Der Siegeszug der Heidelbeere
Die Boom-Beere

Früher zwickte man sie von Sträuchern im Wald ab, heute liegt sie zuhauf im Supermarkt – und zwar das ganze Jahr über. Der fulminante Siegeszug der Heidelbeere.
Publiziert: 26.09.2020 um 14:47 Uhr
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Aktualisiert: 28.09.2020 um 18:07 Uhr
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Die Heidelbeere ist die Beere der Stunde. Ihr Konsum und die Anbaufläche wachsen seit Jahren enorm. Auch in der Schweiz.
Alexandra Fitz

Im Juni liegen die Hellroten in ihren Körbchen. Erdbeerzeit. Für die Himbeere braucht es noch etwas mehr Sommer. Wenn uns dann die Himbeeren und Brombeeren gluschten, verabschieden sich die Erdbeeren auch schon wieder. Bloss eine Beere lässt sich von der Saisonalität nicht beeindrucken. Sie ist immer da. Rund und blau, verpackt in Plastikschalen und Snackbechern. 365 Tage im Jahr. Die Heidelbeere – auch Blaubeere genannt – hat jeden Tag Saison.

Das war nicht immer so. Vor zwanzig Jahren interessierte sich keiner für Heidelbeeren. Da pflückte man die «Heubeeri» im Wald, machte Kompott daraus oder steckte sie sich direkt frisch ab Strauch in den Mund. Heute werden Heidelbeeren in Kulturen angebaut. Die Anbaufläche in der Schweiz hat sich innerhalb von zehn Jahren verdreifacht. Sie erreichte letztes Jahr 103,6 Hektar, was einem Anstieg von knapp zwölf Prozent gegenüber 2018 bedeutet. 2014 waren es 73,4 Hektar. Insgesamt wurden 561 Tonnen Heidelbeeren gepflückt, 52 Prozent mehr als in einem durchschnittlichen Jahr zwischen 2014 und 2018. Warum? Weil Heidelbeeren im Trend liegen und der Verzehr seit Jahren zunimmt.

Eine Beere, die nicht aneckt

Beat Lehner (51) aus Felben-Wellhausen TG gehört zu den grössten Heidelbeer-Produzenten der Schweiz. Auf neun Hektar wachsen seine Sträucher. 2015 stieg er ins Geschäft ein. Weil auch er sah, dass es sich hier um eine Boom-Beere handelt.

In den USA sei der Trend noch viel ausgeprägter, sagt Lehner. Dort begann auch der Hype um diese Beere. Sie wurde als supergesund in den Food-Himmel geschrieben. Sie sei reich an wertvollen Fruchtsäuren und Vitaminen. Und ganz nebenbei hübsche sie mit ihrem matten Blau Pankcakes und Müesli-Schüsseln auf. So durfte die Blaubeere, auf Englisch «blueberry», auf keinem Instagram-Food-Bild mehr fehlen.

Lehner zählt neben dem gesunden Image die weiteren Vorteile der Beere auf: Sie sei einfach zu essen und zu lagern. «Die Heidelbeere kann man problemlos mal eine Woche im Kühlschrank lassen – im Gegensatz zu Erdbeeren und Himbeeren», sagt Lehner. Und ihr Geschmack? «Die Blaubeere eckt nicht an», sagt Lehner. Es sei eine Frucht mit einem Aroma, das viele mögen. Er mag sie am liebsten direkt ab Strauch. Aber bei einer roten Johannisbeere etwa würden sich die Geschmäcker scheiden. Oder wie es in einem Garten-Blog heisst: «Bei den Heidelbeeren gibt es eigentlich nur milde Liebhaber und temperierte Zustimmung.»

Haltbar und transportfähig

Mild ist sie wirklich. Und süsslich. Das Fruchtfleisch hell, nicht dunkelrot wie bei der wilden Art aus dem Wald. Die domestizierte ist auch grösser. Grössere Beeren bringen mehr Ertrag. Das bedachten die Amerikaner, als sie vor rund hundert Jahren die ersten Heidelbeeren kultivierten. Kulturheidelbeeren sind also eine amerikanische Erfindung. Bis heute hat sich diese Art gehalten.

