Darum gehts
- Das Streunerkatzenproblem in Griechenland bleibt trotz Tierschutzgesetz gross
- Corfu Angel Cats hat seit 2022 über 5000 Katzen sterilisiert
- Theoretisch sind in sieben Jahren 370’000 Nachkommen von einer einzigen Katze möglich
Die kleine Katze sitzt allein beim Pool des Hotels – auf den ersten Blick eine von vielen, die auf Essensreste vom Frühstück hofft. Erst beim näheren Hinsehen wird die Wunde am Hals sichtbar: fast so gross und geschwollen wie ein Ei, so stark entzündet, dass man den stinkenden Eiter riechen kann. Nicht einmal vom Joghurt, das ich dem Büsi hinstelle, mag es fressen.
Zeit, die verletzte Katze zu einem Tierarzt zu bringen, habe ich nicht. Es ist der erste Ferientag auf Korfu, von hier geht es für zwei Wochen zum Segeln. Ich melde den Vorfall an der Hotelrezeption. Die junge Frau murmelt etwas von Tierschutz. Ob es hilft? Auf dem Schiff lässt mich das Bild der kleinen Katze mit der grossen Wunde nicht mehr los. Kann sie sich davon selbst erholen oder wird sie langsam und qualvoll sterben?
Katzen vermehren sich wie Chüngel
Das Kätzchen ist mit seinem Schicksal nicht allein. Griechenland hat wie viele Länder im Süden ein Problem mit einer riesigen Anzahl streunender Katzen. Genaue Zahlen gibt es nicht, Schätzungen gehen davon aus, dass in Griechenland rund 3 Millionen Strassenkatzen leben. Damit gehört Griechenland zu den Ländern mit den grössten Populationen freilebender Katzen in Europa. Katzen vermehren sich fast so schnell wie Chüngel: Mit zwei bis drei Würfen pro Jahr bringt ein Weibchen bis zu 18 Junge zur Welt. Ohne Kastrationen wächst die Population deshalb explosionsartig. Theoretisch können aus einer einzigen Katze innerhalb von sieben Jahren rund 370’000 Nachkommen entstehen. Besonders in den Sommermonaten, wenn mit den Touristen auch genügend Futter vorhanden ist, verschärft sich das Problem zusätzlich.
Vom Segelboot aus recherchiere ich nach einer Tierschutzorganisation und stosse auf Corfu Angel Cats. Ich schreibe sie an, schildere die verletzte Katze und stelle den Kontakt zum Hotel her. Viel Hoffnung mache ich mir allerdings nicht. Die Auffangstation ist weit entfernt und hat kaum Kapazitäten. Vorsorglich spende ich. Wenn diesem Büsi schon nicht geholfen werden kann, dann wenigstens anderen Katzen in Not.
Gaia hat Glück
Als mir Scarlett, die Gründerin von Corfu Angel Cats, zwei Tage später ein Foto schickt und fragt, ob das die Katze sei, kann ich es kaum glauben. Es ist tatsächlich das kleine Büsi aus dem Hotel – gerade wird es bei der Tierärztin versorgt. Ich darf der Katze einen Namen geben: Gaia. «Sie bekommt jetzt Antibiotika und wird aufgepäppelt», schreibt Scarlett. Für eine Narkose sei sie noch zu schwach, dann werde sie auch sterilisiert. Scarlett ist erleichtert, dass Gaia nicht trächtig ist. «Sonst hätten wir bald noch mehr Katzen.»
Dass Gaia überhaupt eine Chance bekommt, ist Scarlett und ihrem Partner Surinder zu verdanken. Das Paar kam im Februar 2020 nach Korfu. Geplant waren zwei Wochen, wegen der Pandemie wurden daraus sechs Monate. Das Elend der Streunerkatzen berührte sie. «Es sind so viele. Bis auf die Knochen abgemagert suchen sie bei Müllcontainern nach Futter», erzählt Scarlett. Zudem breiten sich in grossen Katzenkolonien Krankheiten rasant aus. Besonders Augeninfektionen bleiben häufig unbehandelt – viele Tiere erblinden.
In Mission für die Katzen auf Korfu
Das Paar mietete ein Auto und begann, Katzen zu füttern. Aus einer wurden zehn, dann ganze Kolonien. «So entstand unsere Mission», sagt Scarlett. Schliesslich trafen sie eine schwierige Entscheidung: Sie verkauften ihr Ferienhaus in Malaga und gaben ihre Boutiquen in Budapest auf, um sich auf Korfu niederzulassen. 2022 gründeten sie die Stiftung Corfu Angel Cats. Seither haben sie über 5000 Streunerkatzen sterilisiert. «Aber es gibt Tausende. Wir können nur einem kleinen Teil helfen.»
Als ich nach zwei Wochen Segeln nach Korfu zurückkehre, möchte ich wissen, wie es Gaia geht. Die Auffangstation liegt abgelegen in den Hügeln, mitten im Wald, direkt beim Haus des Paares. Kaum steige ich aus dem Auto, werde ich von Dutzenden schnurrenden Katzen begrüsst. Manche springen auf meinen Schoss, andere beobachten mich aus der Ferne. Es ist Fütterungszeit. Scarlett und ihr Mann versorgen hier rund 150 Katzen. Ein Teil davon lebt in sechs Kolonien rund um das Haus.
