Darum gehts
- Kleinplatz erforscht optimale sexuelle Erfahrungen, die individuell verschieden sind
- Schweizer haben durchschnittlich 5,5 Mal monatlich Sex, wollen jedoch mehr
- Acht Komponenten definieren optimalen Sex, darunter Intimität und Verwundbarkeit
Frau Kleinplatz, die Frage, die Ihnen wahrscheinlich am häufigsten gestellt wird, lautet: Was ist optimaler Sex? Werden Sie dessen jemals überdrüssig?
Kleinplatz: Nein, denn ich finde das Thema faszinierend. Allerdings muss ich vorausschicken, dass es nicht um optimalen Sex geht, sondern um optimale sexuelle Erfahrungen. Es geht nicht um den Sex an sich, sondern um die Erlebnisse. Diese sind individuell und können sehr unterschiedlich sein.
Umfragen in der Schweiz besagen, dass die Menschen in unserem Land im Durchschnitt etwa 5,5-mal Sex im Monat haben. Interessant ist, dass alle – Männer und Frauen – sagen, dass sie gerne mehr Sex hätten.
Die Schweizerinnen und Schweizer sind offenbar sexuell aktiver als die meisten Menschen. Wir befinden uns in einer weltweiten Sex-Rezession, die um 2017 begann und während der Pandemie ihren Höhepunkt erreichte. Die Gründe sind weitgehend unbekannt, sie könnten biologisch, umweltbedingt oder technologiebedingt sein. Die Leute haben weniger Sex als noch vor zehn oder zwanzig Jahren, vor allem junge Menschen. Sie fangen auch später im Leben an, sexuell aktiv zu werden.
Peggy J. Kleinplatz (66) ist klinische Psychologin, Sexologin und Professorin an der Universität von Ottawa (Kanada). Ihre Forschung und ihre Werke wurden mehrfach ausgezeichnet. Ihr bekanntestes Buch «Magnificent Sex: Lessons from Extraordinary Lovers» basiert auf der weltweit grössten Interview-Studie mit Menschen, die angeben, grossartigen Sex zu haben.
Peggy J. Kleinplatz (66) ist klinische Psychologin, Sexologin und Professorin an der Universität von Ottawa (Kanada). Ihre Forschung und ihre Werke wurden mehrfach ausgezeichnet. Ihr bekanntestes Buch «Magnificent Sex: Lessons from Extraordinary Lovers» basiert auf der weltweit grössten Interview-Studie mit Menschen, die angeben, grossartigen Sex zu haben.
Warum haben die Menschen nicht einfach mehr Sex, wenn sie es wollen?
Es scheint, dass wir, vor allem junge Menschen, die Fähigkeit verlieren, zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Hier könnte die Technologie eine Rolle spielen.
Sie recherchieren seit Jahrzehnten über «optimale sexuelle Erfahrungen», haben Bücher geschrieben und ein Therapieprogramm entwickelt. Warum ist Sex für so viele Menschen so kompliziert, wo er doch eigentlich als das Natürlichste der Welt gilt?
Zum Sex gehören zwei oder mehr Personen. Er ist immer kontextabhängig, individuell, zwischenmenschlich, sozial. Dabei diktiert die Gesellschaft, was akzeptabel ist und was nicht, was ihn für viele Menschen kompliziert macht.
Sie haben einmal gesagt, dass sexuelle Unlust von zu viel schlechtem Sex herrührt. Was ist schlechter Sex?
Viele Menschen haben nicht einfach grundsätzlich ein mangelndes sexuelles Verlangen, sondern kein Verlangen nach der Qualität von Sex, die ihnen zur Verfügung steht. Fast jeder Patient und jede Patientin, mit denen ich je gearbeitet habe, erinnert sich an einen Punkt, an dem die Person merkte, dass sie mehr wollte, aber sie konnte nicht sagen, was das sein könnte. Meine Aufgabe als Therapeutin ist es, dabei zu helfen, dieses Verlangen zu identifizieren, das Bild lebendiger zu machen.
Mangelnde Lust ist gleichbedeutend mit unerfüllten sexuellen Fantasien?
Nicht immer. Vielleicht ist die eigene Definition von Sex Teil des Problems. Die Fantasie ist meist viel breiter angelegt als nur auf die Genitalien bezogen. Die Frage ist: Was gibt jemandem das Gefühl, lebendig zu sein – nicht nur in einem explizit auf die Genitalien fokussierten Kontext.
Apropos Definition: Wir denken oft, dass Sex eine Art Leistung ist. Warum ist es so schwer, dieses Bild in unseren Köpfen zu ändern?
Sex ist heute viel leistungsorientierter als noch vor zwanzig Jahren. Die meisten jungen Menschen sind mit einem Bild von Sex aufgewachsen, das sehr performativ ist, was ihre Fantasie einschränkt. Einerseits findet heutzutage jeder eine Nische, in die er passt. Andererseits sind die Bilder von Sexualität im Mainstream viel homogener als noch vor Jahrzehnten. Obwohl die Sexualerziehung inzwischen mehr ist als nur eine Warnung, um ungewollte Schwangerschaften und sexuell übertragbare Krankheiten zu verhindern, versäumen wir es immer noch, den Jugendlichen etwas über Lustempfinden beizubringen. Das Tabu in unserer Gesellschaft ist nicht Sex, sondern Lust.
Hier also die Frage: Was ist eine optimale sexuelle Erfahrung?
