Peter (80) pflegt seine kranke Ehefrau
«Von Anfang an war klar: ‹Ich ziehe das durch›»

Rund zehn Prozent der Schweizer Bevölkerung leisten unbezahlte Betreuung oder Pflege für Angehörige zu Hause. So auch BLICK-Leser Peter* (80), der sich um seine kranke Frau kümmert.
Publiziert: 19.02.2020 um 15:00 Uhr
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Aktualisiert: 19.02.2020 um 15:13 Uhr
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Rund zehn Prozent der Schweizer Bevölkerung leisten unbezahlte Betreuung oder Pflege für Angehörige zu Hause.
Laurence Frey und Moritz Lüchinger

Seit zwölf Jahren pflegt Peter* seine an Parkinson erkrankte Frau Alice* (74). Letzten März wurde bei ihr zusätzlich die besonders aggressive Form MSA (Multisystematrophie) diagnostiziert. Das macht sie zum Pflegefall. Die meiste Zeit des Tages verbringt sie im Bett, da «ihr Bewegungsapparat total am Ende ist», wie Peter sagt. Sie kann nicht selbstständig aufstehen und auch essen und sprechen fallen ihr schwer.

Dem Bundesamt für Statistik (BfS) zufolge nehmen etwa 13 Prozent der Schweizer Bevölkerung aus gesundheitlichen Gründen Hilfe von Verwandten in Anspruch. Ein Drittel der Pflegenden befindet sich im Rentenalter. Meistens sind es Frauen, die sich um ihre Angehörigen sorgen. Aber auch immer mehr Männer kümmern sich um ihre Partnerinnen, knapp über 30 Prozent.

«Die Wohnung verlasse ich normalerweise nicht»

Alices Parkinson bestimmt den Alltag des Ehepaares. Seit fünf Jahren benötigt sie seine Betreuung rund um die Uhr. Das BAG zählt unter anderem Koordination und Organisation, gesundheitliche Hilfe oder Betreuung zu den Tätigkeiten betreuender Angehöriger. Für Peter geht die Pflege seiner Frau aber noch weiter: Er muss Tag und Nacht auf Abruf verfügbar sein. Deswegen verlässt er die Wohnung höchstens zum Einkaufen für eine halbe Stunde am Tag. Soziale Kontakte pflegt er grösstenteils über Skype.

Peter entschied sich trotz aller Schwierigkeiten für die Pflege zu Hause und nicht in einem Pflegeheim. Für ihn war von Anfang an klar: «Ich ziehe das durch.» Er ist der Meinung, dass Menschen, die in Heime kommen, vernachlässigt und vergessen werden. Peter will seine Alice nicht einfach so abschieben.

Das bedeutet aber auch, dass er sich komplett nach ihr richten muss. Sein Alltag ist vom Morgen bis am Abend durchstrukturiert. Peter verabreicht seiner Frau ihre Medikamente, bereitet ihr Mittag- und Abendessen zu, übt mit ihr an der Sensorik und kümmert sich um ihre Körperhygiene. Viel Zeit für sich selbst bleibt ihm dabei nicht.

«24 Stunden pro Tag sind doch ein wenig viel»

Ungefähr 80 Millionen Stunden wenden pflegende Angehörige in der Schweiz pro Jahr auf. Auch in Peters Fall nimmt die Betreuung seiner Frau sehr viel Zeit in Anspruch und ist stark fordernd und belastend. Für ihn jedoch ist es selbstverständlich, dass er für seine Frau da ist. Obwohl Peter noch sehr fit ist, sagt er BLICK: «24 Stunden pro Tag sind doch ein wenig viel und ich erhalte ja nichts dafür.» Die einzige Ruhepause gönnt er sich am Abend, wenn er ein Bad nimmt. «Ich erhole mich, wenn ich mich um halb Zehn für eine halbe Stunde ins heisse Badewasser legen kann», so Peter.

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Die Pflege seiner Alice geht nicht spurlos an Peter vorbei. So hat er sich schon einmal beide Leisten gebrochen, als er Alice aus dem Bett heben wollte. In Situationen wie dieser ist er dann auch auf die Hilfe seines Umfeldes angewiesen.

Familie, Freunde und Nachbarn helfen gerne aus

Peter hat ein unterstützendes soziales Umfeld, das ihm bei Bedarf unter die Arme greift. Ob Kinder, Schwägerin oder Nachbarn, alle helfen ihm, wenn Not am Mann ist. Falls er eine längere Zeit die Wohnung verlassen muss, kann er auf die anderen zählen. Ausserdem kommt die Spitex täglich bis auf den Sonntag für eine halbe Stunde vorbei.

Die Pflege von Alice ist mit hohen Kosten verbunden. Peter und seine Frau erhalten zu ihrer Rente noch eine IV-Rente. Um die Kosten vollständig zu decken, reicht dieses Geld jedoch nicht aus. Zu seinem Glück hat er gute Freunde, die ihm bei finanziellen Engpässen aushelfen. «Hätte ich diese Freunde nicht, gäbe es hier ab und zu nichts zu essen», erzählt er.

Aus schönen Momenten Kraft schöpfen

Das Wohlergehen seiner Frau ist das Wichtigste für Peter. Er kämpft täglich darum, Alices Leben so angenehm wie möglich zu gestalten. Dabei ist ihm wichtig, stets den Kopf hochzuhalten und nie den Humor zu verlieren. Die schönsten Momente sind für ihn, wenn sie zusammen lachen können. Daraus schöpft er die Kraft, diese Arbeit tagtäglich aufs Neue zu meistern.

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Auf die Frage, ob die Pflege seiner Alice ein Vollzeitjob sei, antwortet Peter lächelnd: «Nein, es ist zwar ein harter Job aber auch eine Art Lieblingsjob.»

*Namen geändert

Pflegen Sie auch eine Angehörige oder einen Angehörigen zuhause? Erzählen Sie uns von Ihren Erfahrungen in der Kommentarspalte.

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