Darum gehts
- Trauerredner Lukas Niederberger hat seine eigene Todesanzeige bereits geschrieben
- Immer mehr Menschen werden ohne kirchliche Rituale verabschiedet
- Der ehemalige Jesuit erklärt, warum Kinder an Beerdigungen teilnehmen sollten
Lukas Niederberger, warum ist die Vorbereitung auf den eigenen Tod so wichtig?
Lukas Niederberger: Vor zwei Jahren war ich an der Beerdigung eines Freundes, der bei einem Segelunfall ums Leben gekommen war. Er hinterliess mein 20-jähriges Göttikind. Mir wurde bewusst, dass bei mir vieles nicht geregelt gewesen wäre, wenn ich an seiner Stelle verunfallt wäre. Ich hatte zwar ein Testament geschrieben, aber noch niemanden bestimmt, der meinen letzten Willen vollstrecken sollte. Auch ein Vorsorgeauftrag und eine Patientenverfügung fehlten. Dabei könnte uns jederzeit ein Ziegel auf den Kopf fallen.
Warum verdrängen wir den eigenen Tod so konsequent?
Weil wir heute so alt werden. Viele denken, vor 70 oder 80 müsse man sich mit dem eigenen Tod nicht beschäftigen. Weil uns das Sterben Angst macht, verdrängen wir ihn gerne. Manche Menschen haben mehr Angst vor Demenz als vor dem Tod.
Wieso das?
Demenz bedeutet Kontrollverlust. Die Krankheit kann die Persönlichkeit stark verändern. Man sagt oder tut Dinge, die man früher nie gesagt oder getan hätte. Und man ist auf Angehörige und Pflegepersonal angewiesen. Das macht vielen Angst. Gerade deshalb ist es wichtig festzuhalten, wer im Fall von Demenz später Entscheidungen treffen darf. Es geht um Selbstbestimmung, zu der man später nicht mehr fähig ist.
Wir tun alles, um möglichst lange zu leben: Longevity boomt.
Wenn jemand 100 Jahre alt und körperlich wie geistig fit ist, ist das wunderbar. Aber ich kenne sehr alte Menschen, die gerne sterben würden. Trotzdem macht die Medizin auch bei Hochbetagten noch alles Mögliche: Stents, Herzoperationen und andere Eingriffe, die ich zum Teil fragwürdig finde.
Woher kommt dieser Drang nach einem möglichst langen Leben?
Früher glaubte man, nach dem Tod beginne das ewige Leben. Heute gehen die meisten davon aus, dass mit dem Tod der Stecker gezogen wird und alles vorbei ist. Darum ist es nachvollziehbar, dass man das irdische Leben möglichst lange auskosten und alles erreichen möchte. Aus dieser Haltung entsteht auch ein regelrechter Glücklichkeitswahn!
Was glauben Sie als ehemaliger Jesuit, was nach dem Tod kommt?
Ich glaube, dass die Wirklichkeit sehr viel weiter geht als das, was wir Menschen mit unserem Verstand und unseren Sinnen wahrnehmen und verstehen können. Was das Leben nach dem Tod betrifft, müssen wir die moderne Naturwissenschaft ernst nehmen. Ob es in uns etwas Unsterbliches gibt, kann ich nicht sagen. Was sicher ist: Solange Menschen an Verstorbene denken, bleiben sie in der Erinnerung lebendig.
Viele alte Menschen sterben einsam.
Ja, das geht so weit, dass zum Beispiel im Kanton Neuenburg rund die Hälfte der Verstorbenen ohne jede Trauerfeier bestattet wird. Manchmal wird die Urne einfach vom Friedhofsgärtner beigesetzt, ohne Angehörige.
Verlernen wir das gemeinsame Abschiednehmen?
Unsere Abschiedskultur verändert sich jedenfalls grundlegend. In städtischen Regionen findet heute etwa die Hälfte der Abdankungen ohne kirchlichen Segen statt. Früher war die Kirche von der Taufe bis zur Beerdigung selbstverständlich für die Rituale zuständig. Das wurde bis in die 1970er-Jahre kaum hinterfragt. Inzwischen haben die Kirchen ihr Monopol auf Rituale verloren. Manche Menschen verzichten ganz auf eine Abschiedsfeier, andere suchen neue Formen.
Seit 30 Jahren begleitet Lukas Niederberger (62) Menschen beim Abschiednehmen. Der ehemalige Jesuit ist Co-Präsident des Vereins Trauerredner*innen Schweiz und leitet das Retreatzentrum Landguet Ried bei Bern. Zudem ist er als Buchautor, Ritualgestalter und Kursleiter tätig.