Mein Team und ich haben acht Komponenten definiert. In unserer Forschung haben wir festgestellt, dass diese universell sind, unabhängig davon, ob man ein Mann oder eine Frau ist, ob man zur LGBTQ-Community gehört oder nicht, ob man monogam oder einvernehmlich nicht monogam ist. 1. Fokus: ganz im Moment sein, fokussiert und körperlich geerdet. 2. Verbindung: mit dem Partner im Einklang und im Gleichklang sein. 3. Intimität: eine starke emotionale, erotische und sexuelle Verbundenheit. 4. Empathische Kommunikation in Worten und durch Berührung: die Fähigkeit, zu spüren, was in einem vorgeht, und sich berühren und durchdringen zu lassen, sowohl im physischen als auch im metaphorischen Sinn. 5. Authentizität: transparent und echt sein. 6. Verwundbarkeit: sich der Erfahrung hingeben, sich mitreissen lassen. 7. Erkundung: bereit sein, zwischenmenschliche Risiken einzugehen und erotische Intimität für gegenseitige Entdeckungen zu nutzen. 8. Insgesamt führen diese sieben Komponenten zu Verwandlung und Heilung, wozu auch das Gefühl gehören kann, Zeit und Raum aus den Augen zu verlieren. Das wird nicht jedes Mal der Fall sein, wenn man Sex hat. Manchmal spürt man einige der Komponenten sehr stark und andere überhaupt nicht. Jede Erfahrung ist anders.
Verbindung, Intimität, Verletzlichkeit. Das hört sich so an, als ob man in einer sehr starken Beziehung sein muss, um eine solche Erfahrung zu machen, nicht etwas, das man bei einem One-Night-Stand findet.
Manchmal scheint es einfacher zu sein, sich mit einem völlig Fremden gehen zu lassen. Wenn man sich erlaubt, authentisch und verletzlich zu sein, steht mehr auf dem Spiel, wenn man der anderen Person am nächsten Tag gegenübertreten muss.
Wir assoziieren guten Sex oft damit, frisch verliebt zu sein ...
Haben Sie schon einmal ein Kind mit einem neuen Spielzeug gesehen? Kinder lieben Neues, und das gilt auch für uns Erwachsene. Das bedeutet aber nicht, dass das alte, lang geliebte Spielzeug weniger wichtig ist. Im Allgemeinen wächst und vertieft sich die Qualität der sexuellen Intimität mit der Zeit, sie wird reicher und erfüllender – je nach der Energie, Hingabe und der Intention, die man bereit ist zu investieren.
Je älter man also wird, desto besser wird der Sex – bis man damit aufhört?
Es gibt keinen Grund, jemals aufzuhören. Der Hauptgrund, warum Menschen mit dem Sex aufhören, ist, dass sie keinen Partner mehr haben. Wir betrachten ältere Menschen oft nicht als Vorbilder in Sachen Sexualität, aber wir könnten tatsächlich viel von erfüllten, älteren Erwachsenen lernen.
Für Ihre Forschung haben Sie und Ihr Team mit Dutzenden von Menschen und Paaren gesprochen. Interessant ist, dass ein recht hoher Prozentsatz der Menschen, die grossartige sexuelle Erfahrungen machen, zur LGBTQ-Gemeinschaft gehören, besondere sexuelle Vorlieben haben und so weiter. Haben diese Menschen besseren Sex als andere?
Zunächst einmal studieren wir keine Prozentzahlen, wir studieren Menschen. Wir haben Menschen mit aussergewöhnlichen sexuellen Erfahrungen gefunden, von denen wir lernen können, unabhängig von ihrem Alter, ihren sexuellen Vorlieben oder davon, ob sie gesund und körperlich fit sind oder nicht. Richtig ist jedoch, dass Menschen, die nicht in die Schublade heterosexueller, gesunder Menschen passen, gezwungen waren, ihre Sexualität neu zu definieren, weshalb sie sich wahrscheinlich mehr Gedanken darüber gemacht haben als andere Menschen.
Sie haben unter anderem ein Buch über Sadomasochismus und BDSM geschrieben. Was können wir von diesen Praktiken lernen?
Zwei wichtige Lektionen: Kommunikation und Zustimmung. Es geht um viel mehr als nur um Ja oder Nein, sondern um die Fähigkeit zu kommunizieren, was man will und was man nicht will. Den meisten von uns fehlt diese Fähigkeit.
Eine sehr interessante Gruppe von Menschen sind chronisch kranke und behinderte Menschen. Was ist das Besondere an ihnen, wenn es um guten Sex geht?
Sie gehören zu der bereits erwähnten Gruppe von Menschen, die durch die Umstände gezwungen waren, ihre Sexualität neu zu definieren. Alle Menschen, die optimale sexuelle Erfahrungen gemacht haben, sagten dies: «Ich musste alles verlernen, was ich in meiner Kindheit und Jugend über Sex gelernt habe.» Sex ist nicht nur etwas für junge, attraktive, gesunde, heterosexuelle Menschen. Wir können viel von Menschen lernen, die gelernt haben, über ihren Tellerrand hinauszuschauen. Meine Aufgabe als Therapeutin ist es nicht, den Menschen beizubringen, wie sie ihren Fuss in Aschenputtels engen Schuh stecken können, sondern einen Schuh zu kreieren, der zu ihrem Fuss passt. Es geht also nicht darum, Leuten beizubringen, wie sie normative Standards erfüllen können, sondern darum, ein Sexualleben zu schaffen, das für sie erstrebenswert wird. Menschen sind glücklicher, wenn sie den Sex haben, der sie erfüllt.
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