Experte über hohe Temperaturen
«Es gibt 27 Arten, an Hitze zu sterben»

Andreas Matzarakis (64) beschäftigt sich mit Faktoren, die hohe Temperaturen noch unerträglicher machen als sie sowieso schon sind. Der Professor für Umweltmeteorologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg weiss, ab wann es brenzlig wird.
Publiziert: 22.08.2023 um 10:00 Uhr
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Aktualisiert: 01.07.2024 um 17:30 Uhr
Sport ist Mord? Bei hohen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit sind Outdoor-Aktivitäten jedenfalls riskant.
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Jonas DreyfusService-Team

Andreas Matzarakis verbringt seine Sommerferien regelmässig in seinem Geburtsland Griechenland, wo im Sommer Werte um 45 °C gemessen werden können. Der Deutsche Umweltmeteorologe weiss also nicht nur theoretisch, wie krass Hitze auf den menschlichen Körper einwirken kann.

Herr Matzarakis, was ist gefährlicher: Hitze oder Kälte?
Hitze! Bei Kälte können wir uns warm anziehen. Wenn es heiss ist, müssten wir eigentlich ausziehen. Aber wir können ja nicht nackig herumlaufen – jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit. Und bei hoher Luftfeuchtigkeit würde uns selbst das irgendwann nichts mehr bringen.

Klas Polkowski
Der Hitze-Spezialist

Umweltmeteorologe Andreas Matzarakis (64) forscht an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (D). Bis Anfang 2024 leitete er das Zentrum für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes.

Klas Polkowski

Umweltmeteorologe Andreas Matzarakis (64) forscht an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (D). Bis Anfang 2024 leitete er das Zentrum für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes.

Warum nicht?
Der menschliche Körper versucht, seine Temperatur nicht über 37 Grad steigen zu lassen. Das tut er unter anderem, indem er schwitzt. Der Schweiss verdunstet. Für diesen Prozess braucht es Energie, die dem Körper in Form von Wärme über die Haut entzogen wird. Wenn die Feuchtigkeit der Luft sehr hoch ist, verdunstet der Schweiss nicht mehr. Der körpereigene Kühlmechanismus setzt aus. Das kann schon der Fall sein, wenn die Temperatur knapp über 30 Grad liegt.

Ab wann wird es in so einem Moment brenzlig?
Wenn der Magen zum Beispiel etwas Schweres wie eine Schweinshaxe verdauen muss oder man gesundheitlich angeschlagen ist, droht eine Überhitzung. Die «gefühlte Temperatur» spielt dabei auch eine Rolle. Der Wind sorgt zum Beispiel dafür, dass sich die Luft kühler anfühlt. So können sich 35 Grad bei Windstille und feuchter Luft weit unangenehmer anfühlen als 41 Grad bei Wind und trockener Luft.

Kinder kühlen sich im Grand Park in Los Angeles, Kalifornien, ab. Ältere Menschen sieht man während einer Hitzewelle fast nie im Freien.

Welche weiteren Faktoren beeinflussen die Gefahr von Hitze?
Die Konzentration von Schadstoffen wie Ozon in der Luft zum Beispiel. Oder die von Staub und Pollen. Da wir bei Hitze schneller und tiefer atmen, kann viel mehr davon in unsere Atemwege gelangen und diese entsprechend stark angreifen. Ob Hitze gefährlich ist, hängt auch davon ab, wie hoch die UV-Strahlung ist und wie viele heisse Tage wir schon hinter uns haben. Die erste Hitzewelle im Jahr strapaziert uns am meisten, weil der Körper sich noch nicht an die Temperaturen gewöhnt hat.

Warum leiden ältere Menschen besonders stark unter Hitze?
Insgesamt ist die Anpassungsfähigkeit von älteren Menschen geringer. Ab einem gewissen Alter produziert der Körper zudem immer weniger Wärme. Deshalb fühlen sich ältere Menschen bei 26 Grad am wohlsten, Jüngere eher bei 24 Grad. Bei extremer Hitze ist es dann genau anders. Ältere empfinden sie viel schneller als unangenehm als jüngere, weil sich ihr Körper nicht schnell daran anpasst. Ausserdem dehydrieren Ältere schneller, weil das Durstgefühl im Alter abnimmt. Es ist wichtig, dass man sie bei Hitze immer wieder daran erinnert, zu trinken. Auch die Dosis von Medikamenten müsste angepasst werden.

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Schweiss auf der Stirn. Bei hoher Luftfeuchtigkeit hört die eigene Kühlfunktion des Körpers auf zu nützen.

Welche Medikamente?
Medikamente, die den Blutdruck senken, zum Beispiel. Viele ältere Menschen lagern ihre Medikamente zudem auf der Fensterbank, weil das Licht dort besonders gut ist. Das ist bei Hitze kein guter Ort. Viele Hitzetode würden sich vermeiden lassen, wenn die Nachbarschaftshilfe besser gepflegt würde. Massnahmen wie öffentliche Brunnen und klimatisierte Cooling Center, in denen Passanten sich abkühlen können, sind gut und recht. Doch wer denkt an Tante Erna aus dem fünften Stock, die ihre Einkäufe ohne Lift nach oben tragen muss?

Wieviele Arten, an Hitze zu sterben, gibt es?
Insgesamt sind es 27. Die häufigsten sind Austrocknung, Kreislaufversagen und Hitzeschlag.

Ein Horrorfilm mit 27 möglichen Enden

Tod durch Hitze sei wie ein Horrorfilm, man könne sich das schlechte Ende aber in 27 Versionen aussuchen, sagt Wissenschafter Camilo Mora von der Universität Hawaii zur «Süddeutschen Zeitung». Er ist Mitwirkender eine Studie aus dem Jahr 2017 mit dem aus dem Englischen übersetzten Titel: «27 Arten, wie dich eine Hitzewelle umbringen kann: Tödliche Hitze in der Zeit des Klimawandels.» Eine der schlimmsten Reaktionen, mit denen der Körper auf Hitze reagieren kann, betrifft gemäss Studie den Darm. Hitzebedingte Mangeldurchblutung und Zellschädigung können ihn durchlässig machen. Darminhalt gelangt ins Blut, was zu einer chronischen Entzündung führt. Als Folge kann es zu Blutpfropfen kommen. Sie verstopfen Gefässe und lösen damit Blutungen aus. Zuletzt beginnen Muskelzellen, sich aufzulösen. Das Abbauprodukt, das dabei entsteht, schädigt Niere und Leber.

Tod durch Hitze sei wie ein Horrorfilm, man könne sich das schlechte Ende aber in 27 Versionen aussuchen, sagt Wissenschafter Camilo Mora von der Universität Hawaii zur «Süddeutschen Zeitung». Er ist Mitwirkender eine Studie aus dem Jahr 2017 mit dem aus dem Englischen übersetzten Titel: «27 Arten, wie dich eine Hitzewelle umbringen kann: Tödliche Hitze in der Zeit des Klimawandels.» Eine der schlimmsten Reaktionen, mit denen der Körper auf Hitze reagieren kann, betrifft gemäss Studie den Darm. Hitzebedingte Mangeldurchblutung und Zellschädigung können ihn durchlässig machen. Darminhalt gelangt ins Blut, was zu einer chronischen Entzündung führt. Als Folge kann es zu Blutpfropfen kommen. Sie verstopfen Gefässe und lösen damit Blutungen aus. Zuletzt beginnen Muskelzellen, sich aufzulösen. Das Abbauprodukt, das dabei entsteht, schädigt Niere und Leber.

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