Darum gehts
- Metas Ray-Ban-Glasses senden Daten an Server, auch für menschliche Auswertung
- Datenanalysten in Kenia sehen intime Aufnahmen und persönliche Gespräche
- 2025 wurden weltweit 7 Millionen Meta-Brillen verkauft, dreimal mehr als zuvor
Sie sieht aus wie eine normale Brille. Doch was die Meta Ray-Ban Glasses aufnehmen, landet nicht nur auf dem eigenen Handy – sondern auf den Bildschirmen von Fremden, Tausende Kilometer entfernt. Dies zeigt eine aktuelle Recherche der beiden schwedischen Zeitungen «Svenska Dagbladet» und «Göteborgs-Posten», für die 30 Angestellte des Meta-Subunternehmers Sama in Kenias Hauptstadt Nairobi befragt wurden. Die Mitarbeitenden haben Geheimhaltungsverträge unterschrieben: Wer redet, riskiert seinen Job.
So funktioniert die Brille
Die Meta Ray-Ban Glasses sehen aus wie gewöhnliche Brillen, haben aber eingebaute Kameras und Mikrofone. Wer den Sprachbefehl «Hey Meta» sagt, aktiviert einen KI-Assistenten: Die Brille sieht, was der Träger sieht, und beantwortet Fragen dazu, etwa über Sehenswürdigkeiten, Speisekarten oder Texte im Blickfeld. Dafür werden Bild und Ton an Server von Meta übertragen werden.
Was viele Trägerinnen und Träger nicht wissen: Diese Daten werden nicht nur automatisch von Maschinen verarbeitet. Menschliche Mitarbeitende, sogenannte Datenannotatoren, schauen sich das Material an und beschriften es, damit die KI dahinter besser wird. Oft, so zeigt die Recherche, wissen die Träger wohl gar nicht, was ihre Brille gerade aufnimmt.
Was sie erzählen, ist brisant
Die Annotatoren in Nairobi berichten von Aufnahmen, die tief in die Privatsphäre der User blicken lassen. «Jemand ist mit seiner Brille herumgelaufen, und dann kam die Partnerin nackt aus dem Badezimmer», erklärt eine Angestellte. Ein anderer beschreibt Sexszenen, die durch die Brille gefilmt wurden. «Es ist heikel. Bei uns im Büro sind überall Kameras, niemand darf sein Handy mitbringen.»
Nicht nur Bilder, auch Gespräche mit dem KI-Assistenten landen zur Auswertung bei den Mitarbeitenden. «Es kann um absolut alles gehen. Wir sehen Chats, wo jemand über Verbrechen oder Proteste spricht. Es sind nicht nur Begrüssungen, es können auch sehr dunkle Dinge sein», sagt ein Mitarbeiter. Es gehe um Gewalt und sexuelle Fantasien.
Und weiter: «Wir sehen alles, von Wohnzimmern bis zu nackten Körpern. Das sind Menschen wie du und ich.» Ein Mitarbeiter fasst es so zusammen: «Ich glaube, wenn die Leute wüssten, wie viele Daten da gesammelt werden, würde sich niemand trauen, die Brille zu benutzen.»
Meta gibt sich wortkarg
Wer die KI-Funktion nutzt, muss laut Metas Nutzungsbedingungen damit rechnen, dass Sprache, Bilder und Videos an externe Server übertragen und dort auch von Menschen ausgewertet werden. Eine Opt-out-Möglichkeit gibt es laut «Svenska Dagbladet» nicht.
Blick hat Meta gefragt, wo Daten von Schweizer Nutzerinnen und Nutzer verarbeitet werden und wie sichergestellt wird, dass intime Aufnahmen nicht bei Drittfirmen in Ländern ohne gleichwertigen Datenschutz landen. Bis Redaktionsschluss blieb eine Antwort aus. Auf die schwedische Anfrage schrieb Metas Sprecher: «Wenn Live-KI verwendet wird, verarbeiten wir diese Medien gemäss den Meta-Nutzungsbedingungen und der Datenschutzrichtlinie.»
KI-Brille: Rechtlich heikel
Der auf IT-Recht spezialisierte Schweizer Anwalt Martin Steiger ordnet die Situation ein. Wer sich selbst filme, handle im Rahmen seiner Rechte. Sobald aber andere Personen erfasst würden, etwa in der Öffentlichkeit, fehle es in den meisten Fällen an einer gültigen Rechtsgrundlage. Bei besonders schützenswerten Daten wie Aufnahmen der Intimsphäre brauche es sogar eine ausdrückliche Einwilligung.
Steiger sagt: «Ich rate davon ab, eine solche Brille öffentlich zu tragen. Ich sehe die Gefahr, dass es zu einem gewaltsamen Opt-out kommt, wenn andere Personen merken, dass sie gerade erfasst werden.» Die Meta-Brillen sind in der Schweiz unter anderem bei Fielmann und Visilab erhältlich. 2025 wurden weltweit sieben Millionen Exemplare verkauft: dreimal mehr als in den zwei Vorjahren zusammen.