Darum gehts
- 59 Prozent der Europäer befürchten eine US-Abhängigkeit bei der digitalen Infrastruktur
- Blick-Journalist Tobias Bolzern berichtet, wie er sich von den US-Tech-Giganten löste
- Ein eigener Server ersetzt die Cloud, kostet aber aktuell viel Geld – wegen KI
Jeden Morgen um fünf Uhr sage ich: «Hey Google, Licht an.» Ein Konzern aus Mountain View schaltet darauf die Lampe an. Dann greife ich zum iPhone, öffne Google Keep und schreibe meine To-do-Liste. Ich scrolle durch Instagram, schaue bei Reddit rein. Im Hintergrund synchronisiert mein Handy gerade die Fotos mit Apple und Google. Ich schreibe jemandem auf Whatsapp, einem anderen auf Signal. Auf dem Arbeitsweg läuft das neue «Gorillaz»-Album ab Youtube. Am Kiosk bezahle ich Kafi und Gipfeli mit Apple Pay.
Dann im Büro: Macbook auf, Chrome öffnen, Slack starten. Im Browser laufen Gmail, Google-Kalender, Gemini. Ich zähle nach. Google: achtmal. Apple: dreimal. Meta: zweimal. Plus Reddit. Von den 15 Apps und Diensten, die ich an einem Morgen nutze, gehören 14 US-Konzernen. Nur Signal nicht, aber selbst das hat seinen Sitz in den USA. Kurz: Mein digitales Leben gehört praktisch den USA.
Unsichtbare Abhängigkeit
Die Dienste sind gut. Sie funktionieren. Sie greifen ineinander. Google kennt meinen Kalender, Instagram meine Freunde, Apple verwaltet meine Finanzen. Man merkt die Abhängigkeit nicht, solange alles läuft. Aber was, wenn nicht? Laut einer repräsentativen Umfrage, die dieses Jahr im EU-Parlament präsentiert wurde, glauben 59 Prozent der Europäer, dass die USA den Stecker bei Technologien ziehen könnten, auf die Europa angewiesen ist. Wie das aussieht, haben Millionen Menschen im Iran bereits erlebt: Apple und Google entfernten 2017 beliebte Alltags-Apps mit Verweis auf US-Sanktionen aus den Stores.
Und selbst Daten in hiesigen Rechenzentren sind nicht sicher: Der «Cloud Act» erlaubt US-Behörden, von amerikanischen Anbietern Daten zu verlangen – auch wenn die Server in Zürich oder Genf stehen. Privatim, die Konferenz der Schweizer Datenschutzbeauftragten, warnte Ende 2025: US-Anbieter könnten gezwungen werden, Kundendaten herauszugeben, «ohne die Regeln der internationalen Rechtshilfe einzuhalten».
Ich beschliesse: Ich steige aus. Dort, wo ich kann.
Der Digital Independence Day (DI Day) findet seit Januar 2026 jeden ersten Sonntag im Monat statt. Lanciert hat ihn die Initiative Save Social mit dem Chaos Computer Club (CCC) am 39C3-Kongress in Hamburg. Über 40 Organisationen rufen dazu auf, Big-Tech-Dienste Schritt für Schritt durch demokratieverträgliche Alternativen zu ersetzen. Bereits mehr als 155’000 Menschen haben eine Petition unterzeichnet, die Regierungen zum Abschied von X auffordert. Auch hierzulande wächst die Bewegung: In Bern und Zürich finden regelmässig Workshops statt. Nächster Termin: 3. Mai 2026.
Der Digital Independence Day (DI Day) findet seit Januar 2026 jeden ersten Sonntag im Monat statt. Lanciert hat ihn die Initiative Save Social mit dem Chaos Computer Club (CCC) am 39C3-Kongress in Hamburg. Über 40 Organisationen rufen dazu auf, Big-Tech-Dienste Schritt für Schritt durch demokratieverträgliche Alternativen zu ersetzen. Bereits mehr als 155’000 Menschen haben eine Petition unterzeichnet, die Regierungen zum Abschied von X auffordert. Auch hierzulande wächst die Bewegung: In Bern und Zürich finden regelmässig Workshops statt. Nächster Termin: 3. Mai 2026.
Ein Freund – einer
Als Erstes zügle ich alles zu Vivaldi, einem Browser aus Norwegen. Die Lernkurve ist steil. Lesezeichen importieren, neue Oberfläche. Meine Lieblingserweiterung (Kunst in jedem neuen Tab) funktioniert nicht mehr. Aber Vivaldi kann Dinge, die Chrome nicht kann, etwa mehrere Sites nebeneinander im selben Fenster anzeigen. Und der Werbeblocker ist direkt eingebaut.
Facebook habe ich bereits vor Jahren deaktiviert. Jetzt lösche ich es komplett. Falls es in Zukunft eine Klassenzusammenkunft geben wird: Man findet mich auch ohne das Zutun von Mark Zuckerberg. Dann wage ich mich an Instagram. Eine Alternative heisst Upscrolled. Nach zwei Monaten die Ernüchterung: Ich habe dort einen Freund. Einen. Das Grundproblem heisst Netzwerkeffekt. Ein Dienst nützt nichts, wenn alle anderen woanders sind.
