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Drama mit Ansage

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Guido Felder und Flavio Razzino

Millionen von Fahrzeugen sind schon über den Polcevera-Viadukt in Genua (I) gefahren. Gestern wird die vierspurige Autobahnbrücke am Rande der Hafenstadt zur Todesfalle: Kurz vor Mittag stürzt ein Stück von 200 Metern Länge rund 45 Meter in die Tiefe. Bis zum Redaktionsschluss werden 35 Tote gezählt, darunter ein Kind. Schweizer sind offenbar nicht betroffen, wie das EDA festhält.

Doch die italienischen Behörden sind sich sicher: Die Anzahl der Opfer wird noch steigen. 

Rund 30 Autos und drei Lastwagen fielen in die Tiefe, teilweise landen die Fahrzeuge im Fluss Polcevera. Mehrere Überlebende können aus den Trümmern gezogen werden. Unter den Verletzten befindet sich eine 75-jährige Frau, die Rauchverletzungen erleidet, weil ihr Haus nach dem Einsturz Feuer fängt.

Umliegende Wohnhäuser werden evakuiert. Es besteht die Gefahr, dass weitere Brückenteile zusammenbrechen. Wegen eines Gaslecks müssen auch die rund 250 Rettungseinheiten den Unglücksbereich zeitweise verlassen.

Der Kollaps der 1967 eingeweihten Brücke ist ein Drama nach Ansage. Laut ersten Erkenntnissen kommen als Ursache für den Einsturz «strukturelle Schwächen» in Frage. Mit andern Worten: Die Brücke war baufällig! Der an der Universität von Genua lehrende Bauingenieur Antonio Brencich bezeichnete laut «Corriere della Sera» den Viadukt, der wegen des Erbauers auch Morandi-Brücke genannt wird, bereits vor zwei Jahren als «Fehlkonstruktion».

Schon Ende der 1990er-Jahre hätten die von Anfang an notwendigen Instandhaltungsarbeiten mehr gekostet als der Bau der Brücke. Um die Brücke zu verstärken, mussten bei Renovationen die Seile verstärkt werden.

Laut Brencich schätzte man beim Bau die Verformungsmöglichkeiten des Betons falsch ein, was wiederum zu Verformungen der Brücke und zu Rissen führte. Dabei müsste eine solche Brücke bis 80 Jahre ohne grössere Sanierung überstehen.

Möglicherweise hat ein Blitz der offensichtlich schlecht gebauten Brücke ausserdem zugesetzt. Ein Zeuge sagte in der Zeitung «Repubblica»: «Um 11.35 Uhr hat ein Blitz in einen Pfeiler eingeschlagen, der Zement hat zu bröckeln begonnen. Danach ist alles eingestürzt, und es war das Ende der Welt.» Auch eine Familie berichtet von einem «gigantischen Blitz», der in den Pfeiler eingeschlagen sei. Sie steht unter Schock und musste im Spital behandelt werden.

Dem BLICK sagt Edoarda D’Agostino (45), die nur zwei Minuten von der Brücke entfernt wohnt: «Es krachte ohrenbetäubend. Ich sah einen Blitz, dann zitterten die Wände meiner Wohnung. Ich hatte wahnsinnige Angst, dass jemand, den ich kenne, ums Leben gekommen ist.»

Meteorologen bestätigen, dass um diese Zeit ein schweres Gewitter über Genua hinwegzog. In einem Video ist zu sehen, wie der Himmel beim Zusammenbruch der Brücke erhellt wird. Es ist aber noch unklar, ob es sich um meteorologische Blitze handelt oder um Blitze, die von einem Kurzschluss von Stromleitungen her stammen.

An der eingestürzten Autobahnbrücke fanden zum Zeitpunkt der Tragödie Bauarbeiten statt, die bis 2019 dauern sollten. Wie die Betreibergesellschaft Autostrade per l’Italia auf ihrer Homepage mitteilt, sei gerade am Fundament der Fahrbahn gearbeitet worden. Auf der Brücke selber habe ein Baukran gestanden. Der Zustand der Brücke sowie der Fortgang der Renovierung seien immer wieder kontrolliert worden.

Der italienische Verkehrsminister Danilo Toninelli (44) sprach auf Twitter von einer «entsetzlichen Tragödie». Vizeverkehrsminister Edoardo Rixi (44) doppelte nach: «Es ist inakzeptabel, dass eine so wichtige Brücke nicht in einer Art und Weise gebaut war, dass ein Einsturz ausgeschlossen ist.»

Die Schrägseilbrücke liegt zwischen den Stadtteilen Sampierdarena und Cornigliano am Ende der A7 von Mailand (I) nach Genua und bildet den Beginn der A10 von Genua nach Ventimiglia (I) und Nizza (F). Die von 90 Meter hohen Pylonen getragene 1182 Meter lange Brücke überquert nebst dem Fluss auch Wohnblocks, einen Rangierbahnhof, Strassen und Industriegebäude. Sie gilt als Meisterwerk der Architektur des 20. Jahrhunderts. Bis sie gestern einstürzte.

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