Leben mit 150 Katzen
Die meisten Tiere bewegen sich frei. Ich staune, wie friedlich sie miteinander leben. Gaia sitzt noch in einem grossen Käfig, bis sie wieder gesund und vor allem sterilisiert ist. «Soll ich sie hier behalten?», fragt mich Scarlett. Es sei schwierig, auf der Insel ein zuverlässiges Zuhause zu finden. Deshalb bleiben viele Katzen bei ihnen, manche werden nach Europa vermittelt. Sie zeigt mir zwei winzige Babykatzen, die in einer Plastiktüte ausgesetzt wurden. In anderen Gehegen erholen sich schwer verletzte oder kranke Tiere.
Scarlett und ihr Mann kümmern sich täglich um die Katzen. Zusätzlich beliefern sie über 30 Futterstellen auf der Insel, wo sich Freiwillige auch im Winter um Streuner kümmern. Noch wichtiger als die Rettung einzelner Tiere ist für sie jedoch die Sterilisation. Mit ihrem Programm «Mission Possible» übernehmen sie deshalb den grössten Teil der Kastrationskosten – wer eine Katze bringt, bezahlt lediglich 25 Euro, den Rest finanziert die Organisation über Spenden. «Jede kastrierte Katze verhindert unzählige weitere, die sonst auf der Strasse geboren würden und neues Leid erfahren», sagt Scarlett. Staatliche Unterstützung erhält Corfu Angel Cats nicht. Tierarztkosten, Futter und Kastrationen werden ausschliesslich durch Spenden finanziert.
Verschärfter Tierschutz greift nur teilweise
Dabei gibt es seit 2021 ein verschärftes Tierschutzgesetz in Griechenland. Haustiere müssen registriert und gechipt werden. Gemeinden sind verpflichtet, Programme für Streunertiere aufzubauen. Dazu gehören Kastrationen, medizinische Versorgung und Vermittlungen. Das Aussetzen von Tieren ist strafbar. Unterwegs auf den verschiedenen Inseln fällt auf, dass es deutlich weniger Streunerkatzen gibt als noch vor einigen Jahren. Viele haben ein gekapptes Ohr – das Zeichen, dass sie sterilisiert wurden. In einzelnen Geschäften stehen Spendendosen, mit denen Futter für den Winter finanziert wird. Auch in der Altstadt von Korfu sieht man kaum Katzen.
Doch in Gouvia, dem Hafenort, in dem ich Gaia gefunden habe, sieht die Realität anders aus. Viele Streuner sind in schlechtem Zustand. An meinem letzten Abend sitzt erneut eine Katze in einem Restaurant. Sie wirkt apathisch, ihre Augen sind vollständig verklebt. Als ich am Empfang darauf hinweise, heisst es, die Gemeinde sei dafür zuständig. Die Angestellte ergänzt, dass sie sich in ihrem Wohnquartier bereits um 14 Katzen kümmere.
Abgesehen von privaten Organisationen wie Corfu Angel Cats scheint es auf Korfu an schneller und unkomplizierter Hilfe für Katzen in Not zu fehlen. Eine Anfrage an die Gemeindeverwaltung bleibt trotz mehrmaligem Nachfassen unbeantwortet. Auch vom Büro von Nikos Chrysakis, Sondersekretär für den Schutz von Heim- und Streunertieren im griechischen Innenministerium, kommt keine Antwort.
Auch die Schweiz hilft
Das Problem beschränkt sich nicht auf Korfu. Eine Schweizerin, die sich ebenfalls für Streuner in Griechenland engagiert, ist Irene Weiersmüller. Die 36-Jährige arbeitet seit 16 Jahren im Tierschutz und leitet seit 2021 den Verein Greek And Swiss Animal Help, kurz Gasah, auf der Ferieninsel Kos. «Katzen sind ein schwieriges Thema. Sie vermehren sich enorm schnell. Wir sterilisieren jedes Jahr rund 600 Tiere, aber auch das reicht nicht», sagt sie.
Dank des neuen Tierschutzgesetzes bezahlt die Gemeinde jährlich einen bestimmten Betrag an eine Tierärztin für die Versorgung von Streunern, den Rest decken Spenden – meist von Touristen. «Wir versuchen, mit unserer Arbeit ein anderes Bewusstsein zu schaffen, auch mit Aufklärung an Schulen», sagt Weiersmüller. Inzwischen erhalte sie täglich Anrufe von Einheimischen wegen verletzter oder ausgesetzter Tiere. «Das ist für mich der schönste Aspekt: wenn wir nachhaltig etwas bewirken können.»
Was geschieht mit Gaia?
Wenn immer möglich, vermittelt sie Tiere direkt vor Ort. «Sonst verschieben wir die Problematik nur woanders hin. Denn auch in der Schweiz sind die Tierheime voll.» Auch hierzulande gibt es Streunerkatzen, die sich unkontrolliert vermehren und verwahrlosen. Schätzungen gehen von rund 300’000 Tieren aus.
