Darum gehts
Eminenz, für die meisten Menschen bedeutet die Adventszeit Glühwein und Weihnachtsfeiern – dabei gehts eigentlich um Besinnung. Was kann ein säkularer Mensch im Advent entdecken?
Kardinal Kurt Koch: Dass Advent etwas ist, was ich nicht selbst machen kann, sondern etwas, das auf mich zukommt – vor allem der Friede als Geschenk Gottes an Weihnachten. Der Advent lehrt hoffen.
Welche Kindheitserinnerungen verbinden Sie mit der Adventszeit?
Am Beginn der Adventszeit stand zumeist der Besuch des heiligen Nikolaus, der auf das kommende Fest vorbereitete und einstimmte – und mit seinen Süssigkeiten einen Vorgeschmack auf das Kommende gab.
Kurt Koch (75) stammt aus Emmenbrücke LU. Er war Theologie-Professor an der Uni Luzern, und von 1996 bis 2010 war er Bischof von Basel. 2010 ernannte ihn Papst Benedikt XVI. zum Kardinal. Dort ist er für den Dialog mit den christlichen Kirchen und dem Judentum zuständig. Er ist Protektor des Vereins Neuer Schülerkreis Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI.
Kurt Koch (75) stammt aus Emmenbrücke LU. Er war Theologie-Professor an der Uni Luzern, und von 1996 bis 2010 war er Bischof von Basel. 2010 ernannte ihn Papst Benedikt XVI. zum Kardinal. Dort ist er für den Dialog mit den christlichen Kirchen und dem Judentum zuständig. Er ist Protektor des Vereins Neuer Schülerkreis Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI.
Sie sind seit 15 Jahren Kardinal in Rom. Sind Sie ein Kardinal auf Abruf?
Ja, mit 75 Jahren bietet man dem Heiligen Vater die Demission an. Das habe ich getan – noch bei Papst Franziskus. Er fand jedoch, ich solle weitermachen. Mit dem Tod von Papst Franziskus entfielen alle Aufgaben und der nächste Papst entscheidet dann. Papst Leo XIV. hat bislang die Präfekten vorläufig im Amt bestätigt.
Haben Sie bereits ein Signal erhalten, ob Leo auch weiterhin mit Ihnen rechnet?
Ich habe Papst Leo geschrieben, dass ich, wenn er es wünscht, ihm zur Verfügung stehe, ich es aber auch verstehe, wenn er gleich zu Beginn einen neuen Präfekten ernennen will. Es ist seine Entscheidung und es ist gut, dass er sich dafür Zeit lässt.
Wie geht es Ihnen gesundheitlich? Vor dem Konklave haben wir Sie mit einem grossen blauen Flecken an der Hand gesehen.
Ich muss Blutverdünner nehmen und bekomme schnell blaue Flecken. Die sind nach fünf Tagen aber wieder vorbei und keine Nachricht für den Blick (lacht).
Sie sind ein Diener dreier Herren: Papst Benedikt hat Sie 2010 nach Rom geholt und zum Kardinal ernannt. Später haben Sie für Papst Franziskus gearbeitet. Was ist anders unter Papst Leo?
Papst Benedikt war ein Gelehrter, bei ihm standen die glaubensmässigen Inhalte im Vordergrund. Papst Franziskus setzte eher auf Beziehungen und Begegnungen. Bei Papst Leo ist es noch zu früh, genau sagen zu können, wo er die Akzente setzen wird.
Wie ist Papst Leo als Mensch?
Ich nehme ihn sehr aufmerksam wahr. Er ist ein Mensch, der sehr gut zuhören kann und erst dann redet, wenn er etwas zu sagen hat. Und er ist menschlich sehr freundlich und umgänglich. Im Vergleich zu Franziskus ist Leo zurückhaltend, aber trotzdem zugewandt.
Papst Franziskus war sehr spontan und hat sich oft undiplomatisch geäussert. Passt Leos zurückhaltendes Naturell besser zu Ihnen?
