Charleroi, Belgien – die hässlichste Stadt der Welt
Charleroi ist der Star unter den hässlich-schönen Städten. Rund 204’000 Menschen leben in der grössten Stadt der Wallonie, südlich von Brüssel. Ihr Spitzname sagt schon viel: Pays Noir, schwarzes Land. Denn im 19. und 20. Jahrhundert wurde hier Kohle gefördert, Stahl gekocht und Glas gebrannt. Zurück blieben Fördertürme, Schlackenhalden, graue Vororte und ein Ruf, der so schlecht ist, dass er Touristen anzieht: Im Jahr 2008 wurde Charleroi zur «hässlichsten Stadt der Welt» gekürt. Das ist vielleicht etwas übertrieben, auch wenn die Industriebrachen wahrlich keine Augenweiden sind — ein Paradies für Fans der Industriekultur sind sie dennoch. Seit dem Niedergang der Schwerindustrie hat die Politik viel für den Strukturwandel getan. Plus: Die historische Altstadt ist erstaunlich schmuck.
Warum trotzdem hin? Unbedingt das Bois du Cazier in Marcinelle besuchen. Das ehemalige Bergwerk ist heute Unesco-Welterbe und Erinnerungsort an die Katastrophe von 1956, bei der 262 Bergleute aus zwölf Ländern ums Leben kamen.
Ludwigshafen am Rhein, Deutschland – Chemie-Hauptstadt
Ludwigshafen am Rhein trägt eine zweifelhafte Auszeichnung: Die 180’000-Seelen-Metropole gilt als die hässlichste Stadt Deutschlands. Darüber lässt sich vortrefflich streiten, denn im Ruhrgebiet reihen sich ebenfalls so manche Abscheulichkeiten aneinander. Aber Ludwigshafen ist keine Schönheit. Schuld daran sind zum einen die Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg und zum anderen der Umstand, dass man die Stadt schnell und billig wieder aufbaute. Zudem verschandelt das Stammwerk von BASF das Rheinufer — immerhin eines der grössten zusammenhängenden Chemieareale der Welt.
Warum trotzdem hin? Das Wilhelm-Hack-Museum besitzt an seiner Fassade eine riesige Keramikwand von Joan Miró aus dem Jahr 1979. Ein Farbrausch mitten in der Zweckstadt.
Le Havre, Frankreich – Retortenstadt
Die Hafenstadt in der Normandie wurde im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört und danach vom Architekten Auguste Perret neu geplant. Statt mittelalterlichem Charme gibt’s Beton, klare Linien und Zweckbauten. Ist das schön? Geschmackssache. Aber eines ist unbestreitbar: Le Havre zählt zu den grossen Wiederaufbauprojekten der europäischen Nachkriegszeit. Die Unesco hat die 166’000-Einwohner-Stadt deshalb zum Welterbe erklärt.
Warum trotzdem hin? Die Kirche Saint-Joseph ist aussen streng, innen flutet farbiges Licht den Beton.
Ostrava – das stählerne Herz Tschechiens
Tschechien ist weltweit berühmt für seine Hauptstadt Prag: goldene Gassen, Altstadtromantik, barocke Pracht. Und dann gibt es Ostrava im Nordosten, das grösste Kohle- und Industriegebiet des Landes: Stahl, Fördertürme und sozialistische Wohnblöcke. Ausser einer kleinen Altstadt ist die 283’000-Einwohner-Stadt vor allem eines: rau und ungeschminkt. Lange Zeit galt die Region gar als eine der verschmutztesten Ecken der EU. Jahrhunderte von Kohle und Schwerindustrie hatten die Natur vergiftet und Fassaden geschwärzt. Mittlerweile wurden auch in Tschechien ganze Landstriche renaturiert und Siedlungen aufgehübscht. Industrieanlagen stemmen sich dennoch weiterhin ins Bild.
Warum trotzdem hin? Dolní Vítkovice, das alte Hütten- und Bergbauareal, ist spektakulär: Hochöfen, Gasometer und Maschinenhallen wurden zu Ausstellungs-, Konzert- und Aussichtsorten umgebaut.
La Grande-Motte, Frankreich – hässliche Ferienstadt
Während ehemalige Industriestädte immerhin historisch gewachsen sind, ist die Hässlichkeit von La Grande-Motte bei Montpellier in Südfrankreich gewollt – so unglaublich das heute scheinen mag. Denn der Badeort wurde ab den 1960er-Jahren als Planstadt aus dem Sand gestampft: Pyramidenhäuser, Betonterrassen, geometrische Ferienarchitektur.
Rund 8500 Menschen leben dauerhaft hier, im Sommer schwillt die Stadt um ein Vielfaches an. Lange galt La Grande-Motte als Symbol für Massentourismus und Retortenarchitektur. Heute wird der Ort zunehmend für seine Architekturgeschichte geschätzt.
Warum trotzdem hin? Das Schönste in La Grande-Motte ist der Strand. Interessant sind auch die offiziellen Spaziergänge mit Hintergrundinfos zur Architektur.
Benidorm, Spanien – Sinnbild für Geschmacklosigkeit
Benidorm ist der Inbegriff von Bausünde am Meer: Hochhäuser bis an den Strand, billige Bars, Neon, Hotelburgen und Pauschaltourismus. Rund 70’000 Menschen leben dauerhaft in der Stadt an der Costa Blanca, doch in der Sommersaison quillt Benidorm von Touristen über. Die Skyline brachte der Stadt den Spitznamen «Manhattan des Mittelmeers» ein — ohne auch nur annähernd die Klasse New Yorks zu erreichen.
Benidorm gilt als Paradebeispiel für «vertikalen Massentourismus». Statt endloser Zersiedelung stapelt die Stadt ihre Ferienwohnungen und Hotels in die Höhe.
Warum trotzdem hin? Ausserhalb der Stadt liegt der schöne Naturpark Serra Gelada. Von den Klippen sieht man, wie absurd und irgendwie auch spektakulär Benidorm aussieht.
Elefsina/Eleusis, Griechenland – verrottete Mysterien
Es muss spektakulär zu- und hergegangen sein, damals vor 2000 Jahren bei den Eleusinischen Mysterien zu Ehren der Erdgöttin Demeter. Prozessionen, Tieropfer, Trinkgelage und sogar eine Art halluzinogener Trank sollen die Runde gemacht haben. Heute ist Elefsina, das antike Eleusis, einer der traurigsten Orte Griechenlands: Raffinerien, Hafenanlagen, Industrie, verrostende Öltanker. Aber genau diese Mischung aus Mythos und Moderne macht den Ort so eigenartig: Heiligtum neben Fabrik, Archäologie neben Tanklager. 2023 war Elefsina Europäische Kulturhauptstadt und nutzte genau diesen Gegensatz als Thema.
Warum trotzdem hin? Der archäologische Ort mit dem Heiligtum der Demeter ist Pflicht.