Lust auf Theater
Klassiker auf der Bühne statt Netflix im Bett

Handy aus, Vorhang auf: Im dunklen Theatersaal wird aus Fremden ein Publikum, das gemeinsam lacht, staunt und mitfiebert. Zum Saisonstart locken Schweizer Bühnen mit bekannten Klassikern, grossen Gefühlen und modernen Inszenierungen.
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Ganovenromanze: Mackie Messer und Polly in der «Dreigroschenoper».
Foto: RMS

Darum gehts

  • Klassiker neu entdeckt: Brecht, Christie und Shakespeare erobern die Bühnen zurück
  • Gemeinsam statt einsam: Theater verbindet Generationen und lässt den Alltag vergessen
  • Tradition trifft Moderne: Von klassischem Krimi bis Shakespeare mit DJ und Turntables
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Katja RichardRedaktorin Gesellschaft

Mord und Intrigen, grosse Gefühle – Musik und Tanz! Auf Schweizer Bühnen ist zum Saisonstart für Unterhaltung mit Tiefgang gesorgt. Dabei stehen auffallend viele populäre Klassiker auf den Spielplänen. Mal traditionell inszeniert, mal überraschend modern. Wächst in unruhigen, polarisierten Zeiten die Sehnsucht nach vertrauten Geschichten, so wie Kinder immer wieder dasselbe Märchen hören wollen?

«Das Theater hat schon immer versucht, Geschichten zu finden und aufzuführen, die möglichst viele, möglichst verschiedene Menschen miteinander verbinden», sagt Pınar Karabulut, Co-Intendantin des Schauspielhauses Zürich, die zum Saisonauftakt Brechts «Dreigroschenoper» inszeniert hat. Unterhaltung sei dabei kein Schimpfwort: «Selbstverständlich darf Theater populär und unterhaltsam sein – schon immer.» Welche Stoffe beim Publikum ankommen, lasse sich allerdings kaum vorhersagen.

Krimihit für alle Generationen

Das zeigt auch «Die Mausefalle», einer der grössten Krimihits aller Zeiten, den Co-Intendant Rafael Sanchez am Schauspielhaus inszeniert. Gerade die Popularität von Agatha Christie sei eine Herausforderung. «Agatha Christie ist eine Autorin, die wahnsinnig präzise Texte schreibt – schon ein einzelner weggelassener Satz kann die Balance zerstören», sagt Sanchez. Zudem hätten verschiedene Generationen genaue Vorstellungen davon, was sie sehen möchten. Die Kunst bestehe darin, «diese Erwartungshaltung einerseits ernst zu nehmen, trotzdem hin und wieder zu unterlaufen, zu überraschen und spannend zu bleiben».

In Zeiten, in denen wir ständig aufs Handy schauen und uns in unseren eigenen Bubbles bewegen, wird das Theater zu einem wichtigen Begegnungsort. «Wir kommen immer weniger mit Menschen in Kontakt, die ganz anders sind als wir selbst», sagt Karabulut. Umso wichtiger sei es, mit Geschichten Menschen über Generationen und politische Lager hinweg zu verbinden. Und wenn für zwei Stunden die Handys ausgeschaltet bleiben, können wir gemeinsam mit Fremden im dunklen Zuschauerraum den Alltag vergessen, in andere Welten eintauchen, lachen und mitfiebern. Das bietet mehr als Netflix auf dem Sofa.

Liebesgeschichten kommen nie aus der Mode

Wie sehr uns eine Aufführung verzaubern kann, zeigt Cathy Marston am Opernhaus Zürich. Die Ballettdirektorin versetzt Shakespeares «Sommernachtstraum» auf einen verlassenen Rummelplatz. Zu Mendelssohns Musik gesellen sich DJ und Turntables. Für Marston passt das bestens: Der DJ erinnere sie an den Kobold Puck, «der aus Spass Unfug treibt und die Menschen verzaubert».

Doch weshalb begeistert Shakespeares Liebeskomödie seit über 400 Jahren? Der «Sommernachtstraum» sei zwar eine Komödie, «aber hinter der Absurdität verbirgt sich eine sehr bewegende Botschaft über das Menschsein», sagt Marston. «Das Wesen der Liebe ist doch für die meisten von uns unerklärlich.» Deshalb würden Liebesgeschichten nie aus der Mode kommen. Doch Shakespeare biete noch mehr: «In Shakespeares Stück geht es aber auch um Verwandlung. Es bietet seinen Figuren die Chance, ihr Leben zu ändern – und das schenkt in gewisser Weise Hoffnung.» Im besten Fall nehme das Publikum nicht nur die Erinnerung an einen schönen Abend mit nach Hause, sondern sei von etwas berührt worden, «das einen Eindruck im Herzen hinterlässt».

