Ungesunde Produkte bei Nestlé
Hersteller sagen dem Zucker den Kampf an

Über 60 Prozent der Nestlé-Produkte sind ungesund. Das zeigt ein interner Bericht des Nahrungsmittelkonzerns. Die Lebensmittelbranche gerät immer stärker unter Druck.
Publiziert: 06.06.2021 um 14:08 Uhr
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Aktualisiert: 07.06.2021 um 09:57 Uhr
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Ein interner Bericht bei Nestlé zeigt, über 60 Prozent der Produkte des Nahrungsmittelkonzerns sind ungesund. Besonders schlecht schnitten Getränke und Süssigkeiten ab. Der Grund: ein hoher Zuckergehalt.
Anna Uebelhart

Es war ein interner Bericht mit Sprengkraft: 60 Prozent der Esswaren und Getränke bei Nestlé entsprechen keiner «anerkannten Definition von Gesundheit». Oder anders ausgedrückt: Sie sind ungesund. Besonders schlecht schneiden zuckerhaltige Getränke und Süssigkeiten ab. Und das obwohl Nestlé nach eigenen Angaben schon seit Jahrzehnten daran arbeitet, den Natrium- und auch den Zuckergehalt seiner Lebensmittel zu reduzieren. Die Strategie soll durch ein firmenweites Projekt nun aktualisiert werden. Man wolle sicherstellen, dass Nestlé-Produkte dazu beitragen, die Ernährungsbedürfnisse zu erfüllen und eine ausgewogene Ernährung zu unterstützen, sagte ein Sprecher von Nestlé gegenüber CH Media.

Nestlé ist nicht der einzige Lebensmittelkonzern, der wegen seiner überzuckerten Produkte unter Druck gerät. Und die Industrie reagiert: Als Vorreiter hat Coca-Cola mit Coca-Cola Zero Süssstofflimos salonfähig gemacht. Dr. Oetker betreibt zuckerreduzierte Müsli-Linien, es gibt Haribos mit 30 Prozent weniger Zucker als das Original, und Danone hat Joghurts entwickelt, deren Süsse nur von den darin enthaltenen Früchten und von Milchzucker kommt. Sogar Schokolade gibt es mittlerweile in zuckerfreier Ausführung.

14 Schweizer Firmen wollen Zucker senken

Die Bemühungen der Lebensmittelindustrie für zuckerreduzierte Produkte erfolgen nicht nur freiwillig. In der Schweiz sorgt unter anderem die von Gesundheitsminister Alain Berset initiierte Erklärung von Mailand dafür, dass aus den Einkaufsregalen stark zuckerhaltige Produkte immer mehr verschwinden. Unterschrieben haben die Erklärung zwischen 2015 und 2017 vierzehn Schweizer Firmen, darunter Nestlé, Emmi, Lidl, Kellogg, Aldi, Migros und Coop. Damit haben sie sich verpflichtet, wo möglich den Zuckergehalt in Joghurts und Frühstücksflocken bis 2024 zu senken. Beatrice Baumer, Dozentin für Ernährung an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW), sagt, es mache aus verschiedenen Blickwinkeln Sinn, dass immer mehr Grosskonzerne, wie zum Beispiel Nestlé, auf zuckerreduzierte Lebensmittel setzen. Insbesondere dann, wenn Zucker als billiger Füllstoff eingesetzt wird.

Nach eigenen Angaben hat die Migros zwischen 2016 und 2018 im Rahmen der Erklärung von Mailand den Gehalt an zugesetztem Zucker im Cerealien-Sortiment um 16,7 Prozent gesenkt. Mit der erneuten Unterzeichnung der Erklärung von Mailand 2019 hat sich die Migros für eine weitere Reduktion des zugesetzten Zuckers in Cerealien um 15 Prozent bis Ende 2024 ausgesprochen. Auch Beatrice Baumer hat sich im Rahmen eines Forschungsprojekts mit der Zuckerreduktion in Frühstücksflocken auseinandergesetzt. Warum gerade Müesli in der Zuckerdebatte so in den Fokus rückt, erklärt die Ernährungswissenschaftlerin so: «Frühstückscerealien werden als gesund vermarktet und wahrgenommen, daher können sie eine versteckte Quelle von Zucker sein, die man täglich einnimmt.» Sollten wir industriellen Zucker also komplett aus unserer Ernährung verbannen? Beatrice Baumer findet nicht: «In einer ausgewogenen Ernährung ist durchaus Raum für Süsses, jedoch in Massen und wenn möglich nicht versteckt in Grundnahrungsmitteln.»

Nutriscore bewertet Zusammensetzung der Lebensmittel

Wie gesund Lebensmittel sind, ohne nur auf den Zuckergehalt zu achten, ist auf den ersten Blick oft nicht ersichtlich. Nur durch genaues Betrachten der Nährwerte und Inhaltsstoffe lassen sich Produkte in gesund oder weniger gesund einteilen. Als Orientierungshilfe setzen immer mehr Unternehmen auch in der Schweiz auf den Nutriscore. In Frankreich, Belgien, Spanien und Deutschland gibt es den ihn bereits. Der Nutriscore ist eine Skala, die aufzeigen soll, wie ausgewogen die Zusammensetzung verarbeiteter Lebensmittel ist. Sie reicht vom positiven grünen A bis zum negativen roten E und ist auf den Verpackungen abgedruckt.

Wie gut ein Lebensmittel abschneidet, hängt von den Daten der Nährwertdeklaration für 100 Gramm des Produkts ab. Negativ ins Gewicht fallen Zucker, Salz, der Kaloriengehalt und gesättigte Fettsäuren. Je höher diese Werte bei einem Produkt sind, desto weiter rutscht es auf der Skala in den roten Bereich. Migros will den Nutriscore bis 2025 auf allen Eigenmarken platzieren und auch Danone und Nestlé nutzen das Ampelsystem auf einem Grossteil ihrer Produkte. Nestlé will diesen bis Ende 2021 auf all seinen Produkten in der Schweiz einführen.

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