Darum gehts
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Nein, wir umarmen keine Bäume. Aber ich streiche mit der Hand über die raue Rinde, das zarte Moos, schnuppere an einem Tannenzapfen – und will gar nicht mehr aufhören. Der intensive Duft scheint direkt ins Hirn zu strömen, es ist geradezu berauschend. Die Gedanken beruhigen sich. Zum ersten Mal schaue ich einen solchen Zapfen genauer an: Da sind die Samen, die die Eichhörnchen herausknabbern, das perfekte Muster seiner Schuppen – die grosse heilige Geometrie der Natur eröffnet sich unmittelbar vor meinen Augen.
Willkommen beim Waldbaden. Ein Begriff, der gerne belächelt wird. Was soll daran besser sein, als einfach zu spazieren, mit dem E-Bike zwischen den Arven durchzuflitzen oder mit Airpods durchs Grün zu joggen? Gut tut das alles bestimmt auch. «Aber dabei verpassen wir oft, wahrzunehmen, wo wir eigentlich sind», sagt Ursina Dietrich. Einmal pro Woche führt sie Gäste des Hotels Waldhaus Sils in Graubünden durch den Lärchenwald rund um das Hotel – auch Interessierte von ausserhalb sind willkommen.
Zwischen Natur und Kultur
Dietrich gehört zur Besitzerfamilie des Fünfsternehauses, das bereits in fünfter Generation geführt wird. Von der Schnelllebigkeit unserer Zeit scheint das Grandhotel unberührt. Wie ein Märchenschloss mit Turm und Zinnen thront es auf einem Felsen über Sils-Maria, mitten im Lärchenwald. Der Blick reicht über den Silsersee und hinüber ins Fextal. Bevor das Hotel gebaut wurde, liess Gründer Josef Giger hier eigens ein Holzgerüst errichten, um Aussicht und Wind zu prüfen. Seit seiner Eröffnung 1908 ist das «Waldhaus» in Familienhand.
Natur und Kultur gehören seit je zum Haus. Thomas Mann und Albert Einstein waren hier zu Gast, später kamen David Bowie, Gerhard Richter oder Donna Leon. Vom protzigen Bling-Bling des nahen St. Moritz ist wenig zu spüren. Der wahre Luxus liegt in der Umgebung: in der Ruhe und einer Landschaft, die seit Generationen Künstler, Schriftsteller und Reisende in ihren Bann zieht.
Dazu passt das Waldbaden: simpel, für alle zugänglich – und mit gesundheitlichen Effekten, die zunehmend wissenschaftlich erforscht werden. Und damit liegt das traditionsreiche «Waldhaus» plötzlich doch mitten im Trend: Longevity ist das Schlagwort der Stunde – das möglichst lange und möglichst gesunde Leben. Da wird geforscht, vermessen, optimiert – und inzwischen sehr viel Geld ausgegeben.
Longevity direkt vor der Haustür
Gerade das Oberengadin ist dafür ein passender Schauplatz. Wenige Kilometer entfernt traf sich Ende September beim «St. Moritz Longevity Forum» im Luxushotel Suvretta House die internationale Longevity-Szene. Drei Tage Kongress kosteten pro Person 3100 Franken, die Übernachtung nicht inbegriffen. Auf dem Programm standen neue Diagnostik, regenerative Medizin und Hightech.
Im «Waldhaus» beginnt die Suche nach Longevity wesentlich unspektakulärer: vor der Haustür. Wir stehen in einem Kreis, schwingen die Arme, atmen bewusst. Dann gehen wir los: langsam, still und mit wachen Sinnen. Hören, riechen, schauen, fühlen. «Wir üben wieder, was wir als Kinder ganz selbstverständlich gemacht haben», erklärt Dietrich. «Neugierig sein, offen und ganz im Moment – ohne Ablenkung, ohne Ziel.»
Zwischen mächtigen Baumkronen leuchtet der Himmel, unter den Füssen spüren wir weiches Moos, Erde und Blätter. An einer Stelle empfiehlt Dietrich sogar, die Schuhe auszuziehen. «Einmal hatte ich eine Teilnehmerin aus Paris», erzählt sie. «Für sie war es das erste Mal, dass sie den Waldboden unter ihren nackten Füssen gespürt hat. Das sind wunderschöne Erlebnisse, die man miteinander teilt.»
In Japan wird Waldbaden medizinisch verschrieben
Neu ist es nicht, dass uns der Aufenthalt in der Natur guttut. In Japan hat diese Art des bewussten Aufenthalts im Wald seit 1982 einen Namen: «Shinrin-yoku», übersetzt heisst das so viel wie «baden in der Waldatmosphäre». Waldbaden kann dort sogar medizinisch verschrieben werden. Einer der Pioniere auf diesem Gebiet ist Qing Li, Umweltmediziner und Immunologe an der Nippon Medical School in Tokio. Seit 2004 erforscht er, was der Aufenthalt im Wald mit unserem Körper und insbesondere mit unserem Immunsystem macht.
Bäume geben flüchtige Duftstoffe an die Luft ab, sogenannte Terpene. Sie sorgen für den charakteristischen Geruch von Harz, Nadelholz und Kräutern und dienen den Bäumen eigentlich als Schutz vor Pilzen, Bakterien und Schädlingen. Wenn wir durch den Wald gehen, atmen wir diese Stoffe ein. Li stellte bei Versuchspersonen nach Waldaufenthalten eine erhöhte Aktivität natürlicher Killerzellen fest, die zu unserer Immunabwehr gehören. Gleichzeitig sanken die Stresshormone. Dass die Duftstoffe dabei eine Rolle spielen könnten, zeigte Li in einem weiteren Experiment: Er liess das Öl einer japanischen Zypressenart in Hotelzimmern verdampfen. Auch dort wurden die Killerzellen aktiver.
«Inzwischen gibt es Hunderte Studien, die positive gesundheitliche Effekte von Waldaufenthalten zeigen», sagt Dietrich. Viele wurden allerdings mit kleinen Gruppen durchgeführt oder sind nicht langfristig angelegt. Trotzdem sind die Ergebnisse spannend: «Stresshormone und Blutdruck können sinken, wir entspannen uns, und auch die Psyche kann profitieren.»
Dietrich betont die Wirkung der Waldluft: «Wir atmen neben den Duftstoffen auch Wasserdampf und Mikroorganismen ein. Bei den Terpenen gibt es sogar Hinweise darauf, dass sie bei der Abwehr von Infektionen helfen könnten, insbesondere in den Atemwegen.» Unmittelbar atmen wir alle tief durch – noch einmal die Lungen füllen, bevor es wieder in die Zivilisation geht. Mein Vorsatz ab sofort: wenigstens einmal die Woche in den Wald.
Info: Waldbaden, jeden Freitag von 10 bis 11.30 Uhr, bis Saisonende am 23. Oktober. Nichthotelgäste bezahlen 30 Franken. Die Reportage wurde vom Hotel Waldhaus Sils unterstützt.