Loeb-Chefin Nicole Loeb über Luxus, Kleiderberge und die Zukunft des Warenhauses
«Anfang September haben wir Wintermäntel im Laden, und draussen sind 30 Grad»

Jelmoli ist Geschichte, Manor zieht um, Globus setzt auf Luxus: Die Warenhauswelt ist im Umbruch. Loeb in Bern dagegen feiert 145 Jahre. Chefin Nicole Loeb (59) über das Rezept zum Überleben, 400-Franken-Parfüms und unsere vollen Kleiderschränke.
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Über den Dächern von Bern: Warenhaus-Chefin Nicole Loeb.
Foto: Philippe Rossier

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Loeb-Warenhaus in Bern feiert 145-jähriges Jubiläum mit besonderen Angeboten und Events
  • Chefin Nicole Loeb betont Bedeutung von Qualität, Nachhaltigkeit und moderner Kundenerfahrung
  • 340 Mitarbeitende, 80 Prozent Frauen, mit 42 Lernenden im Detailhandel tätig
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Katja RichardRedaktorin Gesellschaft

Ihr Warenhaus wird 145 Jahre alt. Was würden die Gründer heute noch wiedererkennen?
Wahrscheinlich die Gebäude, an denen sich von aussen nicht viel verändert hat. Die Firma wurde gegenüber an der Spitalgasse gegründet und zog später hierher. Nach und nach wurden weitere Gebäude dazugekauft und verbunden. Sie würden schon staunen, was seither alles passiert ist.

War Loeb schon immer ein Modegeschäft?
Ursprünglich war es ein Textilgeschäft mit Stoffen und Mercerie-Artikeln. Später wurde daraus ein Warenhaus. Das war damals etwas völlig Neues.

Was war daran so besonders?
Vorher wurde über die Theke verkauft, und man musste fragen, was etwas kostet. War es zu teuer, konnte das peinlich sein. Im Warenhaus konnte man selber stöbern, Preise vergleichen und etwas wieder zurückstellen. Damals wurden viele neue Stellen und Berufe geschaffen. Das gab auch Frauen eine neue gesellschaftliche Stellung, weil sie dort arbeiten und ihr eigenes Geld verdienen konnten.

Heute sind 80 Prozent Ihrer 340 Mitarbeitenden Frauen. Ist Verkäuferin noch ein attraktiver Beruf?
Detailhandel ist eine Passion. Man muss gerne mit Menschen und mit der Ware arbeiten. Und wir finden Nachwuchs: Aktuell bilden wir 42 Lernende aus.

Heute lässt sich alles mit einem Klick bestellen. Braucht es noch ein Warenhaus?
Ja, aber nicht nur wegen der Produkte. Entscheidend sind persönliche Begegnung, Beratung und Erlebnis. Deshalb gibt es bei uns auch Gratiskaffee, Nähatelier, Kinderbetreuung, Flipperkästen oder Yoga. Wenn die Menschen gerne bei uns sind, haben wir schon viel gewonnen.

Sogar Ihre Toiletten gehören zur Strategie.
Ja (lacht). Beim Umbau 2019 habe ich gesagt: Wir können nicht das persönlichste Warenhaus der Schweiz sein und dann ein 08/15-WC haben, bei uns ist es wie im Hotel mit frischen Handtüchern. Warum soll nicht auch der Gang auf die Toilette ein gutes Erlebnis sein?

Jelmoli gibts nicht mehr, Manor zieht um, Globus setzt auf Luxus. Freuen Sie sich, wenn ein Konkurrent verschwindet?
Nein, überhaupt nicht. Jede leer stehende Ladenfläche finde ich eine Katastrophe. Für uns ist entscheidend, dass die Innenstädte attraktiv bleiben. Sinkt die Frequenz, leiden am Ende alle.

Warum überlebt ausgerechnet Loeb?
Wir haben dieselben Herausforderungen wie die anderen. Aber wenn man stehen bleibt, wird man überrollt. Man muss sich ständig fragen: Wie verändert sich die Welt? Was können wir anders machen? Wir haben rund 500'000 Artikel im Sortiment. Und was wir nicht haben, versuchen wir zu besorgen. Wenn immer möglich, erfüllt unser Team jeden Wunsch.

Hilft Ihnen, dass Loeb ein Familienunternehmen ist?
Ja. Bei anderen Warenhäusern spielten teilweise auch Besitzverhältnisse und Strategie eine Rolle. Als Familienunternehmen können wir langfristiger denken.

Ihr Vater François Loeb war ein klassischer Patron. Was haben Sie von ihm gelernt?
Den Blick fürs Detail – es heisst ja nicht umsonst Detailhandel. Wenn etwas am Boden liegt oder nicht in Ordnung ist, sehe ich das sofort. Das mag kleinlich klingen, aber im grossen Ganzen macht es viel aus.

Was machen Sie anders als Ihr Vater?
Ich hatte zwei Kinder und konnte nicht so präsent sein wie er. Deshalb musste ich stärker delegieren. Aber ich konnte ihn immer um Rat fragen. Er sagte mir seine Meinung – was ich danach machte, war meine Sache.

