Wochenend-Trip
Mitten hinein in den Wiener Schmäh

Imperiale Pracht, Weltklassemuseen und eine Kaffeehauskultur zum Verlieben. Wien ist eine der charmantesten Städte Europas. Unsere Tipps für beschwingte Tage an der Donau – für Wien-Neulinge und erfahrene Fiakerfahrer.
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Imperiale Pracht: Wien war die Residenzstadt der Habsburger, eines der mächtigsten Adelsgeschlechter Europas.
Foto: rudi1976 - stock.adobe.com
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Christian BauerReise-Journalist

Freitagnachmittag

Planlos durchs alte Wien

Wien ist die Stadt des Flanierens, des genüsslichen Gehens – so, wie es die feine Gesellschaft schon Ende des 19. Jahrhunderts pflegte. Also Gehrock, Handschuhe und Spazierstock aus dem Schrank holen und los zum ersten Kennenlernen dieser zauberhaften Metropole.

Startpunkt ist der Stephansdom, seit Jahrhunderten das Zentrum der Stadt. Von dort verschwinden wir im Gassengewirr der Altstadt. Durch die schmale Domgasse gehts Richtung Blutgasse, die kaum breiter ist als ein Trottoir.

Tipp: Hier befindet sich das Mozarthaus, Mozarts einzige erhaltene Wiener Wohnung – für Klassikfans ein Muss.

Über den barocken Franziskanerplatz schlendern wir weiter zum Stadtpark. Dort begegnen wir einem Herrn, der in Wien beinahe allgegenwärtig ist: Johann Strauss. Sein vergoldetes Denkmal gehört zu den meistfotografierten der Stadt. Kein Wunder, schliesslich verdanken wir ihm mit «An der schönen blauen Donau» den wohl berühmtesten Soundtrack Wiens.

Im Dreivierteltakt tänzeln wir durch die Johannesgasse weiter zur nächsten Wiener Institution: dem Kaffeehaus – allerdings in moderner Variante. In der MUK, Wiens Universität für Musik und Kunst, versteckt sich die Vollpension, die sich selbst als «Omas öffentliches Wohnzimmer» bezeichnet. Hier arbeiten Jung und Alt gemeinsam: «Omas» backen Kuchen, Torten und Buchteln nach Familienrezepten, Studierende kümmern sich um den Service. Der Raum sieht aus wie ein wild zusammengewürfeltes Wohnzimmer und ist so gemütlich, dass man bei Melange und Sachertorte leicht die Zeit vergisst.

Wer sich rechtzeitig wieder losreisst, kann der Kaisergruft gleich ums Eck einen Besuch abstatten. Seit dem 17. Jahrhundert wurden hier Mitglieder des Hauses Habsburg bestattet, darunter Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth, besser bekannt als Sisi. Die monumentalen Sarkophage sind schaurig-schön. Wer keine Lust auf tote Blaublüter hat, schlendert direkt weiter zu Wilhelm Jungmann & Neffe, einem k.u.k. Hoflieferanten aus dem Jahr 1866 am Albertinaplatz. In dem eleganten Stoffgeschäft sieht es noch so aus wie am Ende des 19. Jahrhunderts: Holzvertäfelungen und viel Wiener Noblesse. Sogar Sisi kaufte hier ein. Wer noch nicht standesgemäss gekleidet ist, hat jetzt die letzte Chance: Krawatte, Einstecktuch oder Schal.

Und schliesslich gehts über den bombastischen Michaelerplatz und den Graben zurück zum Stephansdom – wo inzwischen vermutlich der Znachthunger zwickt und die Füsse langsam protestieren.

Freitagabend

Schnitzel und Wiener Schmäh im Gasthaus Pöschl

Zum Znacht gehts ins Beisl, einem der traditionellen Gasthäuser. Eine wunderbare Adresse dafür ist das Gasthaus Pöschl in der Weihburggasse, nur wenige Gehminuten vom Stephansdom entfernt. Viel Schnickschnack braucht es hier nicht: Holztische, dunkle Vertäfelungen und österreichische Klassiker auf der Speisekarte. Ein echtes Wiener Schnitzel? Unbedingt! Und danach einen Kaiserschmarrn – am ersten Tag darf es etwas Klischee sein.