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Ausserdem sei das Gewächs widerstandsfähig. Es brauche nur einen guten Boden, sagt Lehner. Konkret: einen sauren Boden mit einem PH-Wert von 5 bis 6. In einem normalen Boden würden die Pflanzen eingehen. Daher stehen sie bei Lehner in Töpfen auf dem freien Feld, eingepackt in einem Netz. Oben das Hagelnetz, auf der Seite das Insektennetz. «Vögel haben eben auch gerne Heidelbeeren. Und der schlimmste Schädling, die Kirschessigfliege, leider auch», sagt Lehner. Ein Gewächshaus brauche es nicht, unser Klima verträgt sie gut.

Noch ein Pluspunkt: Im Gegensatz zu Himbeeren und Erdbeeren ist die Heidelbeere transportfähig. Sie kann drei, vier Wochen auf einem Schiff Richtung Europa fahren. «Himbeeren müsste man mit dem Flugzeug importierten, aber die Fliegerei ist nicht gerade populär», erklärt Lehner.

Nur neun Prozent wachsen in der Schweiz

Der Import ist ein wichtiger Punkt in der Erfolgsgeschichte der Heidelbeere. Die Blaubeeren sind hier zwar sehr beliebt, die Anbauflächen wurden grösser, und Obstbauern wie Lehner, der bis vor fünf Jahren lediglich Äpfel und Kirschen im Sortimente hatte, steigen ins Blueberry-Geschäft ein. Doch der Grossteil der Heidelbeeren, die wir in der Schweiz konsumieren, kommt aus dem Ausland. Bloss neun Prozent sind einheimisch, also auf Schweizer Boden gewachsen. Saison ist zwischen Juli und August. Lehners Zeit, um auf den Markt zu kommen.

Der Thurgauer hat sich die Blaubeer-Welt ganz genau angeschaut, denn seine Beeren stehen in direkter Konkurrenz mit den ausländischen, auch mit den Preisen. Die Heidelbeere wird bei der Einfuhr in die Schweiz nicht mit Zöllen belegt. Als man dies beschloss, hatte die Heidelbeere keine Bedeutung auf dem Markt, keiner interessierte sich dafür. Lehner sagt aber: Die Schweizer Heidelbeeren laufen gut. Einerseits habe man gute Verträge mit den Grossverteilern, andererseits seien die Konsumenten bereit, für die Schweizer Beeren etwas mehr zu zahlen. «Unsere Beeren sind frisch – wir pflücken sie, und am nächsten Tag sind sie im Laden», stellt Lehner klar.

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Irgendwo ist immer Erntezeit

Die Heidelbeere wurde zum 365-Tage-im-Jahr-Produkt, weil immer irgendwo gerade Erntezeit ist. Die europäische Saison ist langsam fertig, auch in der Schweiz wurden die letzten Beeren geerntet. Im Herbst kommen die Beeren aus Peru, ab Dezember aus Chile, ab Februar aus Marokko, im Frühling exportiert Spanien. Im Sommer ist dann die Schweiz wieder dran.

Peru exportiert mehr Blaubeeren als jedes andere Land auf der Welt. Wie die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» schreibt, haben Ingenieure dafür einen Fluss aufgestaut, damit die Millionen Kubikmeter Wasser neben Spargeln und Avocados auch Blaubeeren bewässern. Diese wachsen, wo vorher Wüste war, und werden dann auf Containerschiffen übers Meer nach Europa gebracht, in unsere Geschäfte, in unsere Blaubeer-Muffins und Müesli-Schüsseln.

In Felben im Thurgau seien jetzt noch ein paar vereinzelte Beeren an den Sträuchern, sagt Lehner. Vergangene Woche wurde die letzte Ernte eingeholt. Aber irgendwo auf der Welt wird immer geerntet.

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