Pandemie-Hunde
Pures Glück, jeden Tag

Wie so viele tat sich auch Autorin Silvia Tschui während der Pandemie einen Hund zu. Samba heisst das Tier. Es ist neben der Geburt ihres Sohns etwas vom Besten, das ihr je passiert ist.
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Silvia Tschui gehört zu den vielen Schweizerinnen und Schweizern, die sich während der Pandemie einen Hund angeschafft haben.
Foto: Thomas Meier
Silvia Tschui

Wie so viele habe auch ich mir in der Pandemie einen Hund zugetan. Schon immer wollte ich meinem Sohn ermöglichen, mit so einem Gefährten aufzuwachsen, wie ich ihn als Kind hatte: ein liebes Pelzgesicht, das man knuddeln kann, wenn man traurig oder krank ist oder wenn das Mami ungerecht und blöd war. Mit dem man spielt und über Felder und Wiesen streift und bei Wind und Wetter die Vögel beobachtet.

Ausserdem stärkt ein Hund das Immunsystem eines Kindes und das Nervenkostüm aller Menschen um ihn herum. Das sage nicht ich als Hunde- (und Büsi-)Freundin, das sagt eine Meta-Studie, also eine Studie, die diverse Studien auswertet, aus der Elite-Universität Harvard: Besitzer von Hunden haben einen tieferen Blutdruck und weniger Stresshormone wie Cortisol und weniger Blutfett wie Cholesterol im Blut als Nichthündeler. Das Risiko für Herzinfarkte sinkt deswegen, wohl auch, weil sich Hundebesitzer mehr bewegen. Sie haben auch weniger Depressionen.

Samba ist das Beste, was Journalistin Silvia Tschui seit langem passiert ist.
Foto: Silvia Tschui

Dank Homeoffice ist der Wunsch nach einer Fellnase erstmals ins Reich der Möglichkeiten gerutscht. Und im September letzten Jahres ist sie also Teil unseres Haushalts geworden: ein elf Wochen altes Bündel Energie, mit einem so doll wedelndem Schwanz, dass der Name Samba gesetzt ist. Sie hat lustige Augen, Ohren, die sich umklappen lassen, weissblitzende, spitze Zähnchen, einen «blutten» Bauch und eine lange, rosa, warme Zunge, mit der sie am liebsten unsere Ohren bearbeitet.

Sie isst sogar Zahnseide

Was sich lustig und sehr herzig anhört, war zunächst, hygienemässig gesehen, eher grenzwertig: Weil Frau Flausch alles – aber auch wirklich alles – frisst, was ihr unter das hübscheste Schnäuzchen der Welt kommt: Turnschuhe, Zahnseide, von der man keine Ahnung hat, wie die in den Welpen gekommen ist und die man über ein paar Tage stückweise aus dem Hundefudi abschneidet. Sie riecht immer noch leicht nach Menthol. Aber auch verweste Regenwürmer und Schnecken. Gaggi von Katzen, Igeln und anderen Hunden. Tonnenweise Gaggi, der dann nachts jeweils auf den Teppich gekotzt wird oder sich in wasserschwallartigem Durchfall verwandelt.

Silvia Tschui gehört zu den vielen Schweizerinnen und Schweizern, die sich während der Pandemie einen Hund angeschafft haben.
Foto: Thomas Meier

Auch wenn wir die Gaggifresserei schon bald in den Griff bekamen, und auch tote Schnecken und Regenwürmer nicht mehr so interessant sind – ein Picknick war das Ganze bis jetzt nicht. Nach nur vier, fünf Wochen folgt eine Spielverletzung, die dem armen Tier die Kniescheibe raushaut. Tierarzt, Operation, sechs Wochen Leinenpflicht und Bettruhe. Sagen Sie das mal so einem Viech, das den Bewegungsdrang eines menschlichen Teenagers und das Hörverständnis eines menschlichen Neugeborenen hat. Man schläft und arbeitet dann die ersten zwei Wochen neben dem armen Tier auf dem Sofa und traut sich kaum aufzustehen, weil das arme Welpli, wie einst der Sohn als Kleinkind, bei allem mitmachen will, was man tut. Und so trägt man den mittlerweile doch schon sechzehn Kilo wiegenden Welpen ständig herum, holt sich dabei eine verrenkte Bandscheibe und denkt: Was hab ich mir da bloss angetan? Ehrlich gesagt: Unser Sohn war insgesamt pflegeleichter.

Sieben Wochen nach der Operation, also jetzt, kann ich die Frage, was ich mir da bloss angetan habe, trotzdem beantworten: Ich habe mir pures Glück angetan, jeden Tag. Jeden Tag muss man raus, bei Wind und Wetter. Jeden Tag springt ein Wesen, das einen liebt, aus schierer Lebensfreude wie irr um einen herum. Bringt einem Geschenke in Form von Zweigen, Steinen und leeren PET-Flaschen, freut sich des Lebens und steckt einen jeden Tag mit dieser Freude an.

Es ist nicht immer einfach, einen Hund zu haben: Samba hat sich die Kniescheibe rausgehauen.
Foto: Silvia Tschui

Nimmt man den zehnjährigen Sohn auf den Spaziergang mit, sieht man auch dessen Freude – und hat als netten Nebeneffekt die besten Gespräche, die man mit einem Zehnjährigen nur haben kann. Etwas an der Kombination von Bewegung, Fokus auf ein Tier und nebeneinander Hergehen öffnet Seelen und Herzen.

Man bekommt die Jahreszeiten mit, sieht über der Limmat Dunst in der kalten Luft aufsteigen, während die fahle Wintersonne schräg hineinscheint und Mövenschwärme über die Szenerie ziehen, und man denkt, wie schön, wie herzzerbrechend wunderbar schön die Welt doch ist, das Leben doch ist, und man möchte laut schreien vor schierem Glück – und wirft dann aber doch nur die mit fliegenden Schlappohren hergebrachte leere PET-Flasche wieder weit von sich, sieht dem schönsten und liebsten und hübschesten und elegantesten Tier der Welt zu, wie es ihr hinterherjagt, fühlt sein Herz mithüpfen und denkt: Danke, Samba. Sämbeli. Bämbeli. Frä Fläuschli. Sambal Oelek. Frä Oelek. Gumpiesel. Lumpetier. Schiissviechli. Glänzli. Schönschti. Pelzgsichtli. Samba. Wir lieben dich so.

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