Manchmal schätzt man auch Charaktere, die ganz anders sind als man selbst – auch die Spontaneität von Papst Franziskus. Wenn sie dann ein bisschen schief gegangen ist, dann war es natürlich eher schwierig – nicht immer hat er damit das gute Ziel erreicht, das er erreichen wollte. Die aufmerksame und kluge Art und Weise von Papst Leo finde ich sehr sympathisch.
Benedikt war Ihr Lieblingspapst. Vermissen Sie ihn?
Benedikt XVI. ist vor allem mein Lieblingstheologe und dann mein Lieblingspapst. Es war sehr überraschend, dass er Papst geworden ist – vor allem für ihn selbst. Er hat das nie gewollt. Er wollte zurück in seine bayerische Heimat, um sein Jesus-Buch zu schreiben. Das ist dann ganz anders gekommen. Nach wie vor lese ich gerne in seinen Schriften, weil sie eine grosse Weite und Tiefe haben.
In der Schweiz diskutiert die katholische Kirche über Reformen – etwa, ob Frauen Priesterinnen werden können. Erstmals hat die anglikanische Kirche mit Erzbischöfin Sarah Mullally ein weibliches Oberhaupt – und schon spalten sich Kirchen ab. Ist das eine Warnung für die katholische Kirche?
Es ist eine sehr unglückliche Entwicklung, dass sich eine grosse Gemeinschaft in der anglikanischen Kirche losgesagt hat. Die Kirche von Nigeria, eine der grössten anglikanischen Kirchen, will nicht mehr in Einheit mit der Erzbischöfin von Canterbury sein. Wenn man in der eigenen Kirche unter Spannungen und Spaltungen leidet, dann leidet man natürlich mit, wenn das in anderen Kirchen geschieht.
Viele Anglikaner konvertieren zum Katholizismus, zum Beispiel Tony Blair. Rechnen Sie nun mit weiteren Übertritten?
Es gibt anglikanische Bischöfe, die damit rechnen, dass es zu neuen Konversionen kommt. Bei einer Konversion handelt es sich stets um eine Gewissensentscheidung.
Donald Trump warnt vor Christenverfolgungen in Nigeria, jüngst wurden in Nigeria katholische Schulmädchen entführt. Sprechen wir darüber in der Schweiz zu wenig?
Das Christentum ist die am meisten verfolgte Religion – 80 Prozent aller Menschen, die aus Glaubensgründen verfolgt werden, sind Christen. Das heisst, dass alle christlichen Kirchen ihre Märtyrer haben. Dies sollte in der Öffentlichkeit mehr präsent sein!
Der Dialog mit Moskau gehört zu Ihren grössten Erfolgen und Misserfolgen. Sie haben das Treffen von Papst Franziskus mit dem Moskauer Patriarchen Kyrill in Havanna 2016 organisiert. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat alles verändert. Wie konnte es dazu kommen?
Schon vor dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine gab es Spannungen zwischen Moskau und Konstantinopel, nachdem der Ökumenische Patriarch der orthodoxen Kirche in der Ukraine die Eigenständigkeit erklärt hat. Dies hat der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill nicht akzeptiert, weil er die Ukraine zu seinem Territorium zählt. Mit dem Krieg, den Patriarch Kyrill unterstützt, den Papst Leo XIV. aber als «sinnlos» erklärt, ist die Situation natürlich noch viel prekärer geworden.
Sie waren dabei, als Papst Franziskus in einem Video-Telefonat Patriarch Kyrill warnte, ein Staatskleriker zu sein. Später warf Franziskus Kyrill sogar vor, Putins Messdiener zu sein.
Franziskus hat Kyrill nicht vorgeworfen, ein Staatskleriker zu sein. Er hat gesagt: «Bruder, wir sind doch keine Staatskleriker. Wir sind Hirten des Volkes und müssen für den Frieden eintreten.» Das war eine werbende Aussage, keine aggressive.
Trotzdem herrscht seitdem Eiszeit zwischen Moskau und Rom. Fühlen Sie sich als persona non grata?
