Darum gehts
- Ramona Zenger teilt offen ihre Erfahrungen mit ADHS
- Symptome: Konzentrationsprobleme, Impulsivität, innere Unruhe und Zeitmanagementschwierigkeiten
- Auch Ramonas Partner hat ADHS – ihr gemeinsames Baby wird mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls betroffen sein
«Warum ist es nicht einfach mal still in meinem Kopf?», fragt Ramona Zenger (37) in einem Post auf ihrer Instagram-Seite. Seit sie vor zwei Jahren die Diagnose Aufmerksamkeitsdefifzit-/Hyperaktivitätsstörung – kurz ADHS – erhielt, geht die Psychologin auch auf ihren Social Media Kanälen offen mit ihrem Syndrom um. Sie erzählt von Zeiten, in denen sie fast verzweifelt, aber auch von solchen, in denen sie ihr ADHS als Stärke wahrnimmt.
Geahnt habe sie es schon lange, sagt sie in der aktuellen Folge des Blick-Beziehungspodcasts «intim & laut». «Trotzdem war die Diagnose eine Erleichterung. Ich hätte mich sonst wirklich gefragt, was nicht stimmt mit mir.» Konzentrationsschwierigkeiten, das schwierige Aushalten von Langeweile, innere Unruhe, Impulsivität, Vergesslichkeit, Unstrukturiertheit, Probleme beim Zeitmanagement und bei der Planung gehören zu Ramonas ADHS-Symptomen. «Hätte ich früher gewusst, dass all dies tatsächlich neurologische Ursachen hat, hätte ich mir jahrelanges Hinterfragen erspart.»
Neurodivergente Menschen verlieben sich anders
Die Symptome von ADHS können sehr unterschiedlich sein, neurologisch passiert bei allen Betroffenen das Gleiche: Vereinfacht gesagt baut das Hirn den Botenstoff Dopamin – zuständig unter anderem für Motivation und Belohnung – zu schnell ab. Das führt dazu, dass sie sich den «Kick» immer wieder aktiv suchen, auf verschiedene Arten. Dass ihre Symptome im Zusammenhang mit einer Neurodivergenz stehen könnten, vermutete schliesslich Ramonas langjähriger Partner als Erster – weil er selbst ADHS hat! «Er hat seine Diagnose eine Weile vor mir erhalten, aber auch bereits im Erwachsenenalter.»
Die Dating-Zeiten vor ihrer Beziehung hat Ramona Zenger als «sehr stressig» in Erinnerung. Laut diversen Studien verlieben sich Leute mit ADHS nämlich anders als neurotypische Menschen: sehr schnell, sehr intensiv. Und sie neigen zur Limerenz, dem Überanalysieren von allem, was ihr «Objekt der Begierde» sagt, tut, schreibt oder eben nicht. «Warum schreibt er jetzt nicht? Warum schickt er diesen Smiley? Warum schickt er gar keinen Smiley? Ich war ständig unter Strom», erinnert sich die Paartherapeutin. Ausserdem sei es regelmässig vorgekommen, dass sie sich nach dem zweiten Date sicher war, den Mann ihres Lebens, den Vater ihrer Kinder, getroffen zu haben. «Gesagt habe ich ihm das jeweils aber nicht, ich war schon so realistisch, dass ich wusste, dass das eher abschreckend wirken könnte», erzählt sie lachend. Dabei war die Leidenschaft öfter genauso schnell vorbei, wie sie gekommen war: «Wenn das Dopamin dann weg war, langweilten mich die Männer ziemlich schnell.»
Ihr Baby wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch ADHS haben
Dass dies bei ihrem jetzigen Partner nicht der Fall ist, könnte sehr gut daran liegen, dass er ebenfalls ADHS hat. «Er hat immer wieder neue Ideen, bringt mich zum Nachdenken, zum Lachen, da kommt garantiert keine Langeweile auf.» Die Neurodivergenz im Doppelpack hat tatsächlich diverse Vorteile. Studien zeigen zwar, dass die Wahrscheinlichkeit einer Trennung bei Betroffenen dreimal so hoch ist wie bei neurotypischen Menschen – allerdings nur, wenn nur eine oder einer betroffen ist. Für diesen Fall zeigen Umfragen auch, dass 24 von 25 Partnern oder Partnerinnen ohne ADHS sagen, dass die Symptome des ADHS-Partners das alltägliche Funktionieren der Beziehung massiv beeinträchtigen.
«Das erlebe ich auch bei betroffenen Paaren in meiner Praxis», sagt Ramona Zenger. «Wenn jemand Mühe mit Aufmerksamkeit und Zuhören hat oder trotz hundertmaligem Versprechen gewisse Verhaltensmuster nicht ändert, denkt ein Partner oder eine Partnerin irgendwann, er oder sie sei für die andere Person einfach nicht wichtig genug.» Ihr Partner hingegen könne nachvollziehen, dass sie nicht aus bösem Willen ihre Schuhe täglich im Gang verstreue: «Es ist einfach so, dass das Thema direkt nach dem Versprechen, mir mehr Mühe zu geben, wieder aus meinem Universum verschwindet. Er weiss das.» Da hilft nur eins: Alles, was wirklich wichtig ist, muss aufgeschrieben werden. Auch wenns eben nur das Wegräumen der Schuhe ist.
Zumal Ramona ihre Symptome momentan nicht medikamentös behandeln kann: Sie und ihr Partner werden erstmals Eltern. Ob sie Respekt davor haben, dass aus dem neurodivergenten Doppel ein Trio wird, sprich ihr Kind ebenfalls von ADHS betroffen sein könnte? Die Chance ist gross, denn ADHS ist erblich. Wenn ein Elternteil betroffen ist, beträgt sie beim Kind 20 bis 30 Prozent, bei beiden Elternteilen ganze 80 bis 90 Prozent. «ADHS-Kinder sind oft Schreibabys, das macht mir momentan am meisten Sorgen», sagt Ramona. «Ansonsten denke ich, wachsen wir in die Elternrolle hinein, egal, ob unser Kind neurodivergent ist oder nicht.»