Die Frage stellt sich damit auch ganz konkret: Macht es Sinn, Gaia von Korfu in die Schweiz zu adoptieren? Obwohl ich sie nur zweimal kurz gesehen habe, hat mich ihr Schicksal berührt, Gaia ist mir ans Herz gewachsen. Gut geht es ihr nicht, inzwischen musste ein Teil ihres Schwanzes amputiert werden – dort war noch eine infizierte Bisswunde. Vorerst unterstütze ich sie weiterhin vor Ort.
Eine Katze aus den Ferien zu adoptieren, kann einem Tier eine echte Zukunft geben. Das sollte aber nie spontan oder aus Mitleid entschieden werden. Der Schweizer Tierschutz (STS) empfiehlt, vorab zu klären, ob die Wohnsituation passt, der Vermieter die Tierhaltung erlaubt und genügend Zeit sowie Geld für Futter, Tierarztkosten und die Betreuung vorhanden sind. Wer überfordert ist, riskiert, dass das Tier später im Schweizer Tierheim landet. Achtung: Adoptieren sollte man nur über eine seriöse Tierschutzorganisation oder ein Tierheim, das transparent über Gesundheitszustand und Vorgeschichte informiert.
Wer vor Ort helfen möchte, unterstützt lokale Tierschutzorganisationen und Kastrationsprogramme. Verletzte Tiere sollten dem Hotel, der Gemeinde oder einer Tierschutzorganisation gemeldet werden. Es lohnt sich zudem, Hotels darauf anzusprechen, dass ihr Engagement für Streunertiere und Kastrationsprogramme geschätzt wird.
Wer eine Katze aus Griechenland in die Schweiz bringt, braucht keinen Tollwut-Antikörpertest – zwingend für die Einreise ist aber:
- Mikrochip
- Gültiger blauer EU-Heimtierausweis
- Gültige Tollwutimpfung. Die Erstimpfung muss nach dem Einsetzen des Mikrochips erfolgt sein. Die Einreise ist frühestens 21 Tage nach der Impfung erlaubt. Das Tier muss deshalb mindestens 15 Wochen alt sein.
- Bei der Einreise muss die Katze beim Schweizer Zoll angemeldet werden – am Flughafen über den roten Kanal. Auf den Wert des Tieres wird die Mehrwertsteuer erhoben.
Nach der Ankunft sollte die Katze innert zehn Tagen einem Tierarzt vorgestellt werden. Dieser kontrolliert die Unterlagen und registriert das Tier in der Schweizer Heimtierdatenbank. Wird die Adoption über eine Tierschutzorganisation abgewickelt, können je nach Art des Transports zusätzliche Einfuhrvorschriften gelten.
Weitere Info: Vor einer Adoption müssen die Vorschriften beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) gecheckt werden.
Eine Katze aus den Ferien zu adoptieren, kann einem Tier eine echte Zukunft geben. Das sollte aber nie spontan oder aus Mitleid entschieden werden. Der Schweizer Tierschutz (STS) empfiehlt, vorab zu klären, ob die Wohnsituation passt, der Vermieter die Tierhaltung erlaubt und genügend Zeit sowie Geld für Futter, Tierarztkosten und die Betreuung vorhanden sind. Wer überfordert ist, riskiert, dass das Tier später im Schweizer Tierheim landet. Achtung: Adoptieren sollte man nur über eine seriöse Tierschutzorganisation oder ein Tierheim, das transparent über Gesundheitszustand und Vorgeschichte informiert.
Wer vor Ort helfen möchte, unterstützt lokale Tierschutzorganisationen und Kastrationsprogramme. Verletzte Tiere sollten dem Hotel, der Gemeinde oder einer Tierschutzorganisation gemeldet werden. Es lohnt sich zudem, Hotels darauf anzusprechen, dass ihr Engagement für Streunertiere und Kastrationsprogramme geschätzt wird.
Wer eine Katze aus Griechenland in die Schweiz bringt, braucht keinen Tollwut-Antikörpertest – zwingend für die Einreise ist aber:
- Mikrochip
- Gültiger blauer EU-Heimtierausweis
- Gültige Tollwutimpfung. Die Erstimpfung muss nach dem Einsetzen des Mikrochips erfolgt sein. Die Einreise ist frühestens 21 Tage nach der Impfung erlaubt. Das Tier muss deshalb mindestens 15 Wochen alt sein.
- Bei der Einreise muss die Katze beim Schweizer Zoll angemeldet werden – am Flughafen über den roten Kanal. Auf den Wert des Tieres wird die Mehrwertsteuer erhoben.
Nach der Ankunft sollte die Katze innert zehn Tagen einem Tierarzt vorgestellt werden. Dieser kontrolliert die Unterlagen und registriert das Tier in der Schweizer Heimtierdatenbank. Wird die Adoption über eine Tierschutzorganisation abgewickelt, können je nach Art des Transports zusätzliche Einfuhrvorschriften gelten.
Weitere Info: Vor einer Adoption müssen die Vorschriften beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) gecheckt werden.