Samstagvormittag

Frühstück mit Zeitung und Zeit

Wir starten, wie könnte es anders sein, wieder im Kaffeehaus – in Wien liesse sich das ganze Wochenende dort verbringen. Was soll es sein? Ein kleiner Brauner, eine Melange, ein Einspänner – Wien hat seine eigenen Kaffeespezialitäten.

Kleines Glossar der Wiener Kaffeespezialitäten

  • Kleiner Schwarzer – ein Espresso, schwarz serviert.
  • Grosser Schwarzer – ein doppelter Espresso.
  • Kleiner Brauner – Espresso mit einem kleinen Kännchen Milch oder Rahm dazu.
  • Grosser Brauner – doppelter Espresso mit Milch oder Rahm.
  • Wiener Melange – Kaffee mit heisser Milch und Milchschaum; ähnlich einem Cappuccino, meist etwas milder.
  • Verlängerter – Espresso, mit heissem Wasser verlängert; entspricht ungefähr einem Americano.
  • Einspänner – kräftiger schwarzer Kaffee im Glas mit einer dicken Haube Schlagrahm. Traditionell trank ihn der Fiakerkutscher mit einer Hand, während er mit der anderen die Zügel hielt.
  • Franziskaner – ähnlich einer Melange, aber mit Schlagrahm statt Milchschaum; meist heller und üppiger.
  • Kapuziner – kräftiger Kaffee mit etwas Rahm, dessen Farbe an die Kutten der Kapuzinermönche erinnern soll.
  • Maria Theresia – Kaffee mit Orangenlikör und Schlagrahm – eher Dessert als schneller Kaffee.

Allzu lange dürfen wir allerdings nicht sitzenbleiben. Denn um zehn Uhr haben wir einen Termin mit einigen der berühmtesten Bewohnern Wiens: den Lipizzanern.

Morgentraining mit den weissen Stars

Mitten in der Hofburg befindet sich eine Institution, die fast so sehr zu Wien gehört wie Sachertorte und Walzer: die Spanische Hofreitschule. Seit Jahrhunderten wird hier klassische Reitkunst gepflegt. Statt eine der grossen, oft ausverkauften Vorführungen zu besuchen, schauen wir bei der Morgenarbeit zu. Von 10 bis 11 Uhr trainieren die Bereiter ihre Lipizzaner in der prachtvollen barocken Winterreitschule, begleitet von klassischer Musik.

Tipp: Tickets am besten im Voraus reservieren; der Einlass beginnt rund 15 Minuten vorher.

Kunst im Kaiserpalast

Danach schlendern wir durch die Hofburg und über den Heldenplatz und staunen über die Grandezza der Habsburger – und darüber, wie ein kleines Adelsgeschlecht aus dem Aargau zu einer der mächtigsten Dynastien Europas aufsteigen konnte.

Am Maria-Theresien-Platz wartet der nächste Prachtbau: das Kunsthistorische Museum mit den gewaltigen Sammlungen der Habsburger. Antike Schätze und Alte Meister gibt es hier in Hülle und Fülle: Rubens, Raffael, Dürer, Caravaggio. Anderthalb bis zwei Stunden sollte man einplanen.

Samstagmittag

Einmal um die Welt auf dem Naschmarkt

Nun meldet sich der Magen. Nur etwa 15 Gehminuten entfernt liegt der Naschmarkt, Wiens berühmteste Lebensmittel- und Genussadresse. Rund 130 Stände und Lokale ziehen sich entlang der Wienzeile (unbedingt auch einmal nach oben zu den prächtigen Jugendstilfassaden schauen). Zwischen Gemüse, Gewürzen, Käse und Feinkost findet man auch reichlich Street- und Fingerfood. Wir snacken uns einfach durch die Stände.

