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Überzeugung im Singkreis Maur:Singen ist Ausdruck der Seele»

Im Chor ist niemand allein
«Ich fühle mich dann ein bisschen wie ein Engel»

Gemeinsam zu einem grossen Ganzen verschmelzen: Singen in der Gruppe verleiht ein besonderes Wir-Gefühl. Nach der Pandemie hat sich die Chorlandschaft verändert. Eins verbindet die Formationen: In der Weihnachtszeit haben Chöre Hochsaison. Zu Besuch in Maur ZH.
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Hauptprobe im Singkreis Maur vor dem grossen Konzert in der Kirche.
Foto: Linda Käsbohrer
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Katja RichardRedaktorin Gesellschaft

Ob Anfänger oder Halbprofi, Sopran oder Bass – es kommt auf jede Stimme an. Im Chor weben alle gemeinsam einen Klangteppich. «Viele Leute sagen, sie können nicht singen, aber es lohnt sich, es auszuprobieren», sagt Gabriela Braun (50). «Denn man trägt sich gegenseitig mit und gleicht allfällige Mankos aus.» Sie ist eine von 36 Stimmen im Singkreis Maur ZH. Über die letzten zehn Monate haben die Sängerinnen und Sänger die Friedensmesse «The Armed Man» einstudiert.

Singend abheben: Gabriela Braun im Sopran.
Foto: Linda Käsbohrer

Anlass dafür war der Ukraine-Krieg. Chordirigent David Haladjian (62) sagt: «Inzwischen gab es den Krieg in Bergkarabach mit 120’000 Flüchtlingen, und mit dem Konflikt in Israel ist leider noch eine traurige Aktualität dazugekommen.»

Komponiert wurde das Stück vom Waliser Karl Jenkins (79) im Auftrag des Museums Royal Armouries in London anlässlich der Jahrtausendfeier. Das Werk ist den Toten des Kosovo-Kriegs gewidmet. «Wir widmen es allen Opfern von kriegerischen Auseinandersetzungen», so Haladjian.

Das Stück setzt sich aus Bibelzitaten, Texten aus der Messe, dem Koran und dem altindischen Epos Mahabharata zusammen, hinzu kommt das Gedicht eines Hiroshima-Überlebenden. «Es geht um den universellen Wunsch nach Frieden über alle kulturellen Grenzen hinweg», so der Dirigent.

Profimusiker: Dirigent David Haladjian bringt seinen Laienchor auf höchstes Niveau.
Foto: Linda Käsbohrer

Ein erhebendes Gefühl

Trotz traurigem Hintergrund vermittelt die Musik ein erhebendes Gefühl. «Wenn die verschiedenen Stimmlagen in voller Wucht zusammenkommen, fühlt man sich als Teil eines grossen Ganzen, das man gemeinsam erschaffen hat», sagt Gabriela Braun. «Das berührt mich sehr.» Und zwar so sehr, dass ihr während des Singens die Augen feucht werden. Sie ist nicht die Einzige, der es so ergeht. «Ich habe schon oft in Konzerten geweint», erzählt Jan Leys (65). Der Yogalehrer aus Meilen ZH singt ebenfalls beim Projekt mit. «Aber als Zuschauer. Dass ich während des Singens weine, das ist mir noch nie passiert.»

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«Man fühlt sich als Teil eines grossen Ganzen, das man gemeinsam erschaffen hat.»
Gabriela Braun
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Zum vorweihnachtlichen Konzert in der kleinen reformierten Kirche Maur sitzen die Menschen dicht an dicht, manche müssen stehen – ein Szenario, von dem manch ein Pfarrer nur träumen kann, das aber in der Vorweihnachtszeit in fast jeder Dorf- oder Stadtkirche vorkommt.

Die Chöre haben jetzt Hochsaison und führen vor, wofür sie monatelang geübt haben. Das Publikum dankt es. Andächtig lauschen alle der Friedensmesse, die über eine Stunde dauert. Für das anspruchsvolle Projekt spannt der Singkreis Maur mit dem Akusma-Kammerchor Baden zusammen – beim Auftritt werden die Laien von Profis an Instrumenten und der armenischen Gesangssolistin Goar Badalian unterstützt.

