Behandlung ohne gefährliche Antibiotika
Wie wirksam ist die Impfung gegen Blasenentzündungen?

Für Betroffene sind wiederkehrende Blasenentzündungen extrem belastend. Die Behandlung mit Antibiotika ist verbreitet und effektiv – aber sie birgt Risiken. Eine Alternative stellt die Impfung dar. Expertin Cornelia Betschart Meier beantwortet die wichtigsten Fragen.
Publiziert: 08.06.2024 um 12:18 Uhr
Es hat verschiedene Gründe, dass eine Blasenentzündung regelmässig auftreten kann.
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Jana GigerRedaktorin Service

Mehr als die Hälfte aller Frauen hat mindestens einmal in ihrem Leben eine Blasenentzündung, auch Zystitis genannt. Bei vielen tritt die Infektion immer wieder auf. Die Schmerzen, das Brennen beim Wasserlassen und das Gefühl, ständig eine volle Blase zu haben, können Betroffene im Alltag einschränken. Die Impfung kann Linderung bringen. 

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Um welche Art von Impfung handelt es sich?

Der Impfstoff gegen Zystitis, der in der Schweiz zugelassen ist, wird in Form von Kapseln eingenommen. Die Kapseln enthalten Bestandteile von E-coli-Bakterien – das sind Erreger, die zur menschlichen Darmflora gehören. Eine Infektion kann entstehen, wenn diese Darmbakterien in die Harnröhre und von dort weiter in die Harnblase gelangen. Gynäkologin Cornelia Betschart Meier (50), die das Kontinenz- und Beckenbodenzentrum am Universitätsspital Zürich leitet, sagt: «Etwa 80 bis 85 Prozent der Blasenentzündungen werden durch E-coli-Bakterien ausgelöst.» Die Schluckimpfung decke mit 18 verschiedenen E-coli-Stämmen eine grosse Bandbreite an Erregern ab. Im besten Fall verhindert die Impfung erneute Infektionen. Gemäss Expertin wird in der Schweiz derzeit auch an einer klassischen Impfung gegen Blasenentzündungen geforscht.

Die Schluckimpfung ist gemäss Expertin gut verträglich.
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Wie läuft die Immunisierung ab?

Damit die Schluckimpfung ihre Wirkung entfalten kann, muss man drei Monate lang jeden Morgen eine Kapsel mit etwas Wasser einnehmen – am besten auf nüchternen Magen. «Die Impfung eignet sich für alle Menschen, die regelmässig an einer Blasenentzündung leiden», sagt Betschart Meier. Auch in der Schwangerschaft sei sie erlaubt. Bei der Einnahme der Tabletten könnten in manchen Fällen Nebenwirkungen wie leichte Magenverstimmungen auftreten, aber grundsätzlich sei die Impfung gut verträglich. Wie lange der Impfschutz wirkt, ist gemäss Expertin von Person zu Person unterschiedlich. «Lässt die Wirkung nach, kann man eine Auffrischungsimpfung machen.» Dann nimmt man während drei Monaten die ersten zehn Tage lang jeden Morgen wieder eine Tablette ein. 

Spezialistin für Blasen- und Beckenbodenbeschwerden

Prof. Dr. med. Cornelia Betschart Meier (50) arbeitet seit über 20 Jahren am Universitätsspital Zürich und ist dort stellvertretende Klinikdirektorin für Gynäkologie und Leiterin des Kontinenz- und Beckenbodenzentrums. Als Spezialistin für Urogynäkologie beschäftigt sie sich mit sämtlichen Erkrankungen, die die Blase und den Beckenboden betreffen. Um ihre Forschung zu vertiefen, hat sie zwei Jahre in den USA gearbeitet. Betschart Meier ist unter anderem ehemalige Präsidentin der schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Urogynäkologie und Beckenbodenpathologie.

Prof. Dr. med. Cornelia Betschart Meier (50) arbeitet seit über 20 Jahren am Universitätsspital Zürich und ist dort stellvertretende Klinikdirektorin für Gynäkologie und Leiterin des Kontinenz- und Beckenbodenzentrums. Als Spezialistin für Urogynäkologie beschäftigt sie sich mit sämtlichen Erkrankungen, die die Blase und den Beckenboden betreffen. Um ihre Forschung zu vertiefen, hat sie zwei Jahre in den USA gearbeitet. Betschart Meier ist unter anderem ehemalige Präsidentin der schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Urogynäkologie und Beckenbodenpathologie.

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Wie hoch ist der Impfschutz?

Betschart Meier sagt, dass die Impfung die Häufigkeit von Blasenentzündungen um 50 Prozent reduziere. «Es gibt Frauen, die zuvor alle zwei Wochen an einer Blasenentzündung litten und dank der Impfung nur noch selten eine Infektion bekommen.» Bei anderen Betroffenen wirke die Impfung weniger gut. Dass eine Zystitis immer wieder auftreten kann, liegt gemäss Expertin unter anderem an der genetischen Veranlagung. Ausserdem sei die schützende Schleimhaut in der Harnblase nicht mehr richtig intakt nach einer durchgestandenen Blasenentzündung, was die Anfälligkeit für eine erneute Infektion erhöhe. Frauen haben ein grösseres Risiko für Blasenentzündungen als Männer, da die Entfernung zwischen dem Darmausgang und dem Ende der Harnröhre beim weiblichen Körper gering ist und die Darmbakterien leicht vom After an den Ausgang der Harnröhre geraten können. Zudem haben Frauen eine kürzere Harnröhre, weshalb die Keime leichter bis zur Harnblase vordringen. 

Ein häufiger Harndrang und ein brennendes Gefühl beim Wasserlassen sind typische Symptome einer Blasenentzündung.
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Was sind die Vorteile gegenüber Antibiotika-Therapien?

Mithilfe von Antibiotika können die Bakterien bei einer akuten Blasenentzündung sehr schnell bekämpft werden. Regelmässige Antibiotika-Therapien hätten aber Nachteile, sagt Betschart Meier. «Ein Antibiotikum zerstört nicht nur den Erreger, sondern bringt auch das Mikrobiom im Darm und in der Blase durcheinander.» Als Folge könnten erneute Infektionen entstehen. Ausserdem bestehe die Gefahr, bei wiederholter Antibiotika-Einnahme Resistenzen zu bilden. Bei der Impfung gebe es diese Risiken nicht.

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