Rawdogging – stundenlang den Vordersitz anstarren
Kein Film, keine Musik, kein Buch, kein Handy – und in der Extremversion nicht einmal etwas zu essen oder zu trinken. Willkommen beim Rawdogging, einem der bizarreren Auswüchse der Social-Media-Reisewelt.
Beim sogenannten Rawdogging, ursprünglich ein vulgärer Ausdruck für Sex ohne Kondom, sitzen Reisende während eines Fluges einfach da und starren stundenlang vor sich hin – ohne irgendeine Ablenkung. Nutzer brüsten sich damit, zehn oder noch mehr Stunden ohne jede Unterhaltung überstanden zu haben. Was als Digital Detox am Wochenende zu Hause vielleicht Sinn macht, wird in 10'000 Metern Höhe zur ziemlich sinnfreien Selbstprüfung. Warum nur?
Extreme Day Trips – zum Mittagessen nach London
Mitten in der Nacht zum Flughafen Zürich fahren, mit dem ersten Flieger nach London jetten, von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit rennen und mit dem letzten Flug wieder zurück in die Schweiz reisen. Was wie ein schlechter Witz klingt, ist tatsächlich ein Trend: Extreme Day Trips – Tagesausflüge mit dem Flugzeug. Der Hype hat in den vergangenen Jahren vor allem dank günstigen Flugtickets und Social Media Fahrt aufgenommen. Mehrere Webseiten vermarkten solche Hardcore-Kurztrips noch immer – ausgerechnet in einer Zeit, in der nachhaltigeres Reisen mehr denn je diskutiert wird. Wie wärs damit, mindestens zwei Nächte zu bleiben?
Skiplagging – clever sparen?
Flugpreise sind oft ein Rätsel. Warum ist ein Flug Zürich – New York – Miami oft günstiger als der Direktflug von Zürich nach New York? Schlauberger, die zum Big Apple wollen, buchen den Miami-Flug und steigen in New York aus. Nur kann das Schnäppchen schnell teuer werden. Denn die Fluggesellschaften haben im Kleingedruckten für diese Fälle einige Fallstricke eingebaut: Sehr wahrscheinlich verfällt der Rückflug, man muss die Differenz bezahlen oder kommt im schlimmsten Fall gar auf eine schwarze Liste. Und dann ist da noch das Gepäck. Das wird nämlich bis zum Zielflughafen durchgecheckt – und dann steht man im schönen New York und muss sich zunächst komplett neu einkleiden.
Für ein Selfie um die Welt reisen
Die Social-Media-Ära hat uns vor allem eines gelehrt: Der Mensch glaubt, ein Individuum zu sein, und ist doch nur ein Herdentier. Warum sonst reist man um die Welt für ein Selfie-Motiv, das aus welchem Grund auch immer gerade viral geht? Stundenlang anstehen und Orte ruinieren, nur um ein Foto zu machen, das schon tausendfach existiert? Dafür hat die Evolution nicht Millionen Jahre gearbeitet. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.
Wildlife-Selfies – bitte einmal lächeln, Löwe!
Jeden Sommer werden TikTok und Co. mit Videos überschwemmt, in denen Menschen vor Wildtieren posieren – und ebenso viele, in denen das gehörig schiefgeht. Interessanterweise stammen viele dieser Clips aus US-amerikanischen Nationalparks, wo Menschen vor Bisons, Elchen oder Grizzlybären posieren. Alle drei können tödliche Kampfmaschinen sein, wenn sie sich genervt fühlen.
Ebenso idiotisch sind Bilder mit Tieren in Gefangenschaft, die für Fotos dressiert oder durch Futter angelockt werden: ein Foto mit einem Affen auf der Schulter, das Foto mit einem Tiger in einem thailändischen Tempel oder das Tauchen mit weissen Haien in Südafrika. Nichts davon ist tiergerecht.
Eine einfache Faustregel hilft: Je näher man einem wilden Tier für ein gestelltes Foto kommen darf, desto skeptischer sollte man werden. Das beste Wildlife-Foto entsteht mit Abstand – dafür gibt es genügend günstige Zoomobjektive auf dem Markt.
Liebesschlösser – schwere Liebe
Die Idee klingt romantisch: Namen auf ein Vorhängeschloss schreiben, es an eine Brücke hängen, den Schlüssel in den Fluss werfen – und schon hält die Liebe für immer. Die Unsitte findet man mittlerweile an den meisten touristischen Orten, nicht nur an Brücken. Besonders nervig ist das Problem in Paris, jener Stadt, die sich hartnäckig als Hauptstadt der Liebe bezeichnet. Auf der Brücke Pont des Arts brach im Jahr 2014 ein Teil des Geländers wegen der Schlösser weg, worauf die Stadt insgesamt über eine Million der Dinger entfernte. Gewicht: rund 45 Tonnen. Paris ersetzte die Gitter schliesslich durch Glasflächen, an denen sich keine Schlösser befestigen lassen – aber einige Unbelehrbare pflastern andere Brücken oder Gitter entlang der Seine mit ihren Liebesschwüren zu.
Übrigens: Unverheiratete Paare trennen sich im Schnitt nach vier Jahren wieder – da hilft auch das dickste Vorhängeschloss nicht.
Airport Theory – 15 Minuten müssen reichen
Die Wartezeit am Flughafen ist meist verlorene Lebenszeit: Nach Check-in und Security tut man selten etwas Produktives. Andererseits will man auch nicht gestresst durch den Flughafen rennen. Anderthalb Stunden vor Abflug ist wohl ein akzeptabler Kompromiss. Doch selbst das ist manchen offenbar zu langweilig. Anhänger der sogenannten Airport Theory versuchen stattdessen, erst rund 15 Minuten vor dem Boarding am Airport aufzutauchen und es trotzdem rechtzeitig zum Gate zu schaffen – da reicht ein Stau bei der Sicherheitskontrolle, und man schaut dem Flieger beim Starten vom Gate aus zu.
Der TikTok-Trend ging 2025 viral und hält sich hartnäckig. Einige Reisende haben ihre Flüge beim Selbstversuch tatsächlich verpasst. Nun ja: selber Schuld.