Darum gehts
- Seit 2022 dürfen Elektro-Lieferwagen bis 4,25 Tonnen wiegen
- Nur 12,2 Prozent der leichten Nutzfahrzeuge sind rein elektrisch
- Branche fordert weitere Erleichterungen, um leichte E-Nutzfahrzeuge attraktiver zu machen
Aus der Schule wissen wir noch: Bourgeoisie steht für wohlhabendes Bürgertum. Könnte folglich ein Bourgeois-Fahrzeug ein Auto für reiche Leute sein?
Nein, in Tat und Wahrheit hat die Bezeichnung Bourgeois-Fahrzeug einen ganz anderen Ursprung. Der Freiburger FDP-Nationalrat und frühere Direktor des Schweizer Bauernverbandes, Jacques Bourgeois (68), forderte am 30. Mai 2018 in einer Motion den Bundesrat auf, das zulässige Gesamtgewicht für emissionsfreie Lieferwagen von 3,5 auf 4,25 Tonnen zu erhöhen.
Grund: Mit seinem Vorstoss wollte Bourgeois die Logistikbranche bei der Dekarbonisierung unterstützen und verhindern, dass umweltfreundliche Elektro-Lieferwagen durch ihre schwere Hochvolt-Batterie weniger Güter transportieren dürfen als vergleichbare Nutzfahrzeuge mit Verbrennerantrieb. Zudem forderte der Parlamentarier, dass diese zwar schwereren, aber weniger umweltschädlichen Elektro-Transporter auch weiterhin mit einem Führerausweis der Kategorie B (PW) gefahren werden dürfen.
Seit 2022 gilt die neue Regel
Vier Jahre später wurde die Motion Bourgeois angenommen und führte zu einer Änderung der Verkehrsregeln, die seit 1. April 2022 in Kraft ist. Seither dürfen leichte Nutzfahrzeuge in der Schweiz bis zu 4,25 Tonnen wiegen, wenn die Gewichtserhöhung ausschliesslich aufs Antriebssystem zurückzuführen ist. Und seither bezeichnet man in der Autobranche diese leicht «übergewichtigen», aber umweltfreundlichen Lieferwagen als Bourgeois-Fahrzeuge – zurückzuführen auf den gleichnamigen, die Änderung initiierenden Freiburger alt Nationalrat, der übrigens am 3. Dezember 2023 nach 16 Jahren zurückgetreten ist.
Doch trotz dieser Anpassung kommt die Kategorie der Bourgeois-Fahrzeuge nicht so richtig in Fahrt. Während der Elektro-Anteil bei den schweren Brummis über 16 Tonnen inzwischen bei 25,1 Prozent liegt (also jeder vierte neu zugelassene schwere LKW fährt elektrisch), wächst der E-Anteil bei den leichten Nutzfahrzeugen, den Lieferwagen und leichten Sattelschleppern bis 3,5 beziehungsweise 4,25 Tonnen bedeutend langsamer. Dort beträgt der Marktanteil reiner Stromer erst 12,2 Prozent.
Doch die Branche hofft, dass der Bundesrat bald weitere Anpassungen im regulatorischen Umfeld beschliesst. Konkret die geplante Befreiung der Fahrer von den Arbeits-, Lenk- und Ruhezeitvorschriften im Binnenverkehr sowie der Verzicht auf die Fahrtenschreiberpflicht. So würden die Bourgeois-Fahrzeuge endlich weitgehend den herkömmlichen Lieferwagen bis 3,5 Tonnen gleichgestellt.