Die Vorstellung, 90 oder sogar 100 Jahre alt zu werden, klingt zunächst verlockend. Doch ein längeres Leben bedeutet nicht automatisch mehr gesunde und glückliche Jahre. Wer Jahrzehnte zusätzlich zur Verfügung hat, muss sich auch fragen, wie er diese Zeit verbringen möchte.
Die Psychologin und Professorin Lynda Gratton (71) beschäftigt sich seit Jahren mit genau dieser Frage. Sie ist Professorin an der London Business School und hat gemeinsam mit dem Ökonomen Andrew J. Scott (61) das Buch «The 100-Year Life» geschrieben. Ihr zentraler Gedanke: Wir sollten nicht erst im Rentenalter darüber nachdenken, wie wir unser Leben gestalten wollen.
Was will ich eigentlich von meinem Leben?
Gratton empfiehlt deshalb eine einfache Übung: sich regelmässig vorzustellen, man sitze sich selbst im Alter von 80 Jahren gegenüber. Was würde das ältere Ich dem heutigen sagen? Dahinter steckt die Idee, die eigenen Entscheidungen nicht nur aus der Perspektive des Moments zu betrachten. Wer heute einen Beruf, eine Beziehung oder einen Lebensstil wählt, entscheidet schliesslich auch darüber, wie die kommenden Jahrzehnte aussehen könnten.
Dabei geht es laut Gratton nicht darum, einen perfekten Lebensplan bis ins hohe Alter zu entwerfen. Viel wichtiger sei es, sich selbst besser zu verstehen: Was ist mir wichtig? Was macht mich zufrieden? Und welche Dinge möchte ich später nicht bereuen?
Arbeit muss auch zum Leben passen
Wenn Menschen deutlich länger leben, stellt sich auch die Frage, wie lange und vor allem, wie sie arbeiten wollen. Ein Beruf, der schon mit 40 Jahren nur noch aus Pflichtgefühl ausgeübt wird, kann über weitere Jahrzehnte zur Belastung werden.
Gratton rät deshalb, sich frühzeitig mit der eigenen beruflichen Zukunft auseinanderzusetzen. Das kann ein Wechsel sein, muss es aber nicht. Neue Aufgaben, andere Arbeitsmodelle oder ein berufliches Netzwerk können helfen, Möglichkeiten offen zu halten. Wichtig sei vor allem, nicht erst dann über Veränderungen nachzudenken, wenn die Unzufriedenheit bereits gross ist.
Auch die technologische Entwicklung könnte dabei eine Rolle spielen. Künstliche Intelligenz übernimmt zunehmend Aufgaben, die bisher Menschen erledigt haben. Gratton sieht darin nicht nur ein Risiko, sondern auch die Chance, dass Menschen sich stärker auf Tätigkeiten konzentrieren können, bei denen Kreativität, Neugier und der persönliche Austausch gefragt sind.
Gesundheit lässt sich nicht auf später verschieben
Auch körperliche Gesundheit wird mit zunehmender Lebenserwartung wichtiger. Bewegung, ausreichend Schlaf, ein gesundes Körpergewicht und eine ausgewogene Ernährung gehören zu den bekannten Faktoren, die langfristig zur Gesundheit beitragen können. Der entscheidende Punkt ist für Gratton deshalb nicht eine möglichst radikale Veränderung kurz vor der Pensionierung. Vielmehr sollte man sich früh um Gewohnheiten kümmern, die man über viele Jahre beibehalten kann.
Denn zusätzliche Lebensjahre sind vor allem dann wertvoll, wenn möglichst viele davon bei guter Gesundheit verbracht werden. Die Lebenserwartung ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gestiegen, die Zahl der Jahre ohne chronische Erkrankungen oder Einschränkungen wächst jedoch nicht im gleichen Tempo.
Freunde sind mehr als ein Zeitvertreib
Eine weitere Investition hält Gratton für besonders wichtig: Freundschaften. Das passt auch zu den Erkenntnissen der langjährigen Harvard Study of Adult Development. Die seit Jahrzehnten laufende Untersuchung zeigt, dass gute soziale Beziehungen eng mit Gesundheit und Wohlbefinden im späteren Leben verbunden sind. Freundschaften entstehen allerdings nicht von selbst. Wer einen grossen Teil seiner Zeit mit Arbeit und familiären Verpflichtungen verbringt, muss sie bewusst pflegen. Auch berufliche Kontakte können dabei eine Rolle spielen. Gerade wenn Menschen länger arbeiten, entstehen Begegnungen mit verschiedenen Generationen und neuen Perspektiven.
Einsamkeit ist dagegen mit verschiedenen gesundheitlichen Problemen verbunden. Ein langes Leben kann deshalb auch eine Herausforderung sein, wenn soziale Beziehungen mit der Zeit verloren gehen.
Auch Beziehungen dürfen sich verändern
Ähnlich wichtig ist ein ehrlicher Blick auf die Partnerschaft. Menschen verändern sich, und damit können sich auch ihre Vorstellungen von einem gemeinsamen Leben verändern.
Gratton plädiert deshalb dafür, nicht einfach davon auszugehen, dass eine Beziehung über Jahrzehnte genau gleich funktionieren muss. Paare sollten immer wieder darüber sprechen, was sie voneinander erwarten und wie sie ihre gemeinsame Zukunft gestalten möchten. Das kann manchmal bedeuten, eine Beziehung neu auszurichten. Und manchmal auch, sich einzugestehen, dass ein gemeinsamer Lebensentwurf nicht mehr funktioniert.
Zehn Minuten können einen Unterschied machen
Am Ende ihrer Überlegungen steht deshalb keine komplizierte Langlebigkeitsformel. Gratton empfiehlt vielmehr, sich täglich etwas Zeit für die eigene Zukunft zu nehmen. Zehn Minuten reichen als Anfang. Nicht, um einen 30-Jahres-Plan aufzustellen, sondern um kurz innezuhalten: Wie verbringe ich meine Zeit? Was ist mir wichtig? Und passt mein heutiges Leben noch zu dem, das ich später führen möchte?
Ein längeres Leben lässt sich nicht vollständig planen. Aber man kann beeinflussen, womit man seine Jahre füllt. Und genau darin sieht Gratton die eigentliche Chance der zunehmenden Lebenserwartung: nicht einfach länger zu leben, sondern die zusätzliche Zeit bewusster zu gestalten.
Dieser Artikel erschien erstmals auf Onet Kobieta, der Frauen- und Lifestyle-Rubrik des polnischen Nachrichtenportals Onet, das zur Ringier-Gruppe gehört.