Ein grosser Aufwand für ein kleines Publikum: Möglich ist das nur mit Herzblut, Können und Engagement. Dirigent Haladjian bringt all das mit. Er ist als junger Musiker aus Armenien in die Schweiz gekommen, um sich im Bereich der elektroakustischen Musik weiterzubilden. Inzwischen ist er als Komponist und Musikpädagoge tätig. Seit über 25 Jahren leitet er den Singkreis Maur und lässt sich dafür immer wieder besondere Projekte einfallen: «Einmal haben wir geistliche Filmmusik einstudiert.» Die hat Haladjian auf Youtube gesucht und übers Gehör für seinen Chor und ein kleines Ensemble umgeschrieben.

Wichtig ist jeweils der geistliche Bezug, aber auch Weltliches hat Platz – denn unterstützt wird der Singkreis Maur von der Kirchgemeinde. Dafür singt der Chor fünfmal jährlich im Gottesdienst und kann das Kirchgemeindehaus umsonst fürs Proben benutzen. Zudem übernimmt die Gemeinde auch das Salär des Dirigenten. Ein Konzept, nach dem die meisten Chöre in der Schweiz heutzutage funktionieren.

Grosses Können für kleinen Chor

«Sonst könnten wir uns einen Profi mit so viel Kompetenz gar nicht leisten», sagt Carsten Goerke (86). Der ehemalige Uniprofessor singt seit 30 Jahren im Singkreis, zeitweise war er auch im Vorstand, seine Frau war 50 Jahre mit dabei. Entstanden ist der Chor damals dank einer Kindergärtnerin. «Sie fand es schade, dass die Eltern gar keine Lieder mehr kennen, die sie mit ihren Kindern singen können», erzählt Goerke. Damals sei das mehr ein Plausch-Chörli mit Gitarre gewesen, dann stieg das Niveau zusehends zum gemischten Konzertchor, und 2001 wurde daraus ein Verein.

Damit ist der Singkreis Maur auch Mitglied bei der Schweizerischen Chorvereinigung (SCV). Dort sind derzeit 1354 Chöre aller Gattungen vertreten, also gemischte Chöre, Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche – insgesamt 37'000 Sängerinnen und Sänger. «Die Weihnachtskonzerte sind für viele Chöre ein wichtiger Fixpunkt», sagt Anna-Barbara Winzeler (27) von der SCV.

Nach Corona geht ein grosses Aufatmen durch die Chorlandschaft. «Seither schätzen viele das gemeinsame Singen umso mehr», sagt Winzeler. Bei der SCV sind die Mitgliederzahlen in den letzten drei Jahren ganz leicht gesunken, womöglich eine Auswirkung der Pandemie.

Anna-Barbara Winzeler (vorne links) ist Leiterin des Jungen Chors Schaffhausen, Chorisma.
Foto: Kathrin Wolter

Bei manchen Chören macht sich auch eine Überalterung bemerkbar. «Die meisten singen in ihrer Kindheit und Jugend, dann haben sie wegen Beruf und Familie keine Zeit mehr und starten erst wieder in der zweiten Lebenshälfte damit», so Winzeler.

«Ich habe als Fünfjährige in der Singschule Schaffhausen angefangen zu singen und nie mehr aufgehört», erzählt sie und lacht. Besonders geprägt hat sie ihre Zeit im Jugendchor. «Aber irgendwann waren wir zu alt dafür und haben unseren eigenen Chor gegründet.» Inzwischen ist sie die Leiterin des Jungen Chors Schaffhausen, Chorisma, in dem ausschliesslich 18- bis 35-Jährige mitsingen. «Es braucht einfach neue und fluide Modelle, die auch eine jüngere Generation ansprechen.»

Im klassischen Kirchenchor fehlt der Nachwuchs

Schwierigkeiten mit Nachwuchs gibt es vor allem bei den klassischen Kirchenchören. «Bei uns hat sich in den letzten 25 Jahren die Zahl der Chöre halbiert», sagt Markus J. Frey vom Schweizerischen Kirchengesangsbund, in dem die reformierten Chöre erfasst sind. Derzeit sind es 175. «Besser sieht es bei Projektchören aus», so Frey. Das bestätigt auch Anna-Barbara Winzeler: «Die Pandemie hat eine Entwicklung beschleunigt, die ohnehin im Gange war», sagt sie. Viele Chöre waren dadurch gezwungen, neu zu planen und flexibler zu werden. Das kommt Jüngeren und Berufstätigen entgegen. «Viele wollen und können sich nicht für die wöchentliche Chorprobe und fünf Gottesdienste für ein ganzes Jahr verpflichten.» Darum haben vor allem Projekt-Chöre viel Zulauf bekommen; man engagiert sich für eine bestimmte Anzahl Proben und ein Konzert und legt dann wieder eine Pause ein.

