Lückenhafte Planung, blockierende Anwohner
Zürichs Umbau zur Velostadt nimmt trotz Widerstand Fahrt auf

Ab Mitte Februar baut Zürich weiter an der Vision, zur Velostadt der Schweiz zu werden. Schon im Herbst sollen Velofahrer sicher von Altstetten bis zum See radeln können. Doch mancherorts ist die Planung noch lückenhaft – oder Anwohner gehen auf die Barrikaden.
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Das Stadtzürcher Stimmvolk sagt im September 2020 mit satten 70,5 Prozent Ja zur Volksinitiative «Sichere Velorouten für Zürich».
Foto: Keystone

Darum gehts

  • Zürich hat erst 4 von 130 Kilometern Velovorzugsroute umgesetzt
  • 2026 werden zwei wichtige Strecken für Velofahrer in der Innenstadt fertiggestellt
  • Mancherorts regt sich Widerstand von Anwohnenden aufgrund des Parkplatzabbaus
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Andreas EngelRedaktor Auto & Mobilität

Das Stadtzürcher Stimmvolk sagt im September 2020 mit satten 70,5 Prozent Ja zur Volksinitiative «Sichere Velorouten für Zürich». Und unterstützt damit mehr als deutlich deren Ziel, «ein sicheres und sichtbares Netz von Velovorzugsrouten durch die Quartiere zu erstellen, auf der Velofahrerinnen und Velofahrer von einer Vortrittsberechtigung, breiten Velostreifen, einer klar erkennbaren Markierung und Tempo 30 profitieren.»

Die Stadt setzt erste Projekte wie etwa an der Baslerstrasse in Altstetten Richtung City schnell um. Trotzdem sind bis im Anfang Februar 2026 erst 4,3 Kilometer Velovorzugsroute tatsächlich gebaut – geplant bis 2031: insgesamt 130 Kilometer. «Nicht gerade eine Leistungsbilanz, mit der man prahlen kann», urteilte die Tiefbauvorsteherin und SP-Stadträtin Simone Brander Ende Januar selbstkritisch an einer SP-Veranstaltung, wie das Stadtmagazin «Tsüri» berichtet. Zugleich versprach sie: «Es ist ein bisschen wie beim Mikrowellen-Popcorn: Lange passiert nicht viel und irgendwann passiert alles gleichzeitig.»

Bis an den See – zumindest fast

Endlich vorwärtsgehen solls schon ab dem 16. Februar. Dann rollen die Bagger am Bullingerplatz in Wiedikon vor, um mit den Bauarbeiten der neuen Velovorzugsroute «Bullingerplatz–See» zu beginnen. Wer bisher vom Zürcher Kreis 4 Richtung See gelangen will, muss sich oft durch Engstellen mit dichtem Verkehr schlängeln. Besonders das Teilstück zwischen Stauffacherquai und Seebecken gleicht mancherorts einer Spiessroutenfahrt.

Stand der Umsetzung der geplanten Velovorzugsrouten durch die Stadt Zürich, Stand: Februar 2026.
Foto: Stadt Zürich

Doch wenn alles nach Plan läuft, soll damit bereits im Herbst 2026 Schluss und die Strecke befahrbar sein, wie das zuständige Tiefbauamt der Stadt Zürich mitteilt. Einen kleinen Haken hat die Sache: Die «sichere und intuitive Verbindung» führt eben nicht «direkt ans Wasser», wie eigentlich versprochen, sondern endet abrupt am vierspurigen General-Guisan-Quai – allerdings nicht auf Höhe des dortigen Fuss- und Veloübergangs. Personen, die mit dem Velo in Richtung Seebecken wollen, «stranden somit im Nichts», wie das «Velojournal» passend schreibt. Wie das Tiefbauamt gegenüber der NZZ vermeldet, brauche es daher ein weiteres Projekt, um die letzte Lücke zum See zu schliessen. Dieses befinde sich aktuell in Planung. Fertigstellung? Ungewiss.

Widerstand bremst Umsetzung

Konkreter sind die Pläne für den Abschnitt zwischen Stauffacher und Kasernenstrasse, Teil der Route «Altstetten–HB». Vier Einsprachen blockierten das Projekt lange Zeit. Kritik kam hauptsächlich wegen des Abbaus von 66 Parkplätzen auf – ohne Erfolg. «Es gibt keine Rekurse oder Einsprachen mehr, dieses Projekt ist im Frühling abgeschlossen», sagt Roger Schaad, Projektleiter Kommunikation des Tiefbauamts, auf Anfrage von «Tsüri». Auch andernorts werden die Bauarbeiten durch Einsprachen und Rekurse ausgebremst: 7 der geplanten 13 Velovorzugsrouten können aktuell nicht umgesetzt werden.

Besonders heftig ist der Widerstand in Wollishofen und Kilchberg, wo 72 Parteien Einsprache gegen die dort vorgesehene Route erhoben haben. Auch im Süden von Zürich geht es um den drohenden Parkplatzabbau im Quartier – und um die Sicherheit rund um die beiden Schulanlagen entlang der Kilchbergstrasse. «Viele Velofahrende nehmen bei den Fussgängerstreifen keinerlei Rücksicht auf Kinder, die die Strasse überqueren möchten», klagt Anwohner Fritz Klein gegenüber «Tsüri». Klein koordiniert den Widerstand gegen die geplante Route: «Wir werden den Fall mindestens bis vors Verwaltungsgericht bringen.»

Viele kleine Massnahmen

Angesprochen darauf, ob die Stadt die Umsetzung unterschätzt habe, sagte Simone Brander in einem Interview mit Radio SRF: «Ich wusste, dass es schwierig ist und es für die Umsetzung sehr viel Anstrengung braucht.» Sie werde zwar langsam ungeduldig, bezeichnete die vielen Einsprachen an anderer Stelle aber auch als «Zeichen einer funktionierenden Demokratie».

Neben dem Ausbau der grossen Vorzugsrouten plant Zürich für 2026 aber auch viele kleinere Massnahmen für die Verbesserung des Veloverkehrs. Unter anderem breite Velostreifen an der Hardstrasse oder einen abgetrennten Veloweg an der Manessenstrasse zwischen Manesseplatz und Sihlcity. Auf ihrer Website gibt die Stadt Zürich einen Überblick über bereits umgesetzte Projekte: neue Signalisationen, mehr Stellplätze, spezielle Velo-Ampeln, neu eingerichtete Einbahnstrassen. Zufrieden dürfte Brander aber erst sein, wenn auch die Anzahl umgesetzter Kilometer endlich steigt. Ein paar dürften dieses Jahr wieder dazukommen.

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