Darum gehts
- W Social startet am 17. Juni – ohne Bots, mit Ausweispflicht
- Bewusst überparteilich, keine politischen Blocklisten
- Knackpunkte: Pass-Registrierung und Top-down-Strategie
«Wenn Weidel sagt, Anna ist eine dumme Idiotin, okay, muss ich wohl hinnehmen», sagt Anna Zeiter zu Blick. Die Professorin für Datenrecht lanciert als CEO am 17. Juni ein «europäisches Twitter». Und auch wenn der schwedische Klima-Unternehmer und «Greta-Entdecker» Ingmar Rentzhog Investor ist, wehrt sich Zeiter gegen den Vorwurf der linken Schlagseite wie beim bisher prominentesten X-Flüchtlingsnetz Bluesky.
W will ausdrücklich alle Schichten und Lager ansprechen: «Auch Alice Weidel kann sich gerne anmelden, muss aber mit einem Pass kommen wie alle anderen auch», sagt Zeiter. Die AfD-Chefin giftelt allerdings bereits gegen das neue Netzwerk und twittert von «W wie woke».
Zeiter aber ist es ernst: Blocklisten, mit denen sich Bluesky-Nutzer ganze politische Lager wegfiltern, werde es nicht geben. Die W-CEO sucht gezielt konservative Medien und Politiker – sonst, sagt sie, werde W «genauso langweilig wie Bluesky». Den Befund teilt sie offen: «But it's boring. Da ist die Action nicht.»
Das Kernversprechen heisst Verifizierung. Wer posten will, muss sich einmalig als Mensch über 18 ausweisen – per Pass und kurzem Video. Danach würden die Daten gelöscht, es bleibe nur ein verschlüsselter Token. «Ein Mensch hat immer noch ein Gesicht und einen Pass. Alles andere kann vom KI-Bot gefakt werden», so Zeiter. Wer bloss lesen will, braucht keine ID.
Technisch sitzt W auf dem AT-Protokoll, demselben offenen Standard wie Bluesky. Das löst das «Empty Disco Problem»: Schon zum Start kann man mit rund 40 Millionen Konten aus dem Bluesky-Universum interagieren. Geld verdienen will W vorerst nicht; ab 2027 sollen kontextuelle Werbung und Mikrozahlungen für Medienartikel hinter Paywalls folgen.
Eine Alternative zur Alternative
Im Grunde ist W ein Versuch, das Erbe des Vor-Musk-Twitters anzutreten – jene Mischung aus Politik, Promis, Humor und Aktualität, die noch kein Nachfolger zurückgeholt hat. W positioniert sich damit als Alternative zur Alternative: Bluesky, Mastodon und Co. wollen seit Jahren die enttäuschten X-Nutzerinnen und -Nutzer einsammeln, so richtig gezündet hat keine. Genau hier liegt das erste Problem. Wer X verlassen hat, ist entweder ganz weg von Social Media – oder längst woanders angekommen. Ein weiteres Netz muss diese Leute erst zurückholen.
Auffällig ist auch der Bauplan. Die grossen Netze wuchsen von unten: zuerst Nerds, dann Junge, irgendwann die Prominenz. W macht es umgekehrt und holt zuerst die Chefs – ein Advisory Board voller Ex-Minister, Datenschützer und Techinvestoren, dazu Gespräche mit Regierungen. «Wir machen beides gleichzeitig», erklärt Zeiter. Ob den Spitzen aber die normalen Nutzer folgen, muss W erst beweisen.
Bleibt die grösste Hürde: die Registrierung. Sich mit dem Reisepass anzumelden, bringt zwar Sicherheit gegen Russentrolle und Co., ist aber aufwendig – und für viele schlicht eine Schwelle zu hoch, allen Löschversprechen zum Trotz.
Bleibt noch die Frage, warum W eigentlich W heisst. Zeiter lacht: «Der Grund ist, dass der Buchstabe im Alphabet vor X kommt.»
PS: Die Ringier-Publikationen Blick, «Beobachter», «Bilanz» und cash.ch sind bereits mit eigenen Accounts auf W präsent.