So ist auch Gabriela Braun zum Singen gekommen. Auslöser war eine Ausschreibung für ein Projekt mit dem Stardirigenten Howard Griffiths (73) vor vier Jahren in Erlenbach ZH. «Es stand explizit, dass jede und jeder mitmachen kann, auch ohne Erfahrung. Das hat mich sehr angesprochen.» So hat sie die Freude am Singen erst vor wenigen Jahren wiederentdeckt. Seither ist sie immer wieder bei verschiedenen Projekten dabei, das geht von Pop bis Klassik. «Mir gefällt die Bandbreite», sagt sie.

Tragen sich im Chor gegenseitig: Gabriela Braun (l.) und Therese Menzi singen Sopran.
Foto: Linda Käsbohrer

Und sie lerne viel dazu, beim Notenlesen oder bei der Technik, auch dank ihren Mitsängerinnen: «Neben mir im Sopran singt Therese, sie war 15 Jahre im Laienchor des Opernhauses und singt toll. Von ihrer Erfahrung kann ich so vieles mitnehmen.» Und Singen tue ihr schlicht gut, mental und körperlich: «Ich gebe dabei wirklich alles.» Das merkt sie besonders nach einer langen Hauptprobe. «Es fühlt sich an wie Sport.» Umso mehr ist sie von den älteren Sängerinnen und Sängern beeindruckt; etwa zwei Drittel im Singkreis Maur sind im AHV-Alter, wie Carsten Goerke: «Dank dem Singen bin ich mit Mitte 80 noch gut bei Stimme, und das wirkt sich auch auf meine Atmung aus.»

Singen für das innere Lächeln

Denn egal ob Opernsängerin oder Chorknabe: «Es braucht eine Leistungsatmung», weiss die Stimmbildnerin Barbara Gertsch (55) aus Bern, die Gesang, Naturjodel und Sprechtraining unterrichtet. «Das Zwerchfell wird trainiert, die Atmung verbessert, und sie vertieft sich. Das wirkt sich auch im Alltag positiv aus und kann gegen Erschöpfung oder Müdigkeit helfen.» Zudem verändert es die Körperhaltung, weil die gesamte Rumpfmuskulatur aktiviert wird. «Der Körper wird zum Instrument», so Gertsch. Nicht nur auf die Gesundheit, auch auf die Stimmung wirkt sich das Singen positiv aus, dazu gibt es diverse Studien.

Stimmbildnerin Barbara Gertsch weiss: Singen ist gesund und macht glücklich.
Foto: RMS

Hilfreich für die positive Stimmung ist sicher auch das innere Lächeln oder Strahlen mit den Augen, das Gertsch mit den Singenden übt. «Das hilft ihnen, damit die Stimme weiter vorne und oben zum Klingen kommt und nicht im Hals stecken bleibt. Dadurch wird sie heller und reicher im Oberton.» Und es hat einen tollen Nebeneffekt: «Allein dadurch, dass man die Gesichtsmuskulatur in Richtung Lächeln aktiviert, werden Endorphine freigesetzt, und die Laune hebt sich.»

Das Singen in einer Gruppe führe zu einem besonderen Gemeinschaftsgefühl. «Jeder erzeugt durch seinen Klang eine Schwingung. Diese feine Bewegung breitet sich in uns und im Raum aus. Man tönt selber und verspürt zugleich die Schwingung der anderen Stimmen. Diese Schwingung ‹berührt› im wahrsten Sinne des Wortes.» Dieses Gefühl der Gemeinschaft sei etwas, das im individualisierten Alltag oft verloren gehe.

Für Gabriela Braun auf jeden Fall ein Grund, weiterzusingen. Ob im Singkreis Maur oder bei einem neuen Projekt, das hat sie noch nicht entschieden. «Manchmal singe ich mit den Kopfhörern im Wald zum Üben, aber da traue ich mich nicht, so laut zu singen wie im Chor.» Und manchmal, wenn sie mit ihrer Sopranstimme himmlische Höhen erreicht, «dann fühle ich mich ein bisschen wie ein Engel».

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