der Traditionen und des Heilens.» Als Rodolfo mich einlädt, eine traditionelle Maya-Taufe mitzuerleben, bin ich Feuer und Flamme. «Das ist keine Touristenshow», versichert er.
Die Zeremonie findet bei einer Cenote statt, jenen wassergefüllten Karsthöhlen, die heute als Swimmingpool dienen und in der Vergangenheit den Maya heilig waren. Ich weiss nicht, was ich erwarten soll, stelle mir einen Schamanen mit Totenmaske, Federschmuck und Kriegsbemalung vor. Rodolfo ist stattdessen ganz in Weiss gekleidet. «Die traditionelle Farbe der H-men», wie er sagt. Er bereitet einen Altar vor: Steine, Pflanzen, Früchte, eine Jaguarstatue bläst in eine Muschel, deren Klang tief verklingt, und ruft Schutzgottheiten an. Das Ritual ist bescheiden und wirkt deshalb so viel eindrücklicher als die Showrituale in Tulum, Cancún und Co. Ich frage viel, verstehe wenig. Aber Rodolfo gefällt mein Interesse für die Kultur Yucatáns. «Ich hätte da noch eine Idee», sagt er und führt ein paar Telefonate. Er gibt mir eine Telefonnummer und sagt: «Sei übermorgen in Tizimín und rufe Aurora an.» Etwas, das ich auf meinen ungeplanten Reisen gelernt habe, ist: Macht jemand ein paar Telefonate und organisiert ein Treffen: Geh hin! Es kann nur gut werden – so war es auch dieses Mal.
Im wilden Westen Yucatáns
Tizimín, nördlich der Stadt Valladolid, gilt auch als der «Wilde Westen» Yucatáns. Schliesslich ist es das grösste Rinderzuchtgebiet weit und breit. Und jedes Jahr findet um den Dreikönigstag das wichtigste Volksfest der Region statt: ein Mix aus Olma, Appenzeller Viehschau und Chilbi.
Das Zentrum der Feierlichkeiten ist eine Corrida, ein Stierkampf. Ich melde mich bei Aurora und sitze schon bald in ihrem Wohnzimmer – und langsam verstehe ich, was hier passiert. Ihr Sohn spielt das Saxofon in der Arenaband und nimmt mich mit. Nun sitze ich vor den Musikern wie in einer Loge, und zwar mittendrin im Geschehen. Die Stierkampfarena wird für den Anlass frisch aus Palmholz gezimmert, zwei wackelige Stockwerke hoch. Würden die Cowboys auf ihren Pferden nicht am Handy daddeln, wähnte ich mich fast auf einem Fest im Mittelalter. In mir ringen zwei Gefühle miteinander: der Widerstand gegen das Quälen der Tiere und meine Faszination für gelebte Traditionen. Umso glücklicher bin ich, als ich sehe, dass die Tiere an diesem Tag nicht getötet werden.
Zwischen den «Kämpfen» strömen Händler in die Arena und verkaufen Snacks an die Zuschauer und Zuschauerinnen, die sich über die Geländer hängen: Zuckerwatte, gebrannte Erdnüsse und Tacos. Es riecht scharf, süss, nach Gebratenem, nach Menschenmassen sowie nach verschwitzten Pferden. Die Arena ist wie ein pulsierender Organismus. Tausende Menschen rufen, klatschen, lachen – dagegen waren die Brüllaffen von Calakmul nur ein sanftes Flüstern. Und jedes Mal, wenn die Band wieder loslegt, fliegen mir die Ohren weg. Egal: Ich sitze nicht mehr im Paradies. Aber ich sitze mitten im Leben und bin mir zu 100 Prozent sicher: Von diesem Erlebnis werde ich auch in 20 Jahren noch berichten.