Darum gehts
- Kate Moss trägt Boho-Look in Paris, Revival des 20-jährigen Modetrends
- Studie analysierte 37'000 Kleiderbilder seit 1869, zeigte zyklische Muster
- Zara bringt alle zwei Wochen neue Kollektionen, Mode beschleunigt sich
Paris im Frühling mit Kate Moss (52): In einem langen Blümchenkleid mit schwarzen Stiefeletten scheint die Zeit mit dem legendären Model stehen geblieben zu sein. Der grungige Look ist ein Stil, dem Moss ein Leben lang treu geblieben ist. Neu ist er nicht. Seinen Ursprung hat er in den 1970er-Jahren bei den Hippies, vor rund 20 Jahren wurde er als Boho wiedergeboren – und erlebt jetzt mit Moss nicht nur auf den Strassen von Paris ein Revival, sondern auch auf den Laufstegen.
Das Gefühl, jeden Trend schon mal gesehen zu haben, täuscht nicht. Forschende der Northwestern University in Evanston (Illinois, USA) haben diesen Mechanismus nun entschlüsselt. Das Team um Emma Zajdela analysierte rund 37’000 Bilder von Frauenkleidern von 1869 bis heute und zeigt: Bestimmte Silhouetten verschwinden – und tauchen in der Regel etwa zwei Jahrzehnte später wieder auf. Für die Studie wurden historische Schnittmuster und Laufstegbilder vermessen, etwa Saumlängen, Taillen oder Ausschnitte. Es ist das erste Mal, dass eine so umfassende und präzise Datenbank mit Modemassen aus mehr als einem Jahrhundert erstellt wurde.
Nichts ist neu
Für die Modesoziologin Monika Kritzmöller ist der 20-Jahre-Rhythmus plausibel – und in diesem Sinn auch nicht neu. «Das entspricht etwa einer Generation. Damit ist genug Zeit vergangen, um bestimmte Trends neu aufleben zu lassen.» Allerdings steht die frei schaffende Forscherin und HSG-Privatdozentin der Studie auch kritisch gegenüber. «Man kann Mode nicht auf eine rein rechnerische Komponente herunterbrechen, sie lebt von viel feineren Differenzierungen.» Bereits in den 1980er-Jahren dominierten breite Schultern, doch, wie ein Blick auf Serien wie «Miami Vice» oder «Denver Clan» zeigt, in einem völlig anderen Verständnis: «Es war eine strahlende, überschwängliche Zeit mit entsprechend üppiger Farbigkeit», so die Mode-Expertin.
Wenn heute breite Schulterpolster wieder angesagt sind, sehen sie nicht nur anders aus, sie haben auch eine andere Bedeutung. «In den 1980er-Jahren standen Schulterpolster für Emanzipation, für ein positives Empowerment.» Es gehe zwar auch dieser Tage noch darum, sich zu zeigen und Raum einzunehmen. Heute widerspiegeln breite Schultern aber einen anderen Zeitgeist: «Es ist eine Antwort auf eine angespannte und bedrohliche Weltlage. Man zeigt sich kämpferisch, fast militärisch – zugleich defensiv.»
Mode ist selbstbestimmter
Ein wiederauflebender Trend wie breite Schultern ist laut Kritzmöller deshalb nicht einfach das Ergebnis von zweimal 20 Jahren, sondern Ausdruck des Zusammenspiels von Zeitgeist und Mode. Seit den 1980er-Jahren hat sich die Modewelt zudem stark beschleunigt und ist weniger einheitlich geworden. Bis dahin liessen sich Schlaghosen oder Röhrenjeans klar einer Epoche zuordnen. «So wie sich stabile Gesellschaftsstrukturen gelockert haben, ist man auch in der Mode freier und selbstbestimmter geworden», so die Expertin.
Heute kombiniert man Jeans mit einer Chanel-Jacke und kann damit ohne weiteres in die Oper. «Meine Studentinnen an der HSG kommen teils mit Oversize-Blazern und Micro-Shorts in die Vorlesung, darunter tragen sie Strumpfhosen und kniehohe Stiefel. Das ist ihre eigene Art, einen Mini zu tragen.» Stilelemente überlagern und verändern sich in den letzten Jahrzehnten in immer höherem Tempo. Mit Fast Fashion dreht sich das Karussell noch schneller: Der spanische Modegigant Zara bringt im Zweiwochenrhythmus neue Mini-Kollektionen heraus.
Die Schatten der Gegenwart treiben auch eine gewisse Nostalgie an. Sie macht wiederum Retro-Looks wie die tief sitzende Taille der sogenannten Y2K-Mode – geprägt in den 2000ern von Paris Hilton (45) oder Britney Spears (44) – für die junge Generation erneut attraktiv. Darin zeigt sich die Sehnsucht nach einer unbeschwerteren Zeit.
Retro-Trends: Das sagt Stil-Experte Jeroen van Rooijen zu den neu aufgelegten Looks:
Skinny
Waren Skinny Jeans und Leggings jemals weg? In der Provinz wurden und werden diese Hosen seit über 25 Jahren bevorzugt getragen. Die Landeier werden sich freuen, endlich wieder mal vorne dabei zu sein. Das bestätigt sie in ihrer These: Man muss nur lange genug warten, dann kommt die Mode wieder. Was natürlich Unsinn ist.
Schulterpolster
Sahen wir bei Balenciaga, Balmain und Konsorten die letzten Jahre schon vielfach. Sieht auf dem Laufsteg immer cool aus, aber tatsächlich will man diese Schaumstoff-Dinger im Alltag nicht gerne spazieren führen. Bleibt ein Stylisten-Traum!
Boho
Der Hippie-Style hat seit 1968 auch schon ungefähr 15 Revivals erlebt. Das ist deutlich mehr, als die Forschung empfiehlt. Der Look sieht darum irgendwie abgedroschen aus. Taugt nur noch für Ibiza und Motto-Party.
Low-Rise-Hosen
Sieht an sehr fitten und jungen Menschen gut aus, wenn der Bauch flach und das Körperfett gering ist. Die Realität ist leider aber die, dass eben nicht nur diese Traumkörper in solche Beinkleider gezwängt werden.
Minirock
Das gefühlt fünfzigste Comeback des Minirocks widerlegt die These, dass alles nach 20 Jahren wiederkommt. In diesem Fall wären es also eher alle zwei Jahre! Er ist aber tatsächlich wieder da – so wie der Frühling halt.