Psychiater über virtuelle sexualisierte Gewalt
«Es gibt Männer, die gezielt die Erniedrigung von Frauen suchen»

Sie galten als Vorzeigepaar im deutschen Fernsehen. Jetzt erhebt Collien Fernandes schwere Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen wegen «virtueller Vergewaltigung». Der forensische Psychologe Jérôme Endrass erklärt, was hinter digitalen Übergriffen steckt.
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Collien Fernandes mit ihrem Ex-Mann Christian Ulmen, vor zwei Jahren ahnte sie noch nichts.
Foto: imago/Eibner

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Collien Fernandes klagt Ex-Mann Christian Ulmen wegen «virtueller Vergewaltigung» an
  • Über zehn Jahre Deepfakes und gefälschte Profile durch Ulmen
  • 90 Prozent aller Deepfake-Videos sind laut Studien pornografisch
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Katja RichardRedaktorin Gesellschaft

Digitaler Missbrauch, Deepfake-Pornos, gefälschte Profile – während mehr als zehn Jahren soll Christian Ulmen (50) seine Ex-Frau Collien Fernandes (44) innerhalb der Partnerschaft schwer missbraucht haben. Er soll Männer in ihrem Namen kontaktiert, pornografische Inhalte verbreitet und sich dabei gegenüber diesen Männern als Fernandes ausgegeben haben. Ende 2025 reichte Fernandes in Palma de Mallorca Anzeige wegen «virtueller Vergewaltigung» ein. In einer aktuellen «Spiegel»-Recherche macht sie den mutmasslichen Missbrauch öffentlich und kämpft gegen den «Klau ihres Körpers». Für Christian Ulmen gilt die Unschuldsvermutung. Im Interview erklärt der forensische Psychologe Jérôme Endrass (55), wie digitale Übergriffe wirken, welche psychische Gefahr sie bergen – und warum sie oft jahrelang unbemerkt bleiben.

Was versteht man unter einer «virtuellen Vergewaltigung»?
Jérôme Endrass:
Der Körper einer Person wird digital missbraucht, oft über Deepfakes oder Fake-Profile. Herausfordernd ist, dass diese Tools frei verfügbar sind. Das zeigt sich bei Jugendlichen: Für sie ist es oft ein Spass, wenn sie den Kopf einer Mitschülerin oder eines Mitschülers in pornografisches Material einsetzen. Für die Betroffenen ist das extrem belastend.

Warum tun Erwachsene so etwas?
Bei Erwachsenen kann es Teil einer sexuellen Präferenzstörung sein, also dass man es attraktiv findet, den Körper von Partnerinnen zu modifizieren. Häufig geht es aber nicht primär um Sexualität, sondern um Erniedrigung, Dominanz und Kontrolle.

Im aktuellen Fall von Collien Fernandes und Christian Ulmen geht es um mutmasslichen Missbrauch innerhalb einer Beziehung. Ist jeder Partner auch ein potenzieller Täter?
Gewalt gegen Frauen ist eine uralte Problematik. Über die Hälfte aller sexualisierten Übergriffe passiert im Kontext einer Partnerschaft oder einer aufgelösten Beziehung. Der digitale Raum bietet neue Formen von Missbrauch, und die Hemmschwelle ist womöglich niedriger, auch weil das Risiko, ertappt zu werden, geringer ist als bei einem körperlichen Übergriff.

Erhöht der Zugang zu digitalen Tools die Missbrauchszahlen?
Problematisch sind die hohe Zugänglichkeit zu pornografischen Inhalten und die Möglichkeit zur Manipulation. Es gibt Männer, die gezielt die Erniedrigung von Frauen suchen. Viele Männer bemerken erst beim Konsum von solchen Inhalten, dass sie das antörnt. Die meisten Männer neigen zum Glück nicht dazu und kommen auch nicht auf die Idee eines virtuellen Missbrauchs.

Christian Ulmen moderierte 2013 die Satire-Show «Who Wants to Fuck My Girlfriend?», in der Frauen bewusst sexualisiert vorgeführt wurden. Wie passt das zu seinem privaten Verhalten?
Ohne genaue Fallkenntnis kann man das nicht beurteilen. Wir sehen allerdings schon, dass bei vielen Sexualstraftätern das Verhalten schrittweise eskaliert. Und wir sehen auch, dass es viele Männer gibt, die immer extremere Darstellungen brauchen, um überhaupt noch stimuliert zu werden. Ganz wichtig sind in dem Zusammenhang die Einstellungen zu Frauen und Sexualität allgemein. Männer, die Frauen auf Sex reduzieren, neigen dazu, an Vergewaltigungsmythen zu glauben. Wie etwa, dass das Nein einer Frau eigentlich ein Ja bedeute. Solche schädlichen Überzeugungen erhöhen die Bereitschaft zu sexueller Gewalt.