1. «Die Dreigroschenoper»: Der Kassenschlager, der Hochkultur wurde

Liebe unter Ganoven: Mackie Messer (Thomas Wodianka) und Polly Peachum (Zeynep Bozbay) in Brechts «Dreigroschenoper».
Foto: RMS

Mafia-Boss Mackie Messer und unvergessliche Songs: Brechts «Dreigroschenoper» ist fast 100 Jahre nach ihrer Uraufführung noch immer ein Hit. «Mackie Messer» wurde zum Welterfolg. «Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral» zum geflügelten Wort. Zum 100-Jahr-Jubiläum der Pfauenbühne holt Co-Intendantin Pınar Karabulut den Klassiker zurück an einen geschichtsträchtigen Ort: 1935 erzwangen Rechtsextreme den Abbruch eines Gastspiels. In der Neuinszenierung stehen die berühmten Songs im Mittelpunkt – mit viel Musik, Witz und bissiger Gesellschaftskritik. Schauspielhaus Zürich, Pfauen, noch bis am 31. Dezember 2026

2. «Die Mausefalle»: Darf Kultur einfach unterhalten?

Wer ist der Mörder? Mike Müller (r.) und das Ensemble der «Mausefalle».
Foto: Judith Buss Fotografie

Ein eingeschneites Landhaus, acht Verdächtige und ein Mörder: Agatha Christies «Die Mausefalle» ist längst Kult. Seit 1952 läuft der Krimi im Londoner West End und gilt als das am längsten gespielte Theaterstück der Welt. Zum Ritual gehört, dass das Publikum die Identität des Mörders geheim hält. Genau 50 Jahre nach dem Tod der Queen of Crime bringt Rafael Sanchez den Dauerbrenner mit Mike Müller und vielen anderen auf die Bühne. Ohne postmoderne Schnörkel, dafür mit britischem Krimicharme und überraschenden Wendungen. Schauspielhaus Zürich, Schiffbau, noch bis am 2. Februar 2027

3. «Ein Sommernachtstraum»: Ein Hit, der nie alt wird

Shakespeares Sommernachtstraum wird am Opernhaus Zürich zum modernen Ballettmärchen.
Foto: Carlos Quezada

Kaum ein Shakespeare-Stück kommt so oft auf die Bühne wie der «Sommernachtstraum»: Seit über 400 Jahren sorgen verliebte Paare, Elfen und jede Menge Verwechslungen für Chaos. Und der Klassiker ist gerade wieder gefragt – erst kürzlich war er auch am Schauspielhaus Zürich zu sehen. Am Opernhaus macht Ballettdirektorin Cathy Marston daraus nun ein Ballett auf einem verlassenen Rummelplatz. Mendelssohns berühmte Musik trifft auf Turntables und den britischen DJ Mr. Switch. So viel Gegenwart hält ein Klassiker locker aus. Opernhaus Zürich, vom 11. Oktober 2026 bis am 3. Juli 2027

4. «Der zerbrochene Krug»: Kleist goes Wild West

Kleist im Wilden Westen: Das Ensemble von «Der zerbrochne Krug» am Luzerner Theater.
Foto: Caroline Minjolle

Ein kaputter Krug, ein nächtlicher Übergriff – und ausgerechnet der Richter hat Dreck am Stecken: Kleists Komödie «Der zerbrochene Krug» von 1808 kennen viele noch aus dem Deutschunterricht. In Luzern macht Regisseurin Fritzi Wartenberg daraus einen Western: Dorfrichter Adam wird zum Sheriff, das Gericht zum Saloon. Dahinter steckt eine aktuelle Frage: Was passiert, wenn jene ihre Macht missbrauchen, die für Recht und Ordnung sorgen sollen? Luzerner Theater, Premiere 17. Oktober 2026

5. «Biedermann und die Brandstifter: »Wegschauen ist zeitlos

Brandgefährlich: Max Frischs «Biedermann und die Brandstifter» am Theater Basel.
Foto: Ingo Hoehn

Herr Biedermann ahnt längst, dass die Männer auf seinem Dachboden nichts Gutes vorhaben. Trotzdem reicht er ihnen am Ende sogar die Streichhölzer. Max Frischs Klassiker von 1958 handelt von Wegschauen, Verdrängen und der Angst, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Welche Brandstifter damit gemeint sind, darf jede Generation neu entscheiden – und genau deshalb wird das Stück nicht alt. Theater Basel, noch bis am 26. Januar 2027

6. «Der Besuch der alten Dame»: Wie viel kostet die Moral?

Dürrenmatt auf Mundart: Heidi Maria Glössner (l.) als Milliardärin Claire Zachanassian in «Der Besuch der alten Dame».
Foto: Jos Schmid

Eine Milliardärin kehrt in ihre verarmte Heimat zurück und verspricht der Stadt ein Vermögen – wenn dafür ein Mann stirbt. Dürrenmatts Welterfolg ist 70 Jahre alt, die Frage dahinter zeitlos: Wie lange hält die Moral, wenn nur genügend Geld auf dem Tisch liegt? In St. Gallen spielt Heidi Maria Glössner Claire Zachanassian auf Mundart. Das kam an: In der vergangenen Saison war die Inszenierung elfmal ausverkauft – jetzt kehrt sie zurück. Theater St. Gallen, Grosses Haus. Wiederaufnahme ab dem 22. Oktober 2026, bis am 6. Mai 2027

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