Viele Warenhäuser vermieten grosse Flächen an Marken. Wie viel Loeb steckt noch in Loeb?
Das ist eine Wellenbewegung. Mein Vater hat die Vermietung sehr konsequent vorangetrieben, zeitweise waren über 50 Prozent der Fläche vermietet. Inzwischen sind wir wieder etwas davon weggekommen.

Beauty und Parfümerie betreiben Sie wieder selbst. Warum?
Wir betreiben jene Bereiche selbst, bei denen wir überzeugt sind, dass wir es gut können. Und in der Beauty tut sich gerade sehr viel.

Neben Nivea haben Sie neu Parfüms für über 400 Franken. Wer kauft so etwas?
Nischenparfüms sind gerade bei jungen Menschen ein grosser Trend, stark getrieben durch Social Media und Influencer. Das gab es zu meiner Zeit nicht. Damals hat man sich vielleicht ein Calvin-Klein-T-Shirt gekauft. Luxusparfums sind ein Statussymbol, wie gewisse Label-Handtaschen für Tausende von Franken.

Warum sind Ihnen die Jungen so wichtig?
Als ich das Geschäft von meinem Vater übernahm, übernahm ich auch seine Kundschaft. Inzwischen werde ich bald 60, und meine Kundschaft ist mit mir älter geworden. Deshalb müssen wir auch die nächste Generation ansprechen.

Wir kaufen 60 neue Kleidungsstücke pro Jahr, 40 Prozent werden nie oder höchstens viermal getragen. Haben wir zu viele Kleider?
Ich glaube, man sollte stärker auf Qualität achten. Lieber weniger kaufen, dafür vielleicht ein teureres Stück, das länger hält.

Aber Sie leben davon, dass wir einkaufen.
Ich glaube an Qualität und Langlebigkeit. Ich habe Lieblingsstücke, die ich zehn Jahre trage. Aber es geht mir wie den meisten: Ich mache auch Fehlkäufe oder habe schöne Sachen im Schrank, die ich dann doch nicht anziehe. Zum Glück habe ich zwei Töchter, die sich da gerne bedienen.

In Europa werden sogar neue, unverkaufte Kleider vernichtet. Die EU verbietet das seit diesem Sommer, in der Schweiz ist es weiterhin erlaubt. Was macht Loeb mit Ladenhütern?
Unser Ziel ist, dass nichts übrig bleibt – das funktioniert in der Regel. Wir schreiben die Ware herunter, teilweise bis unter den Einkaufspreis. Einwandfreie Kleider zu vernichten, damit hätte ich persönlich ethisch Mühe. Das würde auch nicht zu unserer Philosophie passen.

Was ist Ihr ältestes Kleidungsstück?
Ein Nachthemd aus meiner Kindheit. Ich war neun und fand es wunderschön, hellblau mit Herzchen und Schleifen. Meine Töchter wollten es nicht. Vielleicht klappt es ja bei den Grosskindern (lacht).

Wir haben einen der heissesten Sommer erlebt. Bekommen Sie das zu spüren?
Das ist tatsächlich ein Problem. Die klassischen Saisons verschwimmen immer mehr. Anfang September haben wir bereits Wintermäntel im Laden, und draussen sind 30 Grad. Bei grosser Hitze kommen zudem weniger Menschen in die Stadt. 10 Prozent weniger Frequenz bedeuten für uns vereinfacht auch 10 Prozent weniger Umsatz. Da muss sich die ganze Branche Gedanken machen.

Zum Jubiläum dreht sich bei Loeb alles um die Zitrone: «When life gives you lemons, make some juice.» Was war die sauerste Zitrone Ihrer Karriere?
Ganz klar Corona. Innerhalb eines Tages mussten wir alle Läden schliessen. Plötzlich kam praktisch kein Umsatz mehr herein, die Löhne liefen weiter. Niemand wusste, was morgen sein würde.

Bern ist mehr Bundeshauptstadt als Modemetropole. Kaufen Magistratinnen bei Loeb ein?
Ich habe schon welche gesehen, aber natürlich sind wir diskret. Eine ehemalige Bundesrätin kam regelmässig vorbei: Am Samstag ging sie auf den Markt und danach zu uns. Das ist eine Qualität der Schweiz – Politiker können sich frei bewegen und werden in Ruhe gelassen.

Sie haben zwei Töchter. Treten die einmal in Ihre Fussstapfen?
Das ist offen. Die beiden sollen zuerst ihre Ausbildung abschliessen und anderswo Erfahrungen sammeln. Diese Zeit möchte ich ihnen geben.

Sie werden 60. Wie lange wollen Sie noch Chefin bleiben?
Als Unternehmerin kann ich nicht sagen: Mit 65 ist fertig. Man muss sich rechtzeitig um die Nachfolge kümmern. Bis 80 möchte ich das operative Geschäft sicher nicht führen. Vielleicht bin ich später noch im Verwaltungsrat.

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