Spezialist für Sexualstraftäter

Der Schweizer Psychologe und Forensiker Jérôme Endrass (55) ist ausserplanmässiger Professor für Forensische Psychologie an der Universität Konstanz und stellvertretender Leiter des Amts für Justizvollzug und Wiedereingliederung des Kantons Zürich. Er leitet eine interdisziplinäre Forschungsgruppe im Justizvollzug. Im Rahmen seiner wissenschaftlichen Tätigkeit konzentriert er sich auf praxisorientierte Themen wie die Einschätzung der Rückfall- und Ausführungsgefahr, die Evaluation von risikosenkenden Interventionen im Strafvollzug und die Relevanz von extremistischen Ideologien bei Gewaltstraftaten.

Psychologe für Forensik: Jérôme Endrass.
Justizvollzug Zürich/Henrik Nielsen

Der Schweizer Psychologe und Forensiker Jérôme Endrass (55) ist ausserplanmässiger Professor für Forensische Psychologie an der Universität Konstanz und stellvertretender Leiter des Amts für Justizvollzug und Wiedereingliederung des Kantons Zürich. Er leitet eine interdisziplinäre Forschungsgruppe im Justizvollzug. Im Rahmen seiner wissenschaftlichen Tätigkeit konzentriert er sich auf praxisorientierte Themen wie die Einschätzung der Rückfall- und Ausführungsgefahr, die Evaluation von risikosenkenden Interventionen im Strafvollzug und die Relevanz von extremistischen Ideologien bei Gewaltstraftaten.

Kann man den Fall Ulmen einer psychischen Störung wie Narzissmus zuordnen?
Das kann man aus der Ferne nicht beurteilen. Das ist genau Gegenstand einer forensischen Begutachtung. Man führt Gespräche, zieht externe Informationen bei und prüft, welche Motive und Muster vorliegen.

Der Fall erinnert an Gisèle Pelicot, wo die Partnerin wie ein frei verfügbares Objekt anderen Männern ausgeliefert wurde. Sehen Sie Parallelen?
Was die Motivlage der Täter betrifft, muss man zunächst die Untersuchungsergebnisse der forensischen Experten abwarten. Die Reaktion der Frauen zeigt eine offensichtliche Parallele: Sie übernehmen die Kontrolle, und damit bestimmen sie auch, wie über den Fall berichtet wird.

Ulmen soll über Jahre ein Doppelleben geführt haben. Wie schafft man es, so etwas zu verbergen – insbesondere als öffentliche Person?
Es ist alles andere als ungewöhnlich, dass solche Doppelleben lange unentdeckt bleiben. Das kann für Täter sogar einen Reiz haben. Wenn jemand das über zehn Jahre lang durchzieht, zeigt das, welche grosse Bedeutung es für jemanden hat. Und manche Täter sind sehr geschickt darin, keinen Verdacht zu erregen.

Viele fragen sich: Wie kann man das als Partnerin nicht merken?
Diese Frage ist problematisch, weil sie schnell in Richtung Mitschuld geht. Täter können sehr manipulativ und geschickt sein. Sie sind bereit, grossen Schaden anzurichten, um ihr Verhalten aufrechtzuerhalten. Für Aussenstehende – und oft auch für die Partnerin – ist das kaum erkennbar. Dass die Frauen so lange nichts gemerkt haben, sagt somit nichts über die betroffenen Frauen aus, dafür sehr viel über die kriminelle Energie der Täter.

Wie ist eine «virtuelle Vergewaltigung» für Betroffene einzustufen? Kann man das mit körperlicher Gewalt vergleichen?
Die Wissenschaft sagt, dass reale körperliche Gewalt im Schnitt schwerwiegender ist, aber die individuellen Unterschiede sind gross. Manche kommen besser damit zurecht, andere leiden massiv, bis hin zu posttraumatischen Belastungsstörungen.

Der Fall von Gisèle Pelicot hat die Debatte verändert – die Scham soll vom Opfer zum Täter wechseln. Auch Fernandes geht an die Öffentlichkeit. Ist das sinnvoll?
Das ist sehr individuell. Scham ist für viele Opfer eine enorme Belastung. Zentral bei traumatischen Erlebnissen ist die Ohnmacht, also die Machtlosigkeit über das Geschehene. Darum ist es so wichtig, wieder Kontrolle zu gewinnen und aktiv zu werden. Öffentlich zu sprechen, kann helfen, das Gefühl von Ohnmacht zu durchbrechen. Aber das ist nicht für alle der richtige Weg. Und man sollte es schon gar nicht von den Opfern einfordern.

Ein Deepfake-Video von Fernandes wurde über 270’000 Mal angesehen. Sie sagt, ihr «Körper wurde geklaut». Prominente wie Paris Hilton kämpfen ebenfalls dagegen. Wie können sich Opfer wehren?
Es braucht Druck auf die Anbieter. Den wirksamsten Hebel hat man oft über die Finanzströme. In der Vergangenheit haben Kreditkartenfirmen wie Visa oder Mastercard eingegriffen und Druck auf die grossen Plattformen wie Pornhub und Youporn ausgeübt, auf denen Rachepornos angeboten wurden. Das hat sofort Wirkung erzielt und zeigt, dass es für die Politik durchaus einen Hebel gibt, um die Verbreitung von Deepfake-Videos zu unterbinden.

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