Darum gehts
- Bei Toledo kollidierte ein Renfe-Zug mit einem stehenden Iryo-Zug, mindestens 74 Menschen starben
- Funkmitschnitte zeigen, dass der Renfe-Zug trotz des stehenden Iryo mit 200 km/h weiterfuhr
- Der Fahrdienstleiter wies den Iryo-Lokführer zum Neustart an, Renfe informierte er wohl nicht
Auch einen Tag nach dem verheerenden Zugunglück südlich von Madrid sind die Fassungslosigkeit und Trauer in Spanien gross. Gegen 8.54 Uhr am Mittwochmorgen kollidierte nahe der Station Urda in der Provinz Toledo ein Hochgeschwindigkeitszug von Renfe mit einem stehenden Iryo-Zug.
Mindestens 74 Menschen starben, Dutzende weitere wurden verletzt. Noch immer suchen Rettungskräfte an der Unfallstelle nach Opfern und möglichen Überlebenden. Audioaufnahmen des Funkverkehrs, die der spanischen Zeitung «El Pais» vorliegen, geben nun Einblick in die letzten Momente vor der tödlichen Kollision.
Weiterfahrt mit 200 Kilometer pro Stunde
Gegen 8:30 Uhr beeinträchtigte ein Ausfall des LZB-Sicherheitssystems, das Zusammenstösse zwischen Zügen verhindern soll, sechs Fahrzeuge auf dem betroffenen Streckenabschnitt. Aufgrund des Computerproblems übernahmen die Mitarbeiter der Verkehrsleitzentrale die Krisenbewältigung.
Der Funkverkehr fand jeweils zwischen den Lokführern der beiden betroffenen Züge und einem Fahrdienstleiter des Bahnhofs Atocha in Madrid statt. Den ersten Kontakt gab es rund 20 Minuten vor der Kollision mit dem Lokführer des Renfe-Zuges. Der Fahrdienstleiter gab dem Lokführer scheinbar den Befehl, seine Fahrt mit «normaler Geschwindigkeit» fortzusetzen. Das heisst: 200 Kilometer pro Stunde!
Laut «El Pais» wurde die Anweisung erteilt, ohne dass der Fahrdienstleiter kontrollierte, ob sich noch ein anderer Zug auf der betroffenen Strecke befand. Genau das war jedoch der Fall.
Iryo-Zug bleibt stehen
Gut fünf Minuten später meldete sich der Iryo-Zug beim Fahrdienstleiter. «Guten Morgen, Atocha. Ich hatte ein Kommunikationsproblem. Das nächste Fahrzeug soll auf der Strecke mit mehr als 200 fahren. Aber ich habe keinen Funkkontakt hergestellt. Ich halte gerade an.»
Der Fahrdienstleiter weist die Lokführerin an, das betroffene System aus- und wieder einzuschalten. Danach soll auch der Iryo-Zug seine Fahrt mit «normaler Geschwindigkeit» wieder aufnehmen.
Kollision fünf Minuten nach Funk
Kurze Zeit später gab es den letzten Funkkontakt zum Iryo-Zug. Die Lokführerin erklärte dem Fahrdienstleiter, dass sie das System nicht neu starten und somit nicht weiterfahren könne. «Okay. Alles klar? Na dann, sobald es geht. Und wenn es Probleme gibt, rufen Sie uns einfach an», so die Antwort der Leitstelle.
Der Renfe-Zug, der zu diesem Zeitpunkt mit 200 Kilometern pro Stunde auf den Iryo-Zug zuraste, wurde wohl vom Fahrdienstleiter nicht über die technischen Probleme und den Stillstand informiert. Fünf Minuten nach diesem letzten Funkgespräch sollte es zur fatalen Kollision kommen.