Seit 30 Jahren begleitet Lukas Niederberger (62) Menschen beim Abschiednehmen. Der ehemalige Jesuit ist Co-Präsident des Vereins Trauerredner*innen Schweiz und leitet das Retreatzentrum Landguet Ried bei Bern. Zudem ist er als Buchautor, Ritualgestalter und Kursleiter tätig.
Was erwarten Angehörige von einem freien Trauerredner?
Dass das Leben der verstorbenen Person in einer stimmigen Form gewürdigt wird. Die Feier soll persönlich und würdevoll sein, mit passender Musik, Literatur und Erinnerungen. Wer einen freien Trauerredner oder eine Trauerrednerin engagiert, wünscht keine standardisierte Zeremonie.
Was sollte man für den Fall von Krankheit, Demenz oder Tod rechtzeitig regeln? Tipps von Lukas Niederberger für das finale Dossier.
1. Vorsorgeauftrag erstellen
Wer soll entscheiden, wenn man durch Krankheit, Unfall oder Demenz urteilsunfähig wird? Eine Vertrauensperson bestimmen, die sich um persönliche, finanzielle und rechtliche Angelegenheiten kümmert.
2. Patientenverfügung verfassen
Welche medizinischen Behandlungen möchte ich, welche lehne ich ab? Soll mein Leben künstlich verlängert werden? Auch festlegen, wer im Ernstfall medizinische Entscheidungen treffen soll.
3. Testament schreiben
Wer soll was erben? Gibt es Menschen oder Organisationen, die man berücksichtigen möchte? Ein Testament schafft Klarheit und kann Streit verhindern. Gesetzliche Pflichtteile beachten und das Testament sicher hinterlegen, am besten bei der zuständigen Amtsstelle.
4. Digitalen Nachlass regeln
Was geschieht mit E-Mails, Fotos, Social-Media-Profilen, Online-Konten und digitalen Vermögenswerten? Eine Vertrauensperson bestimmen und Zugänge sicher hinterlegen.
5. Bestattungswünsche festhalten
Kremation oder Erdbestattung? Kirchliche oder freie Trauerfeier? Welche Musik, Texte und Rituale wünsche ich mir? Auch die Todesanzeige kann man vorbereiten.
6. «Finale-Dossier» anlegen
Alle wichtigen Dokumente sowie Angaben zu Versicherungen, Bankkonten, Verträgen und Abos an einem gut auffindbaren Ort sammeln. Vertrauenspersonen informieren und Kopien hinterlegen. Passwörter separat und sicher aufbewahren.
7. Notfallpass mitführen
Ein kleiner Ausweis im Portemonnaie oder beim Smartphone enthält die wichtigsten Kontaktpersonen und den Aufbewahrungsort der Vorsorgedokumente.
Empfehlung: Die Unterlagen etwa alle fünf Jahre überprüfen und die eigenen Wünsche mit den Vertrauenspersonen besprechen.
Was sollte man für den Fall von Krankheit, Demenz oder Tod rechtzeitig regeln? Tipps von Lukas Niederberger für das finale Dossier.
1. Vorsorgeauftrag erstellen
Wer soll entscheiden, wenn man durch Krankheit, Unfall oder Demenz urteilsunfähig wird? Eine Vertrauensperson bestimmen, die sich um persönliche, finanzielle und rechtliche Angelegenheiten kümmert.
2. Patientenverfügung verfassen
Welche medizinischen Behandlungen möchte ich, welche lehne ich ab? Soll mein Leben künstlich verlängert werden? Auch festlegen, wer im Ernstfall medizinische Entscheidungen treffen soll.
3. Testament schreiben
Wer soll was erben? Gibt es Menschen oder Organisationen, die man berücksichtigen möchte? Ein Testament schafft Klarheit und kann Streit verhindern. Gesetzliche Pflichtteile beachten und das Testament sicher hinterlegen, am besten bei der zuständigen Amtsstelle.
4. Digitalen Nachlass regeln
Was geschieht mit E-Mails, Fotos, Social-Media-Profilen, Online-Konten und digitalen Vermögenswerten? Eine Vertrauensperson bestimmen und Zugänge sicher hinterlegen.
5. Bestattungswünsche festhalten
Kremation oder Erdbestattung? Kirchliche oder freie Trauerfeier? Welche Musik, Texte und Rituale wünsche ich mir? Auch die Todesanzeige kann man vorbereiten.
