Darum gehts
- In Zürich findet vom 20. bis 29. März das erste KI-Kunstfestival statt
- 25 Werke und 15 Veranstaltungen machen Algorithmen für alle erlebbar
- Der Eintritt zur Ausstellung im Kulturhaus Helferei ist kostenlos
Orange Flügel, filigrane Beine, aufgespiesst auf der Nadel wie ein Museumspräparat. Die drei Zentimeter grosse Motte sieht echt aus – wäre da nicht diese blonde Frisur, die das Insekt krönt. Unverkennbar. Die Motte Neopalpa donaldtrumpi gibt es, seit 2017 benannt nach dem US-Präsidenten. Doch das Exemplar, das im Kulturhaus Helferei in Zürich zu sehen ist, existiert so nicht in der Natur.
Das Künstlerkollektiv t8y hat es aus verschiedenen Mottenarten zusammengebaut und mit der berühmten trumpschen Tolle dekoriert. Der Clou: Wer das Insekt fotografiert und online teilt, vergiftet KI-Systeme. «Data Poisoning» nennt es die Forschung. Denn Firmen wie OpenAI grasen das Internet pausenlos nach Inhalten ab, um ihre KI-Modelle zu trainieren. Seit 2024 beobachtet t8y, wie KI-Modelle die Fake-Motte reproduzieren. Die Besucher dürfen mitmachen.
Propaganda aus den Fünfzigern
Die Motte ist eines von 25 Werken am KI-Kunstfestival «After The Algorithm», das nun zum ersten Mal in Zürich stattfindet. Festivalleiter Manuel Flurin Hendry ist Filmemacher, Dozent an der ZHdK und KI-Forscher an der ETH. In seiner Doktorarbeit vergleicht er Schauspieler, die Gefühle simulieren, mit Computern, die dasselbe versuchen. Hendry sagt: «Ich bin total begeistert von diesen Systemen. Aber man muss die Spreu vom Weizen trennen: was wirklich Forschung ist – und was Marketing.»
In der Medienmitteilung zum Event setzt er «Intelligenz» konsequent in Anführungszeichen. «Künstliche Intelligenz ist ein Propagandabegriff», sagt er. Den Ursprung hat der Begriff in den 1950er-Jahren, als der Informatiker John McCarthy den Begriff prägte. «Damals ging es darum, Geld vom Militär für Forschung zu bekommen. Heute geht es darum, Venture Capital Firmen zu überzeugen.»
Unter der Haube von ChatGPT
Hendry will kein Festival für Eingeweihte. Was soll also jemand mitnehmen, der bisher dachte, KI sei nichts für ihn? «Wenn Leute über KI reden, reden sie eigentlich über sich selbst», sagt er. KI sei eine Projektionsfläche. Die Ausstellung zeigt, was er damit meint. Die polnische Künstlerin Martyna Marciniak präsentiert an einem fiktiven Stand Produkte von KI-Konzernen als absurde Spielzeuge, inklusive einem «Panic Image Trading Terminal». In «Dancing Plague» der Künstlergruppe 2girls1comp fangen männliche «GTA»-Gangster an lasziv zu tanzen. Die Gruppe hat Moves, die sonst nur weibliche Sexarbeiterinnen im Spiel machen auf die männlichen Figuren gemoddet. Wer es weniger subversiv mag: Die Installation «generAItor» macht nachvollziehbar, was in einem grossen KI-Modell passiert, wenn es eine Antwort erzeugt. Ein KI-Escape-Room stellt gesellschaftliche und rechtliche Fragen. Und ein digitaler Einstein-Avatar der ETH antwortet auf Fragen der Besuchenden.
Nach dem Algorithmus
Was aber kommt denn nun nach dem Algorithmus? Hendry hat darauf eine überraschend analoge Antwort. An der ETH nahm er Informatikstudierenden Laptop und Handy weg, gab ihnen ein Heft und sagte: Redet miteinander. «Wenn die Maschinen die Antworten bringen, müssen wir die guten Fagen stellen.»
Das Festival «After The Algorithm» läuft vom 20. bis 29. März 2026 im Kulturhaus Helferei und im Karl der Grosse in Zürich. Die Ausstellung ist kostenlos, die Workshops und der Escape-Room kosten 5 Franken. atafestival.io