Gerade erzählte sie noch, wie schwer sich Berufsleben und Familie vereinbaren lassen. Sie machte Kaffee, wischte den Tisch ab, telefonierte und drückte jemandem auf, der an der Haustür geklingelt hatte.
Jetzt sitzt Barbara Felber (40), Pflegefachfrau und Mutter zweier Kinder, mit ihrer Gitarre auf einem Stuhl und ist eine andere Person. Ihr Lächeln ist weg, ihr Gesichtsausdruck konzentriert. Sie drückt und zupft die Saiten. «Au clair de la lune» heisst das Lied, das sie spielt. Ein kindliches. Doch die plötzliche Ernsthaftigkeit dieser gerade noch mädchenhaften Frau lässt leer schlucken.
Musizierende Menschen wirken oft so: in sich gekehrt. Wer zuschaut, hat das Gefühl, einem intimen Moment beizuwohnen.
Wir sind ein Land der Musikanten. Gemäss einer Erhebung des Bundesamts für Statistik spielt jeder sechste Schweizer ein Instrument. 70 Prozent der Musizierenden sind über 30 Jahre alt. Immer mehr Erwachsene beginnen neu.
Auch Barbara Felber besuchte erst vor einem Jahr ihre erste Gitarrenstunde. Bis 15 spielte sie Flöte, doch dann machte sie eine Ausbildung, wollte reisen. «Ausserdem hatte ich keine Lust mehr. Ich hatte eine altmodische Lehrerin, die uns nur klassische Lieder spielen liess. Das Mädchen, mit dem ich gemeinsam in die Stunde ging, war immer besser als ich. Das war auch nicht unbedingt motivierend.»
Damit ging es ihr wie vielen Erwachsenen. Sie wurden als Kinder und Jugendliche in einen standardisierten, von Blockflöte dominierten Musikunterricht hineingepresst, der ihnen spätestens als jungen Erwachsenen nicht mehr entsprach. Wollten sie dafür auch noch selbst bezahlen? Auf keinen Fall!
Eine Frage, die sich Fagottistin Barbara Seitz (58) in ihrer Jugend gar nicht erst zu stellen brauchte. Sie wuchs in einer Zeit auf, als sich Musikschulen erst etablierten. Bis in die 60er-Jahre war das Musizieren eine elitäre Sache.
Auch später konnten es sich nur wenige leisten. Dass Seitz erst als 50-Jährige mit Fagott begann, hat nicht nur mit dem Preis des Instruments zu tun. Mädchen spielten Geige, Klavier, Harfe. Aber sicher kein kiloschweres Blasinstrument.
«Noch nie hatten Menschen über 50 so viele Möglichkeiten, ihre Freizeit zu gestalten, wie heute», sagt Daniel Allenbach (37), wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hochschule der Künste Bern.
Er gehört zu einem Team, das im Rahmen einer Studie mit 43 Personen ausführliche Interviews zu den Freuden und Leiden des Instrumentalunterrichts im fortgeschrittenen Alter führte. «Sie fühlen sich fit und haben endlich die Zeit und die finanziellen Mittel, sich ihre Träume zu erfüllen.»
Dass Musizieren Glücksgefühle auslöst – darüber sind sich die Interviewten einig. Gleichzeitig sind viele wahnsinnig kritisch mit sich selbst. Barbara Seitz zierte sich, dem Journalisten etwas auf ihrem Fagott vorzuspielen. Dem Fotografen fürs Bild erst recht. Es sehe einfach nicht schön aus im Gesicht, sagte sie.
Selbstbild und Fremdbild unterscheiden sich
«Die Angst, sich zu blamieren, ist gross», sagt Allenbach. Dabei reagiere das Umfeld meist mit Bewunderung. «Die Kollegen sagen: Toll, dass du es wagst!»
Inzwischen bietet die Hochschule der Künste Bern eine Weiterbildung an, die Lehrpersonen für die neue, ältere Schülerschaft wappnet, genauso wie Hochschulen in Luzern und Basel.
Auch die rund 400 Musikschulen in der Schweiz beginnen das Potenzial der neuen Zielgruppe zu erkennen und lockern ihre Alterslimiten für Einsteiger, die vielerorts bei 20 Jahren liegen.
Das Problem bei Musikschulen: Sie eignen sich nur für Berufstätige, die sich an die offiziellen Semesterzeiten halten können. Plus: Erwachsene geben sich selten mit der erstbesten Lehrperson zufrieden, die man ihnen zuteilt. Hier kommt Siro Müller (37) ins Spiel.
Der Zürcher gründete 2012 mit einem Geschäftspartner Instrumentor – eine Firma, die Erwachsene, die ein Instrument spielen wollen, mit den passenden Lehrern zusammenbringt. Lehrern, die regelmässig auf der Bühne stehen – sei es in einer Band, in einem Ensemble oder Solo.
Es geht darum, eine Art Mentor zu haben, den man live sehen und mit dem man sich identifizieren kann. So will man vermeiden, dass zum Beispiel ein Klassik-Spezialist einen Blues-Liebhaber unterrichtet.
Siro Müller unterrichtet selbst Schlagzeug und ist Mitglied einer Indie-Pop-Band. Mehr als 6000 Personen mit einem Durchschnittsalter von rund 35 Jahren hat seine Firma bereits vermittelt.
Die Nachfrage ist bei Menschen gross, die einen Ausgleich zum hektischen Berufsalltag suchen. Menschen wie der Banker Chris Rutishauser (42), der bei Müller selbst in die Stunden geht.
Kaderangestellte sind es sich oft nicht gewohnt, dass ihnen etwas nicht auf Anhieb gelingt. Sie sind schneller frustriert als andere. Der Vorteil, wenn Erwachsene in den Musikunterricht gehen: Sie tun es freiwillig und nicht, weil ihre Eltern es wollen.
Musik kann uns ins Schwitzen bringen
Wer als Kind ein Instrument spielte, weiss: Der Ehrgeiz, etwas zu beherrschen, wird mit zunehmendem Alter nicht kleiner. Sich mit einem Kinderlied abzumühen, kann für einen Erwachsenen dementsprechend demütigend sein.
Vielleicht ist Perfektion bei diesem Hobby aber gar nicht so wichtig. Schliesslich regt Musik Hirnareale an, in denen unsere Emotionen entstehen. Schon einfache Melodien können dafür sorgen, dass wir Gänsehaut kriegen oder Schmerz weniger stark wahrnehmen. Sie können uns ins Schwitzen bringen oder uns tief durchatmen lassen. Wer Musik macht, tut sich im Moment etwas Gutes. Ob Zuhören dabei ein Genuss ist, spielt keine Rolle.