Darum gehts
Manche stehen auf Materialien wie Lack oder Leder, andere auf Körperteile wie Füsse oder auf Handlungen wie Schläge oder Würgen. Solche Vorlieben werden mittlerweile von vielen Menschen unverblümt – wenn auch oft anonym – auf Dating-Plattformen angegeben.
Weitere sind ein grösseres Tabu: So gibt es etwa Menschen, die es erregt, Windeln zu tragen, in Jeans zu urinieren oder auf extreme Weise erniedrigt zu werden. Können sie ausschliesslich auf diese Weise sexuelle Erregung empfinden, handelt es sich nicht bloss um eine Vorliebe, sondern um einen Fetisch. Im Volksmund werden diese beiden Begriffe oft gleichgesetzt.
Fetische können sich auf ein Objekt, einen Körperteil, eine Körperflüssigkeit, eine Handlung, einen Geruch oder ein Geräusch beziehen. «Im Grunde gibt es nichts, das es nicht gibt», sagt die Sexualtherapeutin Lea von Mühlenen. Klinisch relevant wird der Fetisch, wenn er einen Leidensdruck verursacht.
Fetische führen oft zu Beziehungsproblemen
«Die meisten Menschen, die zu mir in die Praxis kommen, haben Probleme in der Partnerschaft und in ihrem sexuellen Begehren», sagt von Mühlenen. Beispielsweise, weil die Partnerin oder der Partner mit Beziehungsabbruch droht oder weil es durch fehlendes Begehren mit der Erektion nicht klappt. Betroffene empfinden nur beim Ausleben des Fetischs Erregung – eine «normale» partnerschaftliche Sexualität ist dadurch manchmal kaum möglich.
«Die breite Bevölkerung verbindet einen Fetisch schnell mit Abnormalität oder Perversion», sagt von Mühlenen. Das erhalte das Stigma aufrecht und führe bei Betroffenen oft zu Scham und Einsamkeit. Aus Angst vor Verurteilung und Ablehnung verbergen viele ihren Fetisch sogar vor der Beziehungsperson.
Knapp zwei Prozent der Bevölkerung gab in einer Studie der Charité Universitätsmedizin Berlin aus dem Jahr 2011 an, einen Fetisch zu haben und darunter zu leiden. Gemäss einer im Jahr 2016 veröffentlichten Untersuchung der Universität von Québec gab zudem die Hälfte der Erwachsenen an, «fetischartige Interessen» zu haben, unter denen sie aber nicht leiden. Meist entwickeln Menschen ihre Fetische bereits in der Kindheit oder Jugend. «Entscheidend sind dabei intensive Emotionen, die im Zusammenhang mit einer genitalen Erregung auftauchen», sagt die Sexualtherapeutin. Männer seien dabei häufiger betroffen als Frauen. «Sie nehmen die Erregung durch die sichtbare Erektion vermutlich bereits als Knaben besser wahr als Frauen», erklärt Lea von Mühlenen. Dadurch könne die Erregung auch rascher an etwas ganz Spezifisches gekoppelt werden.
Zufällige Erfahrungen und Biografie als Ursache
Ausserdem würden Fetische teilweise durch zufällige Ereignisse entstehen. Von Mühlenen nennt ein Beispiel:
Ein Knabe hat einen jüngeren Bruder, der sich oft einnässt und deshalb im Bett auf einer Gummimatte schläft. Die intensive elterliche Zuwendung, die der kleine Bruder abends bekommt, verbindet der ältere Knabe intuitiv mit der Gummimatte. Also holt er sie eines Nachts ins eigene Bett, ist dabei aufgeregt und hat Angst, erwischt zu werden. Als er sich dann bäuchlings auf die Matte legt, bekommt er eine Erektion – durch den Druck, aber womöglich auch, weil die intensiven Emotionen eine Erektion zusätzlich fördern. Holt er die Gummimatte immer wieder in sein Bett und erlebt dabei eine Erektion, kann sich mit der Zeit eine Konditionierung entwickeln. Jahre später führt dann nur noch ein spezielles Gummimaterial zur Erregung. Das kann schliesslich zur Folge haben, dass gar kein sexuelles Interesse an einem anderen Menschen und dessen Körper entwickelt wird.
Auch die Biografie kann beim Entstehen eines Fetisches eine Rolle spielen: «Hat jemand einen Windel-Fetisch, steht das oft in Verbindung mit einer Sehnsucht nach Fürsorge, Geborgenheit und Schutz – Dinge, die der Person früher womöglich gefehlt haben.» Ein solcher Fetisch stellt für die Betroffenen also oft auch eine Form von Zuflucht dar. «Obwohl er Leid in ihr Leben bringen kann, haben diese Menschen meist auch Angst davor, ihren Fetisch komplett abzulegen.» Deshalb ist für sie die Hürde besonders gross, sich in Therapie zu begeben.
Lernen, den Geschlechtsakt zu geniessen
Was gemäss von Mühlenen jedoch immer gilt: Die Therapie richtet sich nach dem Anliegen der Klientinnen und Klienten. Meist gehe es in ersten Schritten darum, Sex mehr geniessen zu können: «Viele haben nie gelernt, ihr Genital und somit den ganzen Geschlechtsakt an sich als erregend und genussvoll zu erleben.»
Die Herausforderung dabei: Solche Konditionierungen kann man nicht von heute auf morgen loswerden. Oft benötigt es dazu eine Therapie von mehreren Monaten bis Jahren. «Vor allem Fetische, die sich in der Kindheit manifestiert haben, sind sehr hartnäckig», erklärt Lea von Mühlenen.
Am einfachsten ist es, wenn ein Paar einen Fetisch teilt oder wenn sich die Fetische gut ergänzen. Dank des Internets finden Gleichgesinnte heute leichter zueinander. Lea von Mühlenen sagt dann auch: «Es gibt Paare, die beispielsweise nur in Latex Sex haben und damit super happy sind.» Aber je spezifischer ein Fetisch ist – und eben nicht nur eine Vorliebe –, desto eher können partnerschaftliche Herausforderungen auftreten.
Anmerkung der Redaktion: Die Expertin sprach im Gespräch nicht von «Männern» und «Frauen», sondern wählte die genderneutralen Begriffe «Menschen mit Penis» und «Menschen mit Vulva/Vagina». Der Verständlichkeit halber wurde das im Text in Absprache mit der Expertin vereinfacht.