Das müssen Sie Moskau fragen. Ich bin seit Kriegsbeginn nie mehr in Russland gewesen.
Als Christ glauben Sie daran, dass Umkehr und Neuanfang jederzeit möglich sind. Warum klappt das mit Moskau nicht?
Die Situation ist politisch weithin verfahren. Denn der Krieg ist immer eine Niederlage. Meines Erachtens müsste man genau überlegen, was geschehen ist und welchen Beitrag zum Konflikt die einzelnen Parteien geleistet haben. Während des Kalten Krieges haben wir die Überzeugung gelernt: Frieden kann es nur geben, wenn man nicht nur die eigenen Sicherheitsinteressen, sondern auch diejenigen der gegnerischen Seite mitbedenkt.
Das heisst?
Wir müssen wieder neu wahrnehmen, dass es Frieden in Europa nur geben kann, wenn er auch mit Russland wieder möglich wird. Solche Wege zu einem gerechten Frieden zu suchen, ist das Gebot der Stunde.
Hat Franziskus recht, der meinte, die Nato habe vor den Toren Russlands gebellt?
Ich möchte jetzt nicht die ganze Polemik auf mich ziehen, der sich Papst Franziskus ausgesetzt hatte. Auf jeden Fall hat es auch Politiker wie Bundeskanzlerin Merkel gegeben, die klar gesehen hatten, dass die Osterweiterung der Nato grosse Probleme hervorrufen wird.
Sind Sie ein Putin-Versteher?
Russland zu verstehen versuchen bedeutet gerade nicht, die russische Politik gutzuheissen. Zu verstehen versuchen ist vielmehr die unabdingbare Voraussetzung, um Wege nach einem gerechten Frieden finden zu können. Dies wird nur möglich sein, wenn die verschiedenen Interessen der beteiligten Parteien analysiert werden.
Wie wäre es mit Papst Leo als Joker? Als neuer Papst könnte er doch versuchen, ein neues Kapitel mit Kiew und Moskau aufzuschlagen.
Er hat angeboten, den Vatikan für Friedensgespräche zur Verfügung zu stellen. Das ist bisher nicht angenommen worden. Jede Initiative, Frieden zu suchen, um diesen schrecklichen Krieg in der Ukraine zu beenden, muss man gutheissen. Dass Präsident Trump einen Versuch unternommen hat, muss man im Prinzip begrüssen.
Sie waren früher Theologie-Professor in Luzern. Welches Buch würden Sie noch gerne schreiben?
Ein Buch über die Liturgie: Gottesdienst feiern ist die Lebensmitte des christlichen Glaubens. Ich stelle aber fest, dass viele Menschen keinen Zugang mehr dazu haben. In einem Buch würde ich gerne die Voraussetzungen reflektieren, die den Zugang zur Schönheit der Liturgie wieder ermöglichen: Wie können wir in der Heiligen Messe die Gegenwart Gottes erfahren?
Viele hatten einmal eine Glaubenskrise – sogar tiefgläubige Menschen wie Papst Franziskus oder Mutter Teresa. Wie war das bei Ihnen?
An der Gegenwart Gottes habe ich nicht gezweifelt. Ich habe höchstens an mir gezweifelt, ob ich allem gerecht werde. Aber mich quält die Frage, warum es in unserer heutigen Welt so viel Hunger, Krieg und Leid gibt. Wie kann ich da an einen guten Gott glauben? Ich bin immer mehr zur Überzeugung gekommen: Der christliche Gott hat sich vom Leiden nie ferngehalten, sondern das Leiden an sich selbst erfahren. Gott ist bei den Leidenden und lädt uns ein, es ihm gleich zu tun. Dies ist eine tröstliche und zugleich herausfordernde Botschaft.
Sie leben seit 15 Jahren in Rom. Sind Sie in dieser Zeit italienischer geworden?
Ich bin nicht italienischer geworden, sondern katholischer. Katholisch heisst allumfassend. In Rom hat man die ganze Weltkirche im Blick und erlebt, wie vielfältig und bunt sie ist.