6. «Finale-Dossier» anlegen
Alle wichtigen Dokumente sowie Angaben zu Versicherungen, Bankkonten, Verträgen und Abos an einem gut auffindbaren Ort sammeln. Vertrauenspersonen informieren und Kopien hinterlegen. Passwörter separat und sicher aufbewahren.
7. Notfallpass mitführen
Ein kleiner Ausweis im Portemonnaie oder beim Smartphone enthält die wichtigsten Kontaktpersonen und den Aufbewahrungsort der Vorsorgedokumente.
Empfehlung: Die Unterlagen etwa alle fünf Jahre überprüfen und die eigenen Wünsche mit den Vertrauenspersonen besprechen.
Früher gab die Kirche den Ablauf vor. Ist die neue Freiheit auch eine Überforderung?
Der Vorteil von kirchlichen Trauerfeiern und Bestattungen ist tatsächlich, dass die Rituale vorgegeben sind und Angehörige wenig entscheiden müssen bezüglich der Gestaltung. Aber immer mehr Menschen schätzen freiere und individuellere Gestaltungsformen.
Wann sind Beerdigungen besonders herausfordernd?
Oft brechen rund um den Tod Familienkonflikte auf. Manchmal werden zerstrittene Geschwister oder ehemalige Partner und Gattinnen nicht zur Trauerfeier eingeladen. Ich habe einmal eine Beerdigung gestaltet, bei der sogar ein Bodyguard organisiert wurde, falls der Bruder auftauchen sollte. Eine Beerdigung sollte möglichst allen Menschen Gelegenheit geben, Abschied zu nehmen. Auch Kinder gehören dazu.
Warum?
Oft werden sie aus falsch verstandener Rücksichtnahme ausgeschlossen. Man glaubt, ihnen den Abschied nicht zumuten zu können. Dabei gehen Kinder natürlicher damit um als viele Erwachsene. Es ist völlig okay, wenn Kinder bei Beerdigungen weinen, Fragen stellen oder herumlaufen. Ich kenne Menschen, die es ihren Angehörigen noch Jahrzehnte später übelnehmen, dass sie als Kind nicht an einer Beerdigung teilnehmen durften.
Was bereuen Angehörige nach einem Todesfall besonders häufig?
Dass sie nicht wussten, was der Verstorbene eigentlich wollte. Zum Beispiel, ob er kremiert oder erdbestattet werden wollte. Gerade in traditionell katholischen Familien kann das zu Gewissenskonflikten führen, die einen noch jahrelang beschäftigen. Deshalb sollte man solche Wünsche zu Lebzeiten besprechen. Und manche Hinterbliebene bereuen, dass sie sich mit der verstorbenen Person nicht zu Lebzeiten versöhnen konnten.
Es gibt Menschen, die sogar ihre eigene Todesanzeige verfassen. Ist das nicht etwas makaber?
Das finde ich nicht. Ich habe meine Todesanzeige mit 40 Jahren geschrieben. Wenn ich ein berührendes Gedicht oder Zitat lese, ändere ich meine Anzeige. Und wenn ich schöne Musik höre, denke ich manchmal: Das wäre etwas für meine Beerdigung. Oder ich entdecke einen schönen Ort und denke, dort könnte einmal meine Asche verstreut werden. Die Beschäftigung mit dem eigenen Tod muss nicht traurig machen. Ich erlebe die Auseinandersetzung eher als kreativen Prozess, der mich im Alltag freier und gelassener sein lässt.
Kann man bei der Planung auch übertreiben?
Es gibt zwei Extreme. Die einen wollen noch über den Tod hinaus alles kontrollieren, andere regeln gar nichts. Ein krebskranker Mann, der mich bat, dereinst seine Trauerfeier zu gestalten, plante seine Beerdigung bis ins kleinste Detail, ohne seine Frau einzubeziehen. Erst bei einem Gespräch zu dritt stellte sich heraus, dass sie als Appenzellerin auch Appenzeller Musik an seiner Abschiedsfeier wünschte. Daraus entstand eine wunderbare Diskussion. Schliesslich ist eine Beerdigung sowohl für die verstorbene Person als auch für die Hinterbliebenen da.
Zum Buch: «Frei lebt, wer sein Ende klärt. Alter, Demenz und Sterben vorbereiten», Lukas Niederberger, erscheint am 20. November 2026 im Springer Verlag.