50’000 Fotos in der Stube
Die Königsdisziplin: Ich baue zu Hause einen eigenen Server. Ein sogenanntes NAS, einen Netzwerkspeicher, der in meiner Stube steht statt in einem Rechenzentrum in Virginia. Darauf installiere ich ein offenes Betriebssystem (OMV) und speise 50’000 Fotos ein. Grossartig: Ich muss nie mehr für Cloud-Speicher bezahlen. Dann kommt die Rechnung. Wegen des anhaltenden KI-Hypes sind die Preise für RAM und Speicher explodiert. Knapp 1000 Franken habe ich für meinen Server bezahlt. Mitte 2025 hätte es mich noch halb so viel gekostet. Ich fluche.
Doch selbst für die eigenen Daten verantwortlich zu sein, das ist nicht bequem. Wenn die Festplatte streikt, gibt es keinen Support, ich bin der Support. Backups, Updates, Fehlersuche: Eigenverantwortung. Ich bin Informatiker, für mich ist das ein gutes Experiment. Aber nicht jeder muss gleich einen Server in die eigene Stube stellen.
Neben dem NAS steht seit kurzem auch ein Mac Mini mit M4-Chip in meiner Stube. Er läuft permanent als mein lokales KI-Hirn. Darauf ackert LM Studio, eine App, die Sprachmodelle lokal ausführt. Kein Wort, das ich in die Chatbox eintippe, verlässt das Gerät. Aktuell nutze ich Qwen. Es ist ein KI-Sprachmodell von Alibaba. Zwar stammt das Modell aus China, aber die Daten bleiben bei mir. Alibaba sieht meine Anfragen nicht. Anders als bei den Cloud-Versionen von Chat GPT und Gemini, wo jede Nachricht auf externen Servern landen.
Was mein KI-Hirn erledigt: Es verschlagwortet meine Bookmarks, verwaltet meine Notizen, kuratiert einen Newsfeed und hilft bei kleinen Coding-Projekten. Und es hat alle meine 50’000 Fotos analysiert. Wenn ich «Katze» eintippe, zeigt es alle Katzenbilder der letzten Jahre an. Wie bei Google Fotos, aber eben lokal bei mir. Ausserdem habe ich einen KI-Agenten eingerichtet. Er kennt alle Dienste, IP-Adressen und Ports meines Servers. Ich kann ihm auch von unterwegs schreiben: «Zeig mir alle aktiven Dienste» oder «Starte X neu» – und er macht.
Doch Grenzen gibt es: Das Kontextfenster ist auf meinem Mac kleiner als bei Cloud-Modellen, bei komplexen Aufgaben merkt man den Unterschied. Für anspruchsvolle Aufgaben greife ich darum weiterhin auf Anthropic und Google zurück. Aber für rund sieben von zehn Aufgaben im Alltag reicht es – und kostet nichts, ausser dem Preis für den Mac und den Kosten für den Strom.
Neben dem NAS steht seit kurzem auch ein Mac Mini mit M4-Chip in meiner Stube. Er läuft permanent als mein lokales KI-Hirn. Darauf ackert LM Studio, eine App, die Sprachmodelle lokal ausführt. Kein Wort, das ich in die Chatbox eintippe, verlässt das Gerät. Aktuell nutze ich Qwen. Es ist ein KI-Sprachmodell von Alibaba. Zwar stammt das Modell aus China, aber die Daten bleiben bei mir. Alibaba sieht meine Anfragen nicht. Anders als bei den Cloud-Versionen von Chat GPT und Gemini, wo jede Nachricht auf externen Servern landen.
Was mein KI-Hirn erledigt: Es verschlagwortet meine Bookmarks, verwaltet meine Notizen, kuratiert einen Newsfeed und hilft bei kleinen Coding-Projekten. Und es hat alle meine 50’000 Fotos analysiert. Wenn ich «Katze» eintippe, zeigt es alle Katzenbilder der letzten Jahre an. Wie bei Google Fotos, aber eben lokal bei mir. Ausserdem habe ich einen KI-Agenten eingerichtet. Er kennt alle Dienste, IP-Adressen und Ports meines Servers. Ich kann ihm auch von unterwegs schreiben: «Zeig mir alle aktiven Dienste» oder «Starte X neu» – und er macht.
Doch Grenzen gibt es: Das Kontextfenster ist auf meinem Mac kleiner als bei Cloud-Modellen, bei komplexen Aufgaben merkt man den Unterschied. Für anspruchsvolle Aufgaben greife ich darum weiterhin auf Anthropic und Google zurück. Aber für rund sieben von zehn Aufgaben im Alltag reicht es – und kostet nichts, ausser dem Preis für den Mac und den Kosten für den Strom.
Was bleibt
Im Büro nutze ich weiterhin Slack und Chrome. Der Arbeitgeber will das so. Wer es ändern will, muss die ganze Organisation mitnehmen. Kann ich ohne US-Big-Tech überleben? Nein, nicht komplett. Doch bei Software und den Diensten gibt es heute fast überall überraschend viele europäische Alternativen. Was sie taugen und was sie kosten, steht hier. Das Experiment beschränkte sich auf Onlinedienste. Bei der Hardware hört die Souveränität meist schon beim Prozessor auf.
An einem ganz normalen Morgen öffne ich jetzt noch neun US-Apps. Fünf weniger als vorher. Nächste Woche sind es dann nur noch acht.