Lorena Müllerin schreibt über sexualisierte Gewalt
Diese Geschichten raubten Lorena den Schlaf

Wie spricht man über sexuelle Übergriffe, die schwer in Worte zu fassen sind? Lorena Müllerin gibt Betroffenen eine Stimme – basierend auf wahren, literarisch bearbeiteten Erlebnissen.
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Das Buch «In der stärksten Mittagssonne friere ich» enthält neun anonymisierte Geschichten über sexualisierte Gewalt basierend auf wahren Erlebnissen.
Foto: Dres Hubacher

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Lorena Müllerin veröffentlicht Buch über sexualisierte Gewalt mit neun anonymisierten Geschichten
  • Sie beleuchtet gesellschaftliche Zusammenhänge und fordert, dass Täter mehr Konsequenzen tragen
  • Buch soll Betroffene stärken und Nicht-Betroffenen neue Perspektiven eröffnen
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Florin SchranzRedaktor News

Ein Mann drückt seiner Freundin ein Messer an den Hals und vergewaltigt sie. Ein Freund der Familie missbraucht ein Mädchen in einem Maisfeld. Und auf einer Messe drückt ein fremder Mann seinen Penis an ein elfjähriges Mädchen.

Drei von neun Geschichten aus dem Buch «In der stärksten Mittagssonne friere ich». Verfasst hat es die 27-jährige Lorena Müllerin als Masterarbeit im Rahmen des Kulturpublizistik-Studiums an der ZHdK. Müllerin hat die weibliche Form ihres Nachnamens gewählt, um diesen alten Namen als selbstbewusstes Statement neu zu besetzen, wie sie dem «Bund» in einem Interview erklärt. Die Geschichten beruhen auf wahren Erlebnissen. Die Personen sind anonymisiert, die Erlebnisse literarisch bearbeitet.

Müllerin will zeigen, wie unterschiedlich sexualisierte Gewalt aussehen kann und warum Betroffene manchmal erst später verstehen, dass eine Grenze überschritten wurde. «Ich versuche, die Situationen so zu benennen, wie sie sind», sagt sie.

Zehn Tage lang immer wieder dieselben Geschichten

Für ihr Buch führte Müllerin Gespräche mit Betroffenen und transkribierte die Aufnahmen. Zehn Tage lang hörte sie sich die Gespräche immer wieder an und schrieb die Geschichten nieder. Was das mit ihr machte, hat sie «ein wenig unterschätzt», sagt sie rückblickend.

Sie schlief schlecht. Zunächst dachte sie, das liege am Stress wegen ihrer Masterarbeit. Dann merkte sie: «Nein, es ist eine natürliche Reaktion auf diese Geschichten.»

Um die Erlebnisse trotzdem literarisch verarbeiten zu können, schuf sie Distanz. Aus den realen Personen wurden literarische Figuren, aus den tatsächlichen Orten andere Schauplätze, aus konkreten Zeitpunkten andere Jahreszeiten. «Ich habe die echten Personen nicht mehr gehört und gesehen, sondern mir eine eigene Person erschaffen.»

Gleichzeitig wollte sie möglichst nah an den Erfahrungen der Betroffenen bleiben. Sie fragte auch nach Dingen, die in den Gesprächen zunächst nebensächlich schienen: Wie hat es gerochen? Was war zu hören? Wie war das Wetter?

«Mein Fokus lag darauf, wie ich etwas für Menschen spürbar machen kann, die das nicht erlebt haben.» Gewitter, Kälte oder Hitze werden deshalb zu Bildern für Gefühle, die sich nur schwer in Worte fassen lassen.

Das Buch soll aber nicht neun Einzelschicksale zeigen. Am Ende stellt Müllerin die Geschichten in einen gesellschaftlichen Zusammenhang. Es geht um fehlende Sprache, um Scham und darum, wie das Umfeld mit Betroffenen und Tätern umgeht.

«Die Scham muss den Täter treffen»

Betroffene werden von ihrem Umfeld oft nicht ernst genommen, sagt Müllerin. Manche würden sich zurückziehen, während die Täter weiterhin beliebt und angesehen seien. «Es sollte Sanktionen geben. Die Scham muss den Täter treffen», sagt sie.

Eine «Cancel Culture» hält Müllerin dabei nicht für die Lösung. Sie findet: Täter sollten eine Therapie machen müssen – und diese selbst bezahlen. Sie sollten Konsequenzen spüren und sich «mindestens so eingeschränkt fühlen wie Betroffene». Sie sieht in Aufklärung einen Weg zur Besserung: «Man muss das System ändern, und Täter müssen Konsequenzen spüren.»

Auch Männer müssen Verantwortung übernehmen

Die ersten Reaktionen auf ihr Buch bestärken sie. Leserinnen und Leser hätten ihr erzählt, dass sie die Geschichten beschäftigt hätten und sie dadurch ihr eigenes Verhalten hinterfragten. Manche Menschen hätten ihr sogar eigene Erfahrungen anvertraut.

Für Müllerin zeigt das: Das Reden über sexualisierte Gewalt muss weitergehen. Sie wünscht sich deshalb, dass nicht nur Frauen Aufklärungsarbeit leisten.

«Auch Männer sollten mit ihren männlichen Freunden über das Thema sprechen», sagt sie. «Wir müssen alle Verantwortung übernehmen.»

Das Buch «In der stärksten Mittagssonne friere ich» ist in Schweizer Buchhandlungen erhältlich.

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