Tipp: Samstags findet hier zusätzlich ein Flohmarkt statt. Vielleicht finden wir endlich den Gehrock, den wir schon gestern hätten anziehen sollen.

Samstagnachmittag

Jetzt wirds bunt: Hundertwassers Wien

Nach Hofburg, Alten Meistern und imperialem Protz ist es Zeit für das Wien des Friedensreich Hundertwasser – kreativ, verspielt und ein bisschen verrückt. Im 3. Bezirk setzte der exzentrische Künstler in den 1980er-Jahren der grauen, geradlinigen Architektur seiner Zeit ein kunterbuntes Modell entgegen: das Hundertwasserhaus mit unregelmässigen Fenstern, organischen Formen und jeder Menge Farbe.

Ein paar Gehminuten weiter steht das Kunst Haus Wien, für das Hundertwasser eine ehemalige Möbelfabrik in ein Gesamtkunstwerk verwandelte. Das Museum zeigt rund 170 Arbeiten – Gemälde, Grafiken, Modelle und ökologische Projekte – und macht deutlich, dass hinter Hundertwassers Verspieltheit auch moderne Ideen zur Gestaltung von Natur und Städten steckten.

Graffiti statt Gold

Nach Hundertwassers Farbenrausch flanieren wir zurück ins Zentrum. Durch das ruhige Weissgerberviertel gehts hinunter zum Donaukanal, wo riesige Murals und Graffiti einen teilweise etwas schmuddeligen Kontrast zum herrschaftlichen Wien bilden.

Am Stubenring wartet schliesslich das nächste Kaffeehaus: das Café Prückel im charmanten 1950er-Jahre-Look mit hellen Polstermöbeln, filigranen Lampen und grossen Fenstern. Mittlerweile ist es später Nachmittag. Also: Beine ausstrecken, Melange bestellen – und vielleicht gleich bis zum frühen Znacht sitzenbleiben. Dann kommt noch ein Wiener Klassiker auf den Tisch: Tafelspitz mit Kren.

Samstagabend

Klassik im Goldenen Saal

Nun zurück ins Hotel und Smoking oder Ballkleid aus dem Schrank holen: Den Abend lassen wir stilvoll bei einem klassischen Konzert ausklingen. Kaum ein Ort passt dafür besser als der Goldene Saal des Wiener Musikvereins mit seiner prachtvollen Neorenaissance-Architektur. Mit etwas Glück stehen Beethoven, Mozart oder Schubert auf dem Programm – vielleicht sogar gespielt von den Wiener Philharmonikern. Mehr Wien geht kaum.

Sonntagvormittag

Ein Besuch bei den Toten

Am Sonntagmorgen widmen wir uns einem sehr wienerischen Thema: dem Tod, dem man hier mit erstaunlicher Leichtigkeit und besonderen Ritualen begegnet. Mit der Strassenbahn fahren wir zum Zentralfriedhof mit seinen teils prachtvollen Monumenten. Beethoven, Brahms, Schubert, Johann Strauss und Falco fanden hier ebenso ihre letzte Ruhe wie Udo Jürgens, dessen Grabmal ein sechs Tonnen schwerer Marmorflügel ist.

Unter einer historischen Aufbahrungshalle befindet sich das Bestattungsmuseum. Hier tauchen wir ein in die Wiener Begräbnisrituale, die Friedhofskultur und der besonderen Beziehung der Stadt zum Tod. Historische Bestattungsobjekte treffen dabei auf reichlich schwarzen Humor – selbst der Sensenmann wird in Wien offenbar nicht ganz ernst genommen. Ob man auch im Himmel (oder der Hölle) Walzer tanzt? Bestimmt!

Zum Abschied noch einmal über die Dächer

Das Wochenende war kurz und intensiv und der Abschied fällt nicht leicht. Für einen letzten Blick gehts zurück im Zentrum hoch auf die MQ Libelle, die Dachterrasse des Leopold Museums. Der Blick über Wien ist spektakulär.

Bei einem letzten Kaffee und einer Sachertorte sagen wir leise: Servus und bis bald.

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